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Erinnerungen: Meine 50er

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Die Wurzeln

1949 ca Anna Wilhelm Werner Horst Schneemann
Mut­ter (Anna), Vater (Wil­helm), Bru­der (Wer­ner) & ich; ca. 1949

1944 – im vor­letz­ten Jahr des Gro­ßen Wahn­sinns rang ich mich not­ge­drun­gen dazu durch, mei­ne beeng­ten Ver­hält­nis­se auf­zu­wei­ten und die Welt ken­nen­zu­ler­nen, wel­ches ‑soweit mich die Erin­ne­rung an die müt­ter­li­che Aus­kunft nicht trügt- “so um drei­ver­tel elewe” geschah.
Obwohl ich einen Bru­der hat­te, wuchs ich als Ein­zel­kind auf, denn mein Bru­der Wer­ner kämpf­te sich bereits 14 Jah­re frü­her in die­se Welt, die er nach 69 Jah­ren schon wie­der ver­ließ. Bei­na­he hät­te ich auch noch eine älte­re Schwes­ter beses­sen, wenn sie nicht bereits weni­ge Wochen nach ihrer Geburt wie­der ver­stor­ben wäre.
Vater, ein gebür­ti­ger Siers­le­be­ner, also äch­der Mans­fäl­ler, war Berg­mann im Mans­fel­der Kupfer­, genau wie sein Vater, und wie­der­um des­sen Vater und auch des­sen Vater …
Mut­ter ‑eben­falls aine äch­de Mans­fäl­lern aus Ober­riß­dorf- war, wie damals üblich, Haus­frau und sorg­te dafür, daß um drei Uhr nach­mit­tags das Essen auf dem Tisch stand; so war es Sit­te, so war es üblich, so war es Recht. Vater kam dann von der Schicht, die früh um Sechs begon­nen hat­te. Dazwi­schen lagen acht Stun­den har­ter Arbeit: In 800 Meter Tie­fe und in nahe­zu abso­lu­ter Dun­kel­heit, bei Tem­pe­ra­tu­ren um 30 Grad, knie­end, hockend, lie­gend auf scharf­kan­ti­gem Gestein, schweiß- und tropf­was­ser­naß, fein­pul­v­ri­gen Gesteins­staub ein­at­mend ramm­te er in einem 80 Zen­ti­me­ter hohen Streb einen ohren­be­täu­ben­den Preß­luft­ham­mer in den Berg, um das nur einen Zen­ti­me­ter star­ke Kup­fer­flöz frei­zu­le­gen.
Wenn Vater von der Schicht kam, war mei­ne ers­te Fra­ge immer die nach Hasen­brot. Ich weiß nicht wes­halb, aber auf eine wie­der mit zurück­ge­brach­ten Speck- oder Wurst­bemme war ich rich­tig gierig.

Willi Schneemann in Kameradschaft; Paulschacht Mansfelder land 1936
Wil­li Schnee­mann (Mit­te) in Kame­rad­schaft; Paul­schacht 1936

Uns Berg­ar­bei­ter­kin­dern war bei­zei­ten bewußt, wel­che Schin­de­rei hin­ter einem Stück­chen Gub­ber (Kup­fer) steck­te. 1989, als die DDR zusam­men­brach, brauch­te es gerau­me Zeit, zu rea­li­sie­ren, daß in jedem Bau­markt Kup­fer-Halb­zeu­ge ton­nen­wei­se zum Ver­kauf stan­den die man für sol­che unwich­ti­ge Din­ge wie Dach­rin­nen oder Fens­ter­ble­che mißbrauchte.

Vater begann die­se Fron, wie die über­wie­gen­de Mehr­heit der Mans­fel­der, im Alter von vier­zehn Jah­ren als Trecke­junge mit noch här­te­rer Arbeit: Es galt, die mit Kup­fer­schie­fer gefüll­ten und an einem Fuß befes­tig­ten Hun­te, lie­gend und sich mit einer Hand gegen die Firs­te abstüt­zend, im Streb nach vorn, zur Fahrt, zu schlep­pen, wo sie in För­der­wa­gen umge­la­den wur­den. Nicht ohne Grund konn­te ein Berg­mann mit Fünf­zig in Ren­te gehen und nicht weni­ge Berg­leu­te über­leb­ten den frü­hen Ren­ten­be­ginn nur um weni­ge Jah­re; Sili­ko­se (iche haw­wes uff dr Plau­ze) gehör­te irgend­wie zum Leben eines Berg­man­nes dazu. Mein Vater hat­te ein wenig mehr Glück; er fuhr erst am Pfingst­sonn­abend 1972 zum letz­ten Mal nach unter­ta­ge. Ver­kehrs­un­fall.
In den frü­hen Jah­ren der DDR beka­men die Berg­leu­te für die­se Schin­de­rei ‑im Mans­fel­der Sprach­ge­brauch: Glä­che- mit etwa 800 Mark aller­dings sehr viel Geld; das Gehalt mei­ner Schul­leh­rer lag zwi­schen 250 und 350 Mark und ein Alters­rent­ner, der kei­ne Knapp­schafts-Ren­te bezog, muß­te mit etwa 60 Mark aus­kom­men. Im Monat.
Bei­de Groß­vä­ter väter­li­cher- und müt­ter­li­cher­seits waren eben­falls Bärgkmän­ner, die noch mit der Keil­haue dem Kup­fer zu Lei­be rück­ten. Mut­ters Vater (er hat­te Vor­fah­ren im Heders­le­be­ner Bür­ger­meis­ter­amt) arbei­te­te nach sei­nem Ein­tritt in das Berg­mann-Rent­ner­le­ben als ein­fa­cher Land­ar­bei­ter auf dem Hof sei­ner Schwä­ge­rin ‑sie hat­te einen Thon­dor­fer Bau­ern gehei­ra­tet- für einen Hun­ger­lohn als Knecht. Sein Leben lang, bis zu sei­nem Tod 1960, war er ein Ver­eh­rer der Mon­ar­chie und nann­te Wil­hel­mII. nie anders als Sei­ne Majes­tät und brach­te bei Gele­gen­heit auch schon mal ein Pro­sit auf ihn aus. Wäh­rend ich die Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits sehr gut erin­ne­re, habe ich an mei­ne Vater-Eltern kei­ner­lei Erin­ne­rung, wozu die Tatsa­che, daß sie bereits vor Errei­chung mei­nes ers­ten Lebens­jah­res ver­star­ben, nicht unwe­sent­lich beitrug.

Inhalts­über­sicht

Die ersten Erinnerungen

Auf­ge­regt rut­sche ich auf dem Bei­fah­rer­sitz eines Last­wa­gens hin und her, wel­cher im Schrit­tem­po über das Kopf­stein­pflas­ter hol­pert. Ich win­ke hef­tig aus dem Fens­ter mei­ner drau­ßen neben dem Wagen her­lau­fen­den und zurück­win­ken­den Mut­ter zu. Die­se ers­te Auto­fahrt mei­nes Lebens erstreck­te sich über höchs­tens 100 Meter und ende­te an der Gast­stät­te Heklau, in deren Ober­ge­schoß sich das Kino Siers­le­bens befand. Wer der Fah­rer des Last­wa­gens war und war­um es über­haupt mög­lich war mit­zu­fah­ren, weiß ich nicht mehr. Dies ist mei­ne frü­hes­te Erin­ne­rung; so an die drei Jah­re war ich.
Eine wei­te­re sehr frü­he Erin­ne­rung betrifft einen blau-grau­en, bedruck­ten Kin­der-Tra­ge­man­tel mit einer hell gesäum­ten Kapu­ze. Die­ser Kin­der­man­tel war um die Schul­tern mei­ner Mut­ter geschlun­gen und hüll­te uns bei­de ‑Mut­ter und mich- glei­chermaßen ein. Ent­lang der Säu­me war er mit hel­len Rüschen besetzt. Ich sehe, wie Sie mich im Arm tra­gend, auf der Thon­dor­fer Stra­ße steht, die auf einer Stra­ßen­sei­te stück­wei­se fet­ten Gras­be­wuchs auf­wies, und mir klei­ne gel­be Feder­bü­schel zeigt, die durch das Gras tor­keln – Hühnerküken.

Inhalts­über­sicht

Wie man sich bettet…

Mein Bett stand direkt unter dem Dach unse­res klei­nen Hau­ses. Ledig­lich eine dün­ne, grau­blau gestri­che­ne Scha­lung war auf die Dach­spar­ren gena­gelt und trenn­te mich von den kal­ten Biber­schwän­zen. Eine Iso­la­ti­on mit Dämm­stof­fen und Dampf­sper­ren, wie es heu­te Stan­dard ist, war damals völ­lig unbe­kannt. Des­halb war es im Win­ter innen fast so kalt wie drau­ßen. Der Atem­hauch schlug sich als kal­ter Reif auf der Bett­de­cke nie­der, war unan­ge­nehm an Kinn und Hals und war so nor­mal, wie die dicken Eis­blu­men am ein­fach ver­glas­ten Fens­ter der Boden­kam­mer. “K(g)äätzte” es drau­ßen, lag mor­gens sogar über­all im Boden­raum Flug­schnee, der auch durch die kleins­ten Rit­zen sei­nen Weg ins Inne­re fand. Ver­schwand ich win­ter­abends ins Bett, hat­te Mut­ter mit einem hei­ßen Zie­gel­stein das­sel­be im Fuß­be­reich schon etwas vor­ge­wärmt. Für jedes Fami­li­en­mit­glied lag ein Klin­ker ‑also ins­ge­samt vier- in der Brat­röh­re der Koch­ma­schi­ne.
Wenn ich unse­rer Kat­ze hab­haft wer­den konn­te, ver­such­te ich sie zu über­zeu­gen, mich zu wär­men; deren Ver­lan­gen danach war aber nicht über­mäßig aus­ge­prägt.
In mei­nem Bett lag die übli­che drei­tei­li­ge (plus Keil­kis­sen) mit See­gras gefüll­te Matrat­ze. Die etwas bes­se­re Qua­li­tät mit Roßhaarfül­lung stand einem Berg­manns-Haus­halt nicht zu, da muß­te man schon Stei­ger sein. Oder Pas­tor. War man gar Ober­stei­ger oder Arzt, dann durf­te man sich auf Feder­kern­ma­trat­zen wie­gen. Mei­ne Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits und dar­über hin­raus sehr vie­le Bekann­te, Nach­barn und Ver­wand­te hat­ten in ihren Bet­ten noch Stroh­sä­cke. Die­se wur­den zwei­mal im Jahr frisch gestopft und waren dann beacht­lich volu­mi­nös auf­ge­plus­tert.
Die­ser Boden­raum ent­hielt noch eine Men­ge Kar­tons in denen sich eini­ge Hun­dert Glück­wunsch- und Ansichts­kar­ten, meh­re­re Dut­zend Blu­sen- und Matro­sen­kra­gen, Bon­bon­glä­ser (bereits geleert), Streich­höl­zer und Ker­zen (wur­den suk­zes­si­ve bereits im Haus­halt ver­braucht), Sta­pel von Papp-Wurst­tel­lern, je ein Senf- und Kaf­fe­spen­der und vie­les mehr befan­den. Das alles waren die Über­res­te von “Hul­da Schnee­mann – Colonialwaaren”.

Inhalts­über­sicht

Der Kindergarten im Wirtshaus

kindergarten-siersleben-1950
Mei­ne Sand­kas­ten­freun­de im Siers­le­ber Kin­der­gar­ten; 1950

Ja, das gab es: In dem nach dem Gro­ßen Krieg am Boden lie­gen­den Deutsch­land konn­te man ganz­tä­gig einen Kin­der­gar­ten besu­chen. Ein sol­cher war in Siers­le­ben ein­ge­rich­tet im Ver­eins­zimm er der Wirt­schaft “Zur Kugel”, in der die Wir­tin Her­mi­ne das Sagen hatte.

Kein Mensch nann­te das Wirts­haus bei sei­nem Namen; es hieß ein­fach nur “bei Her­mi­ne”. Her­mi­ne war eine sprö­de Frau, vor der ich immer ein wenig Angst ver­spür­te. Sie hat­te eine lau­te, ange­r­au­h­te, die Mans­fel­der Mund­art per­fekt arti­ku­lie­ren­de Stim­me. Ihrer Phy­sio­gno­mie nach, könn­te sie von den Habs­bur­gern abstam­men; nie­mand aber hat je der­art Unglaub­li­ches ver­nom­men…
Selbst Jah­re spä­ter, als ich schon mein Bier allein trin­ken durf­te und das auch hin und wie­der bei Her­mi­ne tat, hat­te ich immer noch ein wenig Angst vor ihr; brauch­te ich natür­lich nicht, weil ich mein Bier ja immer bezahlte.

Also, im Ver­eins­zim­mer ihrer Wirt­schaft spiel­ten wir bei weni­ger schö­nem Wet­ter mit unse­rem beschei­de­nen Spiel­zeug: Holz­bau­klöt­ze und ‑autos, Kauf­manns­la­den mit bunt lackier­tem Gips­ku­chen und Gips­würs­ten und necki­schen klei­nen Aus­zieh­käst­chen, Pup­pen mit selt­sa­men schlaf­fen und mit irgend­wel­chem wei­chen Zeug aus­ge­stopf­ten Kör­pern, fla­che, lackier­te Holz­tie­re, die man zu einem Bau­ern­hof zusam­men­stel­len konn­te. Auch erin­ne­re ich mich an geloch­te Pap­pen, auf die man mit klei­nen, ver­schie­den­far­bi­gen Ton­per­len bezau­bern­de Mus­tern legen konn­te; damit spiel­ten aber nur “de glai­en Mää­chen” – nix für uns Jungs. Auch fällt mir beim Stich­wort Spiel­zeug Flecht­pa­pier ein, damit konn­ten (natür­lich nur von Mächn) wun­der­hüb­sche, bun­te Unter­set­zer papier­ge­webt wer­den.
Wenn das Wet­ter es zuließ, spiel­ten wir im Frei­en. Dazu stand uns der ehe­ma­li­gen Bier­gar­ten der Kugel zur Ver­fü­gung. Dort hat­ten wir eine gro­ße Rasen­flä­che und einen Sand­kas­ten zum Spie­len zur Ver­fü­gung. Gan­ze Tage ver­brach­ten wir im Sand­kas­ten, wech­sel­ten Bäum­chen, lie­ßen den Plump­sack umge­hen und hat­ten fürch­ter­li­che Angst vorm Schwar­zen Mann. Hat­te jemand von uns Knirp­sen Geburts­tag, gab es immer als Stan­dard­ge­schenk eine klei­ne Blech­schip­pe, zwei oder drei Sand­förm­chen und ein klei­nes Sieb. Es waren schö­ne Din­ge, die unser klei­nes Herz klop­fen lie­ßen. Ein Neben­raum unse­res Auf­ent­halts­rau­mes dien­te als Schlaf­raum. Hier waren ein­fa­che, mit einem Stroh­ge­flecht bespann­te, Klapp-Prit­schen auf­ge­stellt. Auf die­sen Prit­schen hiel­ten wir unse­ren Mit­tags­schlaf (den ich heut­zu­ta­ge meist hef­tig ver­mis­se).
Lei­der aber sind mir vie­le Namen derer, die auf neben­ste­hen­dem Bild zu sehen sind, nicht mehr gewär­tig, son­dern nur eini­ge: Karin Kem­pa, Wil­li Sau­er, Ernst Teuch­ner, Diet­mar Mokros, Rai­ner Gün­ther, Lilo Tisch­ler und Wil­ma Rück­schloß. Viel­leicht bekom­me ich ja ein paar Hinweise.

Inhalts­über­sicht

Biomalz ist einfach zum K…

Ob wir im Kin­der­gar­ten auch regel­mä­ßig Mit­tag­essen beka­men, weiß ich nicht mehr; ich glau­be eher nicht. Aber – es gab das gesun­de Bio­malz! Noch heu­te, nach 65 Jah­ren, bekom­me ich Gän­se­haut, wenn ich dar­an den­ke. Alle Kin­der beka­men täg­lich ihren Löf­fel vol­ler Gesund­heit. Ich hat­te jedes­mal mit Ekel- und Wür­ge­at­ta­cken zu kämp­fen, allein, unse­ren Kin­der­gärt­ne­rin­nen, die stets frisch gestärk­te, wei­ße Schür­ze tru­gen, sahen das weni­ger eng und füll­ten uns ab – ob wir gesund sein woll­ten oder nicht.
Um ein Viel­fa­ches schlim­mer als die Bio­malz-Quä­le­rei waren die sani­tä­ren Ver­hält­nis­se in unse­rem Kin­der­gar­ten. Wie zu die­ser Zeit üblich, gab es fast aus­schließ­lich Tro­cken­toi­let­ten, die, ins­be­son­de­re im Som­mer, fürch­ter­lich stan­ken und unglaub­lich schmut­zig waren. Wann hat man je davon gehört, daß es auf dem Dorf Toi­let­ten mit Was­ser­spü­lung gab? Flie­ßen­des Was­ser zum Waschen unse­rer Patsch­händ­chen gab es nur aus einer nor­ma­len Pum­pe, die auf dem Hof von Her­mi­ne stand.
Aber wir spiel­ten natür­lich nicht nur im Gar­ten, manch­mal unter­nah­men wir klei­ne Wan­de­run­gen, den kur­zen Bein­chen ange­mes­sen. Meh­re­re Male besuch­ten wir dabei Hor­n­e­manns Bock­wind­müh­le. Es knarr­te und ächz­te immer bedroh­lich, wenn sie von ihm in den Wind gedreht wur­de; ob Knar­ren und Äch­zen von der Müh­le oder vom alten Hor­n­e­mann kamen, war nicht aus­zu­ma­chen. Die Wind­müh­le stand zwi­schen Hübitz und Siers­le­ben. Der Weg dort­hin führ­te über den Hübit­zer Weg, vor­bei an Erd­men­gers klei­nem Schreib­wa­ren­la­den und wenn man den Dei­welsz­wern hin­ter sich hat­te, war man schon fast da.
War gera­de Mahl­tag, betrach­te­ten wir ehr­fürch­tig stau­nend die vor­bei­zi­schen­den Müh­len­flü­gel und wur­den ermahnt, nur ja nicht zu dicht her­an­zu­tre­ten, damit wir nicht geköpft wur­den. Mehr Vor­sicht war damals nicht not­wen­dig; Rechts­an­wäl­te wären verhungert.

Blumenfest in Clausings Garten
 
  Blumenfest in Clausings Biergarten, 1948

Blu­men­fest in Clausings Bier­gar­ten, 1948

Eine wei­te­re Erin­ne­rung betrifft ein soge­nann­tes Blu­men­fest. Unse­re “Tan­ten” hat­ten für jeden ihrer Schütz­lin­ge ein klei­nes Hüt­chen aus Papier gebas­telt und ‑bis auf eines- mit Tusche bunt bemalt. Neben dem Hüt­chen hat­ten sie noch an einen klei­nen Stock einen Blu­men­strauß gebun­den und jedes Kind durf­te sich Hut und Blu­men­stock selbst aus­su­chen. An die­sem Mor­gen kam ich ver­spä­tet in den Kin­der­gar­ten; alle Kin­der schnat­ter­ten unter ihren Hüt­chen her­vor und freu­ten sich. Die Hüte waren also bereits ver­teilt und auf dem brei­ten Fens­terbrett lag nur noch einer – der weiß-graue, der unbe­mal­te Hut. Den Trä­nen nahe set­ze ich ihn auf mei­nen Kopf. Die mit einem Blei­stift auf­ge­zeich­ne­ten, sich kreu­zen­den zwei Lini­en waren wenig geeig­net, den Hut schön zu fin­den; wenigs­tens das Blu­men­stöck­chen aber war bunt.
Der­art aus­ge­stat­tet wan­der­ten wir sin­gend in einer klei­nen Pro­zes­si­on die Haupt­stra­ße ent­lang bis zur Dorf­lin­de und die Mit­tel­stra­ße hin­un­ter zu Clausings Cafe. Die dazu­ge­hö­ren­de Bäcke­rei, war mit einer Schank­er­laub­nis aus­ge­stat­tet, so daß alle Bäcker­meis­ter gleich­zei­tig Wir­te waren. Hin­ter Clausings Wirt­schafts­bä­cke­rei lag ein Bier­garten mit unbe­que­men Klapp-Gar­ten­stüh­len und eben­sol­chen Tischen. Wir häpel­ten aufge­regt auf die Stüh­le und harr­ten rot­oh­rig der Din­ge, die da viel­leicht kom­men. Und sie kamen – in Form von glä­ser­nen Eis­be­chern, in denen herr­lich bun­te Eis­ku­geln leuch­te­ten. So kam ich ‑und mit mir wahr­schein­lich auch alle ande­ren Zwer­ge- zur ers­ten Eis­por­ti­on unse­res Lebens.
Ein Kin­der­fa­schings-Tag ist eben­falls in mei­nem Gedächt­nis hän­gen geblie­ben, bei dem ich, einem Vor­schlag mei­ner Mut­ter fol­gend, einen Bau­ern gab: ”Wenn Du als Bau­er gehst, brauchst Du kein Kos­tüm und ich habe ich kei­ne Arbeit damit”. Das leuch­tet heu­te ein.
Ohne Tie­re aller­dings gibt ein Bau­er nicht all­zu viel her (heu­te ist das anders – Bau­er hat Wind­müh­le), also beschloss mei­ne Mut­ter, daß mein Holz­ferd mit­zu­neh­men nicht falsch sein kön­ne. Die Bei­ne des Pfer­des waren in einem Brett ‑wel­ches auf Rädern lief- fest­ge­leimt. Insge­samt errich­te es damit eine Höhe, von etwa 60 Zen­ti­me­tern, gera­de rich­tig für einen Vier­jäh­ri­gen. Ich zog, schlepp­te und schob mei­nen Gaul zum Kin­der­gar­ten, wo er von fast allen Spiel­ka­me­ra­den behop­pelt wur­de, wel­ches aller­dings nur begrenzt mein Wohl­wollen fand.
Am Nach­mit­tag war Schluß mit Fasching, mit Pfann­ku­chen essen und Brau­se trin­ken und damit war auch mein Bau­ern-Dasein zu Ende. Miss­mu­tig schob ich mein Pferd nach Hau­se. Der Zügel aus dün­nem Kunst­le­der war zer­ris­sen, der lan­ge Schweif rutsch­te immer wie­der aus sei­nem Loch, ein Steig­bü­gel­rie­men war eben­falls geris­sen, die stei­fen Pfer­de­oh­ren waren zer­knit­tert, alle in das Brett ein­ge­leim­ten Bei­ne hat­ten sich gelöst und wackel­ten. Also – unterm Strich war die Bau­ern-Idee mei­ner Psy­che wenig zuträglich.

Inhalts­über­sicht

Wir kleinen Friedenskämpfer

So klein wir waren, zum Frie­dens­kampf reich­te es alle­mal. Damals fing die sozia­lis­ti­sche Indok­tri­na­ti­on so lang­sam an, Brei­te zu gewin­nen; die Welt wur­de schwarz-weiß: Ame­ri­ka – böse, Sowjet­uni­on – gut.
Wir waren fröh­lich, als man uns erklär­te, daß Frie­dens­kämp­fer jetzt eine DDR gegrün­det hät­ten und wir sie gegen Böse schüt­zen müs­sen – das gan­ze Reper­toire, das mich 40 Jah­re lang beglei­te­te. Nie­mand konn­te sich vor­stel­len, was oder wer das sei: DDR – Na, ein Staat, ein Land, unser Land. Und wir müs­sen unser Land ver­tei­di­gen- was ist ver­tei­di­gen? Wo ver­tei­di­gen? Jetzt gleich? Auch im Dunk­len? – Alles viel zu abs­trakt für Vier­jäh­ri­ge.
Wir rie­fen im Chor “Ami Go Home” und “Nie­der mit Ade­nauer” und “Wir wol­len Frie­den auf lan­ge Dau­er – Dar­um weg mit Strauß und Ade­nau­er!”. Wenn wir das näm­lich im Chor rufen, gehen die bösen Amis vor Schreck nach Hau­se. Sie ren­nen davon – aus West­deutsch­land genau­so wie aus Korea. Was ist denn Korea? Ist Korea West­deutsch­land? Mein Gott, wir waren über­haupt nicht in der Lage die Bedeu­tung sol­cher Berie­se­lung zu erfas­sern. Wir kann­ten kein Korea – und Amis kann­ten wir nur aus Erzäh­lun­gen, in denen sie bes­ser weg­ka­men, als man uns ver­such­te bei­zu­brin­gen. Die Erwach­se­nen wuß­ten, wovon sie spra­chen, konn­ten sie doch das Auf­tre­ten bei­der Be­satzungsmächte unmit­tel­bar ver­glei­chen, denn zunächst besetz­ten nach Kriegs­en­de die Ame­ri­ka­ner für eini­ge Mona­te unse­re Regi­on, um sie dann ‑im Rah­men des Pots­da­mer Abkom­mens- an die Rus­sen zu über­ge­ben.
Wir san­gen aber nicht nur Ami Go Home, son­dern auch nach der Melo­die eines damals aktu­el­len Schla­gers, den Bul­ly Bulan ‑so glau­be ich- sang “Chia chia cho – Käse jiwwets im HO – Fische jiwwets an der Gren­ze – wenn de drahn kämmst jibt es nur noch Schwän­ze …” Hhmm

Inhalts­über­sicht

Nicht für die Schule lernten wir

Stolz: Der Erster Schultag

Hell­blau die Tüte, gol­den die Spit­ze, rosa der Krepp-Papier-Ver­schluß – das war mei­ne Zucker­tü­te. Weiß das Hemd, weiß die Kniest­rümpfe und dun­kel­blau die kur­ze Hose – das war ich. Bei­des zusam­men – das war mein ers­ter Schul­tag am 1. Sep­tem­ber 1951.

Das ganz­jäh­ri­ge Tra­gen kur­zer Hosen bis zur Kon­fir­ma­ti­on durch uns Jun­gen war die Regel. Im Win­ter­halb­jahr trug man die äußerst lächer­li­chen lan­gen, brau­nen, maschi­nen­ge­wirk­ten Strümp­fe, die von einem Leib­chen gehal­ten wur­den. Einem Leib­chen! Mei­nes war aus hell­blau­er Wol­le gehä­kelt und vorn mit meh­re­ren Wäsche­knöp­fen zu schlie­ßen.  Vom Leib­chen bau­mel­ten vier geloch­te Gum­mi­bän­der mit einer Art Span­ge am Ende, in wel­che die Strump­frän­der geknöpft wur­den.
War es rich­tig kalt, hat­ten alle Kin­der zwi­schen Leib­chen und Strumpf blau­ge­fro­re­ne Haut, denn eines war immer zu kurz – Strümp­fe oder Hose.  Ließ die Wit­te­rung es zu, roll­ten wir die Strümp­fe nach unten; mit den dicken brau­nen Strick­würs­ten um unse­re dün­nen Knö­chel­chen sahen wir sehr schick aus (60 Jah­re spä­ter kup­fer­te Whit­ney Hous­ton die­ses Sty­ling für sich selbst ab, sie­he vori­ges Bild). Im Som­mer­halb­jahr wur­den die lan­gen Strümp­fe gegen Knie­strümp­fe getauscht, die aller­dings nur sonn- und fei­er­tags getra­gen wur­den. Den Som­mer über lie­fen wir ohne Strümp­fe und auch ohne Schu­he; bar­wes Laa­fen nann­te man das.

Die Ein­schu­lungs­fei­er fand im Tanz­saal bei Her­mi­ne statt. Die Fest­re­de hielt der Herr Direk­tor G., der nach einem Jahr in west­li­cher Rich­tung ver­schwand oder ver­schwin­den muß­te – ich weiß es nicht.
Mein ers­ter Klas­sen­raum befand sich in der Alten Schu­le (heu­te gehört das Gebäu­de einem mei­ner bes­ten Schul­freun­de) in der ‑na, klar- Schul- /​ Ecke Teich­stra­ße. Den ers­ten Ein­druck beim Betre­ten habe ich nicht ver­ges­sen: Da war zunächst die­ser typi­sche Geruch; der Raum besaß Holz­die­len, die mit einem Fuß­bo­den­öl getränkt wur­den. Die­ses ver­lieh dem Fuß­bo­den eine schmut­zig-schwarz-brau­ne Far­be und hin­ter­ließ den opti­schen Ein­druck von Näs­se. Ich sehe noch das Warn­schild ”Vor­sicht! Frisch geölt!” über mir.
Im Klas­sen­raum stan­den zwei Bank­rei­hen, wohl noch aus Kai­sers Zei­ten. In den zwan­zi­ger Jah­ren, hat­ten in Ihnen bereits unse­re Eltern geses­sen. Sitz­bank und Schreib­flä­che waren mit­ein­an­der ver­bun­den und boten Platz für drei Schü­ler. An jedem Platz befand sich eine aus­ge­fräs­te Nut als Abla­ge für das Schreib­ge­rät und ein in die Bank ein­ge­las­se­nes Glas­fäß­chen für Tin­te.
Als ein­mal das Brenn­ma­te­ri­al für den an der Wand ste­hen­den, wuch­ti­gen guß­ei­ser­nen Ofen aus­zu­ge­hen droh­te, wur­den die Schü­ler gebe­ten, nächs­ten­tags ‑wenn mög­lich- ein Bri­kett mit­zu­brin­gen; bei etwa 25 Schü­lern konn­te damit den gan­zen Tag geheizt wer­den.
Die Schul­ta­fel ruh­te auf einem Gestell und konn­te durch Umklap­pen gewen­det wer­den und war eine ver­grö­ßer­te Aus­fer­ti­gung unse­rer Schie­fer­ta­fel – auf der Vor­der­sei­te Schreib­li­ni­en und rück­wär­tig Rechen­käst­chen – mei­net­we­gen auch umge­kehrt.
Die meis­ten Kin­der besa­ßen einen rich­ti­gen Schul­ran­zen, wenn­gleich er sel­ten laden­neu war. Im ers­ten Schul­jahr hat­te der Ran­zen nur wenig Uten­si­li­en zu fas­sen: Die Schie­fer­ta­fel, den mit einem Bind­fa­den an der­sel­ben befes­tig­te Schwamm und den Schie­fer­kas­ten, der in drei Fächern Schie­fer­grif­fel, Feder­hal­ter und Federn auf­nahm – Letz­te­re wur­den aller­dings im ers­ten Schul­halb­jahr noch nicht benutzt. Mei’ Schew­wergasdn war aus lind­grün lackier­tem Holz mit bun­ten Blüm­chen auf dem Schie­be­de­ckel. Manch­mal geschah es, daß beim all­mor­gend­li­chen Vor­zei­gen der Haus­auf­ga­ben die Tafel durch den Inhalt des Ran­zens unab­sicht­lich gelöscht war. Unse­re Leh­re­rin tat dann so, als ob sie uns das glaube.

Bei einem Besuch, mehr als sech­zig Jah­ren nach Schul­be­ginn, zeig­te mir mein Freund Han­si tie­fe Rie­fen oder Fur­chen, die sich etwa in Hüft­hö­he in den Zie­gel­stei­nen der Alten Schu­le befan­den und erklär­te mir, daß Genera­tio­nen von Schü­lern ‑uns bei­de inbe­grif­fen- hier ihre Schie­fer-Grif­fel ange­spitzt hät­ten. Als er das sag­te, war es auch wie­der in mei­nem Gedächt­nis präsent.

Erst im zwei­ten Schul­halb­jahr der Ers­ten Klass­se, benutz­ten wir dann rich­ti­ge Hef­te aus Papier und lern­ten zunächst den Blei­stift und ‑wie­der ein hal­bes Jahr spä­ter- auch Feder und Tin­te zu benut­zen. Um die in die Bän­ke ein­ge­las­se­nen Tin­ten­glä­ser zu fül­len, stand immer eine Liter­fla­sche mit ”Schul­tin­te, schwarz” im Schrank neben der Krei­de und ande­ren Unter­richts-Uten­si­li­en. Vie­le Schü­ler ‑auch ich- aber kauf­ten lie­ber bei Erd­men­ger im Mühl­weg ”Barock Schreib­tin­te, blau”, da uns die Far­be bes­ser gefiel. Füll­fe­der­hal­ter durf­ten wir erst spä­ter benut­zen, ich glau­be, ab drit­ter Klas­se; Kugel­schreiber kann­ten wir noch nicht, die­se fan­den erst Mit­te der sech­zi­ger Jah­re in die Läden.
An Schul­bü­chern besa­ßen wir die Fibel, ein Rechen­buch und den “Schul­at­las – Klas­se 1 bis 4”. Ich sehe die Fibel noch deut­lich vor mir: OMA AM (gemal­ten Ofen) /​ LENI LAUFE /​ SUSI RENNE /​ VOR DEM HAUSE EIN RAD /​ O – EIN MOTORRAD usw.
Am Nach­mit­tag mei­nes ers­ten Schul­ta­ges gab es noch ein­mal Trä­nen: Die Kat­ze hat­te die ein­zi­ge Tafel Scho­ko­la­de gefres­sen! Die­se Scho­ko­la­de war das, auf das ich mich am meis­ten freu­te; so etwas gab es zu erschwing­li­chen Prei­sen nicht zu kau­fen, jeden­falls nicht hier und zu die­ser Zeit. Mein Bru­der aus Cux­ha­ven hat­te sie mir zur Ein­schu­lung geschickt. Damals waren Wün­sche und Gaben sehr beschei­den – eben­so, wie der Inhalt mei­ner Zucker­tü­te: Ein von mei­ner Mut­ter mit bun­ter Strick­wol­le zusam­men­ge­hef­te­tes Lepo­rel­lo von Glück­wunsch­kar­ten, der oben erwähn­te Schie­fer­kas­ten samt Inhalt und selbst­ge­ba­cke­ne Kek­se. Dazu kamen noch rot-wei­ßes Bruch-Pfef­fer­minz und Mai­blät­ter-Bon­bons; bei­des bei Nau­mann, Gar­ten­stra­ße gekauft.

Inhalts­über­sicht

Schlagkräftig: Erziehungshilfen

Bereits in der ers­ten Klas­se gab ich öfters mal den Klas­sen­kas­per, was dazu führ­te, daß ich schon nach weni­gen Schul­tagen mei­ne ers­te Ohr­fei­ge von unse­rer Klas­sen­leh­re­rin Fräu­lein K. ein­steck­te.
Ein ande­rer Leh­rer, Herr R., nahm, bevor er schla­gen­de Argu­men­te zu gebrau­chen dach­te, sei­ne Uhr vom Arm, leg­te sie sorg­fäl­tig auf dem Tisch ab, nann­te dann den Namen des Delin­quen­ten, befahl ihn nach vorn, belehr­te in hand­greif­lich, band sich die Uhr wie­der um und setz­te sei­nen Unter­richt fort, als wäre nichts gesche­hen.
Wie­der­um ein wei­te­rer Leh­rer hat­te die Ange­wohn­heit, ertapp­te oder auf­ge­fal­le­ne Schü­ler ‑aber aus­schließ­lich Jun­gen- an den Ohren aus der Bank hoch und immer höher zu zie­hen. Manch­mal prüf­te er auch die Reiß­fes­tig­keit der Wan­gen, indem er hin­ein kniff und dann die Haut­fal­te dreh­te. Bei­des waren gefürch­te­te, weil schmerz­haf­te Erzie­hungsmethoden.
Was gab es noch für Erzie­hungs­hilfs­mit­tel? Das waren Strei­che mit Gei­gen­bo­gen, Line­al, Schul- und Klas­sen­buch, Zei­ge­stock und ande­re Gegen­stän­de des täg­li­chen Leh­rer­be­darfs – wie Schwamm und Krei­de. Klei­ne­re Hie­be, etwa auf den Hin­ter­kopf (“Schwatz nicht”) so im Vor­bei­ge­hen, waren für uns abso­lut nor­mal. Es war ja nicht so, daß man eine Kopf­nuß ein­fach so, ohne jeden Grund, bekam – das war eben die Reak­ti­on auf ein Fehl­ver­hal­ten. Man spür­te, daß man sich nicht regel­ge­recht ver­hal­ten hat­te und lern­te dar­aus. Offi­zi­ell war Züch­ti­gen zwar ver­bo­ten, doch nie­mand wag­te es, zu Hau­se bei den Eltern Beschwer­de zu füh­ren. Bes­ten­falls gab es von ihnen zustim­men­de Kom­men­ta­re; schlimms­tenfalls noch eine wei­te­re Ohr­fei­ge oben­drein.
Kein Leh­rer wur­de wegen Kör­per­ver­let­zung ange­zeigt und kein Schü­ler fühl­te sich in sei­nen Per­sön­lich­keits­rech­ten ver­letzt. Kein Schü­ler wur­de gefragt, ob heu­te denn Unter­richt statt­fin­den sol­le oder ob man doch lie­ber die Inte­gra­ti­on der Umsied­ler in die Dorf­ge­mein­schaft nun end­lich ein­mal aus­dis­ku­tie­ren wol­le. In der Schu­le lern­ten wir, dazu war sie da. Nie­mand wäre auf eine so absur­de Idee gekom­men, Fächer abzu­wäh­len. Wenn auf dem Stun­den­plan Mathe­ma­tik stand, dann wur­de gerech­net und der Leh­rer dik­tier­te etwa: ”Ein Bau­er ver­kauft einen Dop­pel­zent­ner Kar­tof­feln für 10 Mark. Wie­viel ver­dient er, wenn er 25 Dop­pel­zent­ner ver­kauft und die Kos­ten für Anbau und Ern­te 0,80 Mark je Zent­ner betru­gen?
Dann wur­de geschaut, wie die Auf­ga­be auf­be­rei­tet wur­de, d.h. es wur­den alle Zah­len und Wer­te in ”gege­ben” und ”gesucht” unter­teilt, wie wur­de die Lösung vor­be­rei­tet, wel­cher Rechen­weg wur­de ein­ge­schla­gen und stimmt das Ergen­bis nume­risch. Dafür gab es Punk­te und anhand der Punk­te gab es Noten. Bas­ta. Ent­we­der ver­stand man die Auf­ga­be, dann konn­te man sie rech­nen oder eben nicht. Es gab kei­ne Rechen‑, Lese‑, Recht­schreib- und ande­re Schwä­chen. Obi­ge Auf­ga­be in das heu­ti­ge Schul­sys­tem trans­po­niert könn­te viel­leicht so lauten:

Ein Öko-Agrar­wirt erzielt auf dem frei­en Markt für 100 kg Bio-Kar­tof­feln einen Umsatz von 100 Euro. Ver­kauft er 2500 kg, erhöht sich sein Erlös auf 2500 Euro. Die Erzeug­er­kos­ten für nach­hal­ti­gen öko­lo­gi­schen Anbau und umwelt­freund­li­che und nach­hal­ti­ge Ern­te betru­gen ins­ge­samt 500 Euro, so daß sein Gewinn vor Steu­ern 2000 Euro beträgt. Voll­zie­he die­ses Bei­spiel markt­wirt­schaft­li­cher Gege­ben­hei­ten in Gedan­ken nach, unter­strei­che das Wort Kar­tof­fel mit einem naturbe­lassenen Blei­si­ft, dis­ku­tie­re über das Ergeb­nis und demons­trie­re anschlie­ßend dagegen.

Mei­ne Schul­leis­tun­gen waren immer Mit­tel­maß. Ich lern­te nie­mals in dem Sin­ne, daß ich ein Lehr­buch auf­schlug und ver­such­te, mir den Stoff ein­zu­prä­gen. Auch spä­ter in der Leh­re und wäh­rend des Stu­di­ums tat ich das nicht. Den wäh­rend der Unter­richts­stun­den gebo­te­nen Stoff nahm ich auf oder auch nicht. Fer­tig. Irgend­wie funk­tio­nier­te das ganz gut und der Ener­gie­auf­wand für das Ler­nen mini­mier­te sich. Kurz bevor eine Klas­sen­ar­beit oder Klau­sur geschrie­ben wur­de, gab es immer hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit hoch­ro­ten Köp­fen und schlot­tern­den Glie­dern; fast Jeder mach­te Jeden ver­rückt. Da wur­den has­tig neue Spick­zet­tel geschrie­ben oder bestehen­de abge­än­dert, da wur­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Codes abge­spro­chen und gleich falsch ver­stan­den … Nie­mals betei­lig­te ich mich an die­sen hek­ti­schen­Vor­be­rei­tun­gen, son­dern war­te­te ruhig und gefaßt ein­fach dar­auf, daß es los­ging. Öfters auch mal nach hinten.

Inhalts­über­sicht

Unverzichtbar: Neulehrer

Leh­rer wur­den in Stu­dier­te einer­seits und Neu­leh­rer ande­rer­seits ein. Letz­te­re wur­den in der Nach­kriegs­zeit in Schnell­kur­sen an der Arbei­ter- und Bau­ern-Fakul­tät (ABF) aus­ge­bil­det und waren nicht zwangfs­läu­fig die schlech­te­ren Wis­sens­ver­mitt­ler, wie es man­che Alte des Dor­fes glaub­ten. Die Neu­leh­rer ersetz­ten NS-belas­te­te Päd­ago­gen, die in der Regel aus dem Schul­dienst ernt­fernt wor­den waren. Egal, ob Neu- oder stu­dier­ter Leh­rer: bei uns waren eigent­lich alle beliebt; mir ist kei­ner geläu­fig, der unbe­liebt gewe­sen wäre. Wir teil­ten sie ledig­lich in die Kate­go­rien “gut” und “streng” ein, wobei gut den nach­sich­ti­gen, ver­ste­hen­den und unkom­pli­zier­ten Leh­rer­typ und streng den kon­se­quent for­dern­den Typ bezeichnete.

Ein damals etwa 50jähriger Stu­dier­ter hat­te, obwohl er Major bei der Wehr­macht war, bei der Ent­na­zi­fi­zie­rung den Per­sil­schein erhal­ten und lehr­te uns Mathe­ma­tik und Musik. Wenn er Pau­sen­auf­sicht hat­te, ging es auf dem gro­ßen Pau­sen­hof zu, wie im Klos­ter; jeder Ver­stoß gegen die Schul­ord­nung ende­te mit rot­ge­strei­chel­ten Ohren oder Wan­gen. Auch das Hän­de-in-die-Hosen­ta­sche-ste­cken war gefähr­lich. Ent­deck­te er jeman­den bei socher Lüm­me­lei, bell­te er, laut die Kon­so­nan­ten spu­ckend, des­sen Namen über den Schul­hof. Er belehr­te des Ertapp­ten Ohren oder Wan­gen durch Zwi­cken und Zie­hen, so daß des­sen Hän­de auto­ma­tisch aus den Taschen fuh­ren. Selbst bei Frost, bei Wind und Wet­ter stand die­ser Leh­rer ohne Hand­schu­he wie eine Sta­tue am Schul­hof­tor und beob­ach­te­te das Trei­ben. Er war ein guter Leh­rer; wir ver­ehr­ten ihn.
Eines Tages, außer­halb der Schu­le, gin­gen wir Jun­gen der Klas­se in grö­ße­ren Abstän­den ‑Einer wie zufäl­lig hin­ter dem Ande­ren- in einer lan­gen Rei­he die Augs­dor­fer Stra­ße ent­lang und grüß­ten ihn. So, wie wir beim Grü­ßen unse­re Müt­zen abnah­men, lüf­te­te auch er beim Gegen­gruß sei­nen Hut. Wie ein Grüß-August nahm er meh­re­re Male sei­nen Hut ab – und stutz­te.
Er bell­te uns unter­halb der Kir­che zu sich und ließ uns “in Linie” antre­ten. Wir fürch­te­ten wie­der ein­mal um Ohr und Wan­ge – aber:

“Ihr kennt Das Köh­ler­lie­sel!?”
“Ja, Herr M.”
“Gut, jeder schreibt zehn­mal den Text auf und mor­gen singt Ihr die­ses Lied der Klas­se vor!“
Schwei­gen. Stau­nen.
“Ab!”.

Durch das West-Radio wuß­ten wir, daß es ein Bill Hee­li war, der Roc­k­araund Seklack sang und des­sen Sang uns aus­neh­mend wohl gefiel… Wir hör­ten einen Elbis Bres­li und waren fas­zi­niert. Und jetzt dies ‑Das Köh­ler­lie­sel …
Wir rebel­lier­ten, vor­sichts­hal­ber aber nur inner­lich, und übten das Lie­sel-Lied ein wenig – oben, auf dem alten Kirch­hof vor dem rie­si­gen Wag­ner-Grab­stein. Als Chor­kna­ben stan­den wir in der nächs­ten Mathe­stun­de vorn und san­gen “Im Harz, da ist es wun­der­schön, da steht ein Köh­ler­haus und mor­gens, wenn die Häh­ne kräh’n schaut’s Köh­ler­lie­sel raus… “. Die Mäd­chen woll­ten sich aus­schüt­ten vor Lachen – und san­gen dann mit.

Eben­falls Neu­leh­rer war der Rus­sisch-Leh­rer Herr Ring­leb (der noch 2019, rund 60 Jah­re spä­ter an Klas­sen­tref­fen sei­ner Schü­ler teil­nahm) und der die schwie­ri­ge Auf­ga­be hat­te uns die Spra­che der Besat­zungs­macht bei­zu­brin­gen. Schwie­rig, schwie­rig: Die Spra­che an sich, der ideo­lo­gi­sche Wider­stand vie­ler Eltern (“Deutsch, rich­tig gespro­chen, reicht!”) und die feh­len­de Bereit­schaft vie­ler Schü­ler über­haupt eine Fremd­spra­che zu erler­nen. Aber jeder ehe­ma­li­ge DDR-Schü­ler erin­nert sich an Nina aus dem Ein­füh­rungs­ge­dicht im Rus­sisch-Lehr­buch der 5. Klas­se: Nina, Nina, eto trak­tor i motor. Rus­sisch ist so einfach

Inhalts­über­sicht

Ungebraucht: Junge Pioniere
Mitgliedsbuch der FDJ
Stell­ver­tre­tend: Statt Jun­ge-Pio­nie­re-: Mein FDJ-Mit­glieds­buch (1959)

Obwohl das Tau­send­jäh­ri­ge Reich ‑mit sei­nen Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen- erst sechs Jah­re zurück lag, waren alle unse­re Eltern erstaun­lich unkri­tisch, als es dar­um ging, Mit­glied der Jun­gen Pio­nie­re (und spä­ter auch der FDJ) zu wer­den. Jeden­falls wur­den alle mei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den und ich nach der Ein­schu­lung stol­ze Pio­nie­re, die man damals noch nicht nach Jung- und Thäl­mann-Pio­nie­ren unter­schied. Wir beka­men einen Pio­nier­aus­weis und gelob­ten, immer flei­ßig zu ler­nen, die Freund­schaft zu allen Völ­kern der Sowjet­uni­on zu pfle­gen und den Freund aller Pio­nie­re, Arbei­ter, Bau­ern usw., den gro­ßen Josef Wis­sa­ri­o­no­witsch Sta­lin, uner­schüt­ter­lich zu lie­ben.
Sta­lin war in die­ser Zeit zu allem zu gebrau­chen, paß­te immer und zu jeder Zeit, hat­te in irgend­ei­nem Buch alles bereits gewußt und vor­her­ge­sagt. Über­all war er prä­sent: Auf Bil­dern, in Losun­gen und auf Trans­pa­ren­ten. Sei­ne Zita­te (”Die Hit­ler kom­men und gehen, das deut­sche Volk bleibt bestehen”) waren über­all ange­tackert. In Reden, in Lie­dern und Gedich­ten (”Im Kreml brennt noch Licht”), in Lese- und Geschichts­bü­chern, in Fil­men und Zei­tun­gen. Alles war ver­s­ta­lint; immer und über­all. Sta­lin wur­de uns der­art pene­trant nahe­ge­bracht, daß sogar mei­ne Mut­ter, die vollkom­men unpo­li­tisch und unauf­ge­regt ihre täg­li­chen Auf­ga­ben in Haus und Hof erle­dig­te, mich eines Mor­gens mit den Wor­ten ”Gomm, mei Horsch­di, uff­stehn – Sta­lin is hei­te Nacht jes­torm” weck­te, so, als wäre die­ser der lie­be Onkel von neben­an.
In die­ser Zeit äußer­te man sich öffent­lich sehr ver­hal­ten zu poli­ti­schen Tages­fra­gen. Man hielt das Maul und mach­te das, was ver­langt oder erwar­tet wur­de. Je nach offi­zi­el­ler Erwar­tung wur­den poli­ti­sche Aus­sa­gen unter­stützt, gut­ge­hei­ßen, beju­belt, ver­teu­felt, ver­ur­teilt oder es wur­de ”hoch hoch hoch gelebt”. Das war das Eine.
Das ande­re war das Pri­vat­le­ben. Waren abends die Haus­tü­ren abge­schlos­sen und die Fens­ter­lä­den vor­ge­legt, hör­te man im Radio den NWDR, den Nord­west­deut­schen Rund­funk (spä­ter sah man ihn auch), dis­ku­tier­te hit­zig die jüngs­ten Norm­er­hö­hun­gen uff’m Schacht und beklag­te die elen­de Man­gel­ver­sor­gung.
Es war wie in einem Thea­ter: Auf offe­ner Büh­ne wur­de ein Stück gemäß Libret­to gepielt, der Regis­seur stand in den Kulis­sen und der Soff­leur gab die Stich­wor­te. Fiel der Vor­hang, waren alle Dar­stel­ler wie­der pri­vat und muß­ten sich um ihre täg­li­chen Ange­le­gen­hei­ten küm­mern. Und genau die­se Stim­mung war auch unter uns Schü­lern zu ver­brei­tet: Im Staats­bür­ger­kun­de-Unter­richt dis­ku­tier­ten wir hit­zig, refe­rier­ten über den “Amiknecht” Ade­nau­er und for­der­ten ”Deut­sche an einen Tisch”. Wir schrie­ben Auf­sät­ze, war­um die Genos­sen­schafts- den Ein­zel­bau­ern über­le­gen sind und wes­halb Che­mie Wohl­stand, Schön­heit und Brot bringt.
Per Vor­ga­be aus dem Souf­fleur­kas­ten erklär­ten wir den tech­no­lo­gi­schen Rück­stand der DDR mit dem Vor­han­den­sein von “nur drei Hoch­öfen” und wir ras­sel­ten her­un­ter, wes­halb der Wie­der­auf­bau der Schwer- gegen­über der Leicht­in­dus­trie Vor­rang hat­te und tau­send ande­re Sachen mehr.
Wir wuß­ten, der Vor­hang ist offen. Bei all dem Ge­rede von Aus­beu­tung und Kriegs­trei­be­rei, von Hetz­sen­dern und Geh­len-Agen­ten wur­de immer zwi­schen den Zei­len gele­sen, war immer der Sub­text des Gesag­ten prä­sent. Die­ses Leben auf zwei Ebe­nen war jedem DDR-Bür­ger ver­traut, ging ihm in Fleisch und Blut über und brach­te uns alle letzt­end­lich un­beschadet über die Jah­re 1949 bis 1989.

Inhalts­über­sicht

Ungewohnt: Kühe machen Mühe

Mei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den und ich absol­vier­ten als ers­ter Schü­ler­jahr­gang –ich den­ke, es war 1959- das neue Unter­richts­fach “Ein­füh­rung in die sozia­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on” – auch Poly­tech­ni­scher Unter­richt genannt.
Damals wur­den DDR-weit die zehn­klas­si­gen Poly­tech­ni­schen Ober­schu­len als ein­heit­li­che Regel­schu­len gegrün­det, so auch in Siers­le­ben.
Unse­re Klas­se hat­te die­sen wöchent­li­chen Pro­duk­ti­ons­tag ein Jahr lang auf dem Volks­gut Hübitz (VG Hübitz) mit sei­nem Hof in Thon­dorf und ein Jahr in der Lehr­werk­statt des Thäl­mann-Schach­tes zu absol­vie­ren.
Die durch­zu­füh­ren­den Arbei­ten waren zunächst zwar etwas unge­wohnt, aber nicht schwie­rig. Es war nicht falsch, wenn man mit Fei­le, Boh­rer und Ham­mer umzu­ge­hen lern­te. Man bekam ein Gefühl dafür, wie es ist, wenn man in die­se Art Arbeits­welt ein­ge­bun­den ist, wenn man nur eine Früh­stücks- und Mit­tags­pau­se ein­le­gen kann und ansons­ten durch­ar­bei­tet; Schul­stun­den à 45 Minu­ten waren pas­sè.
Auch die land­wirt­schaft­li­chen Arbei­ten auf dem Gut mach­ten rich­tig­ge­hend Spaß – wenn man sich an den Geruch in den Schwei­ne- und Rin­der­stäl­len gewöhnt hat­te. Wir lern­ten Kuh und Pferd zu strie­geln, sie zu füt­tern und deren Hufe zu säu­bern und zu beur­tei­len, den Schwei­ne­stall mit einem Gül­le­schie­ber aus­zu­mis­ten und Fut­ter zu ver­tei­len. Wir ver­sorg­ten die Schaf­her­de im Win­ter­stall mit Fut­ter und kne­te­ten die Hin­ter­las­sen­schaft der Scha­fe zu einem Klum­pen, um ein­zel­ne Tie­re damit auf dem Rücken mit einem Strich zu kenn­zeich­nen. So konn­ten sie spä­ter aus­sor­tiert wer­den.
Wir misch­ten Fut­ter, lern­ten den Ablauf in der Zucker­fa­brik Helms­dorf ken­nen und lie­ßen uns erklä­ren, wie Milch ent­steht.
Auch heu­te noch fin­de ich die­se Art, Schü­ler an pro­duk­ti­ve Arbeit her­an­zu­füh­ren, sehr gut; man kann nicht meckern!

Inhalts­über­sicht

Ferienzeit – schönste Zeit

Sommerferienlager

Die unbe­streit­ba­ren Höhe­punk­te mei­ner Kind­heit waren die Feri­en­la­ger, die ein­ge­rich­tet, betrie­ben und finan­ziert wur­den von den Volks­ei­ge­nen Betrie­ben, in mei­nem Fall von den Betrie­ben des Mans­feld Kom­bi­nat Wil­helm Pieck. Som­mers betrug die Ver­weil­dau­er in den Lagern in zwei Durch­gän­gen je drei Wochen, in den Win­ter­fe­ri­en­la­gern eine Woche. Als Unter­künf­te dien­ten 10-Mann-Wehr­machts­zel­te, Bara­cken, Stroh­bö­den einer LPG…
Das ers­te Feri­en­la­ger, an dem ich teil­nahm, befand sich im Thü­rin­ger Holz­land, in der Nähe des klei­nen Dor­fes Boll­berg. Es war auf­ge­baut auf einer Wie­se, die zwi­schen einer hoch auf einem Abhang füh­ren­den Stra­ße und einem klei­nen Fluß lag. Das Lager bestand aus etwa drei oder vier Wehr­machts­zel­ten, in denen je zehn Kin­der auf Stroh­sä­cken schlie­fen. Wir waren auf­ge­for­dert, je zwei Woll­de­cken mit­zu­brin­gen; eine, um den Stroh­sack abzu­de­cken und die zwei­te um uns selbst zude­cken zu kön­nen.
Ein sol­ches Lager wur­de gelei­tet von einem Lager­lei­ter, der sonst ein nor­ma­ler Betriebs­an­ge­stell­ter war und einem Wirt­schafts­lei­ter, einem Ange­stell­ten der betrieb­li­chen Buch­hal­tung. Unter­stützt wur­den die­se bei­den durch Betreu­er, die je eine Grup­pe bestehend aus etwa 10 Kin­dern betreu­ten. Die Betreu­er waren meist jun­ge Betrie­be­san­ge­hö­ri­ge. Auch ein Sani­tä­ter wur­de vom Betrieb gestellt, wäh­rend Köchin­nen und Küchen­hilfs­kräf­te am Ort des Feri­en­la­gers gewon­nen wur­den.
Der Tag im Feri­en­la­ger hat­te immer noch (oder schon wie­der) mili­tä­ri­sche Züge und begann mit einem Weck­ruf, gebla­sen auf einer Fan­fa­re. Danach ging es zum immer unbe­lieb­ten Früh­sport. Gewa­schen wur­de sich unter einer ein­fa­chen Kalt­was­ser­lei­tung, die über gro­ßen Stein­bot­ti­chen instal­liert war. Anschlie­ßend muß­ten die ”Bet­ten gebaut” wer­den und dann ging es zum Früh­stück, das aus eini­gen Schei­ben Wurst, etwas But­ter und viel Mar­me­la­de und /​ oder Kunst­ho­nig bestand. Der Kunst­ho­nig war unglaub­lich süß, hart und brö­cke­lig; nur mit einer gewis­sen Kraft­an­stren­gung war er aus fil­zi­gen, grau­en Papp­be­chern bzw. ‑eimern zu lösen. Kunst­ho­nig, Zucker­rü­ben­si­rup und Bio­malz sind für mich noch heu­te ‑nach 60 Jah­ren- ein Inbe­griff des Schre­ckens. Zum Trin­ken gab es Früch­te­tee und Malz­kaf­fee. Milch und Kakao wur­den auch, aber nur begrenzt, gereicht. Nach dem Früh­stück fand der obli­ga­to­ri­sche Fah­nen­ap­pell statt (alle, die eini­ge Jah­re älter als wir waren, kann­ten die­se Ritua­le ja noch aus den HJ-Lagern…)

Guten Mor­gen Kin­der! … Kin­der – Seid bereit!”
”Immer bereit”
”Kin­der­fe­ri­en­la­ger – still­ge­stan­den! Fah­ne – hißt!”

Lang­sam stieg die Fah­ne am Mast empor. Dazu wur­den jeden Tag zwei ande­re Kin­der bestimmt – Eines das die Fah­ne nach oben zieht und das Zwei­te, aus des­sen Hän­den die Fah­ne gezo­gen wird.

Kin­der­fe­ri­en­la­ger – Rührt Euch!”

Jetzt wur­den Din­ge des täg­li­chen Lager­le­bens bekannt­ge­ge­ben, wel­che Grup­pe heu­te was tut, ob es ins Kino geht uns so wei­ter. Es wur­den auch ”Vokomm­nis­se aus­ge­wer­tet” oder Geburts­tag­kin­dern öffent­lich gra­tu­liert.
Die­se Fah­nen­ap­pel­le gab es in jedem Som­mer-Feri­en­la­ger; als Fah­ne wur­de die des Welt­bun­des der Demo­kra­ti­schen Jugend ver­wen­det.
Auch in der Schu­le gab es mon­tags immer einen Fah­nen­ap­pell. Waren im Kalen­der Fei­er­ta­ge ver­zeich­net, wur­de auch ein fei­er­li­cher Fah­nen­ap­pell ange­ord­net; das bedeu­te­te, man muß­te mit Pio­nier­tuch (halb­fei­er­lich – z.B. Adolf Hen­ne­ckes Geburts­tag; Tag des Leh­rers) oder in Pio­nier­klei­dung, also mit wei­ßem Hemd mit Emblem, kur­zer blau­er Hose bzw. Rock und wei­ßen Knie­strümp­fen erschei­nen (fei­er­lich; Tag des Berg­manns; Thäl­manns Geburts­tag). Manch­mal sang noch der Schul­chor und wur­den Gedich­te rezi­tiert (ganz fei­er­lich; Sta­lins Geburts­tag; Tag der Repu­blik).
In einem Fall ‑Sta­lins Tod- wur­de zunächst ein impro­vi­sier­ter nor­ma­ler Appell durch­ge­führt. Nach einer Woche aber, nach­dem alles zen­tral orga­ni­siert war, waren über kräch­zen­de Laut­spre­cher dump­fe Trom­mel­wir­bel zu hören. Die schwarz geflor­te rote Fah­ne mit den Werk­zeu­gen wur­de auf Halb­mast gezo­gen, wäh­rend je eine rote und schwarz-rot-gol­de­ne Fah­ne, von zwei aus­er­wähl­ten Schü­lern getra­gen, geneigt wur­den. Ein Pro­fi­spre­cher vom Stadt­thea­ter Eis­le­ben rezi­tier­te mit über­trie­be­nem Pathos und über­flüs­si­gem Vibra­to ein Hel­den­epos. Anschlie­ßend gab es zwan­zig Minu­ten lang noch eine Rede, ein paar Lie­der, noch’n Gedicht und einen Trau­er­marsch auf die Pio­nier-Ohren (noch mehr als fei­er­lich).
Nach die­sen zehn oder fünf­zehn Minu­ten, die der Appell dau­er­te, fan­den Spie­le, Aus­flü­ge, Kino­be­su­che oder Wan­de­run­gen statt. Auch wur­de Kalt­ver­pfle­gung für den Fall aus­ge­ge­ben, daß eine Akti­vi­tät außer­halb des Lagers den Zeit­punkt des Mit­tag­essens über­schritt.
Typisch für sol­che Feri­en­la­ger war die Grün­dung von Arbeits­ge­mein­schaf­ten. Es gab sol­che für fast alle Inter­es­sens- oder Wis­sens­ge­bie­te, bei­spiels­wei­se ”Jun­ge Sani­tä­ter”, ”Jun­ge Tou­ris­ten”, Jun­ge Bio­lo­gen”. Ich fand immer die Jun­gen Tou­ris­ten sehr inter­es­sant. Hier lern­te man das Anle­gen einer Feu­er­stel­le, den Umgang mit Kar­te und Kompaß, das Ermit­teln von Ent­fer­nun­gen – also Din­ge, die vor uns Jun­gen Tou­ris­ten bereits Mil­lio­nen Wan­der­vö­gel, Pfad­fin­der oder Pimp­fe lern­ten.
Der Glanz­punkt jedoch war der Auf­bau eines klei­nen Außen­la­gers mit Cam­ping­zel­ten mit­ten im Wald (streng nach Lehr­buch: Wind­rich­tung beach­ten, Hügel suchen). Mit­tags muß­te das Mit­tagessen (kon­fek­tio­nier­te Tüten-Erb­sen­sup­pe) am offe­nen Feu­er (streng nach Lehr­buch: Abstand zu Bäu­men, Stein­kreis, Fun­ken­flug) selbst zube­rei­tet wer­den; dazu war Was­ser zu suchen und abzu­kochen. Dann gab es ein Gelän­de­spiel, bei dem West-Agen­ten und Ami-Spio­ne bis zum bit­te­ren Ende gejagt und ver­nich­tet wur­den. Abends am Lager­feu­er wur­den mit­ge­brach­te Fett­bemmen gemampft und Lie­der zur Gitar­re gesun­gen, um anschlie­ßend im Zelt zu über­nach­ten. Am nächs­ten Tag wur­de alles abge­baut (streng nach Lehr­buch: Abfäl­le ein­gra­ben; Feu­er­stel­le mit Sand abde­cken) und ins rich­ti­ge, in’s Basis-Lager zurück gezo­gen.
Noch Jah­re spä­ter war ich als Cam­ping­freund (bit­te im posi­ti­ven Sin­ne) vie­le Wochen­en­de mit Freun­den, Zelt und Rad unter­wegs. Cam­ping­plät­ze im heu­ti­gen Sin­ne gab es noch nicht. Ent­we­der gab es Zusam­men­rot­tun­gen von Zelt­freun­den, dann gesell­te man sich ein­fach hin­zu oder man schlug sein Zelt irgend­wo auf. Was­ser schöpf­te man aus Bach oder Quel­le. Lebens­mit­tel wur­den in einem Erd­loch kühl gehal­ten. Benutz­tes Geschirr wur­de mit Sand gesäu­bert und abge­pült. Auf elek­tri­sches Licht muß­te man eben­so verzich­ten wie auf Toi­let­ten und instal­lier­te Wasch­ge­le­gen­hei­ten. Abfäl­le gab es gut wie kei­ne; alles war aus Papier oder Pap­pe. Zog man wei­ter, ver­grub man die Ab­fälle. Fer­tig.
Was in allen Som­mer-Feri­en­la­gern zum Him­mel stank, waren die sani­tä­ren Ver­hält­nis­se; weni­ger die Wasch­ge­le­gen­hei­ten als viel mehr die Toi­let­ten, Tro­cken-Abor­te, die einen wenig ange­neh­men Geruch in die hei­ße Som­mer­luft ent­lie­ßen. Um die Infek­ti­ons­ge­fahr zu min­dern, wur­de abends groß­zü­gig eine dicke Schicht Chlor­pul­ver über die Hin­terlassenschaften gestreut; auf die­se Wei­se hing stets ein typi­scher Chlor­ge­ruch über den Lagern, so wie man es auch aus öffent­li­chen Bädern kennt.
Apro­pos Infek­ti­ons­ge­fahr: Ich erin­ne­re mich, daß 1964 zur Ein­däm­mung einer gras­sie­ren­den Ruh­r­epi­de­mie in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen Tür­klin­ken mit Mull­bin­den umwi­ckelt wur­den, die mit Des­in­fek­ti­ons­mit­teln getränkt waren. Nach­dem zehn Leu­te die­se Klin­ke ange­faßt hat­ten, war sie der­ma­ßen eklig und ver­schmutzt, daß man um Nichts in der Welt dort anfas­sen woll­te. Man ver­such­te unter Ver­mei­dung jeden Kon­tak­tes die Tür mit Knie und Schuh­spit­ze zu öffnen.

Inhalts­über­sicht

Denkmal Aus Dankbarkeit der Gemeinde Grebs gewidmet, 1955
Denk­mal Aus Dank­bar­keit der Gemein­de Grebs gewid­met, 1955

Ein ande­res Som­mer­fe­ri­en­la­ger fand in dem klei­nen Dorf Grebs in der Nähe Lehnins in Bran­den­burg statt. Hier war mein Vater als Lager­lei­ter ein­ge­setzt und so konn­te ich (nicht ganz legal) bei­de Durch­gän­ge, also sechs Wochen am Stück hier ver­le­ben. Unter­ge­bracht waren wir auf dem Heu­bo­den der ört­li­chen LPG. Vater logier­te wäh­rend die­ser Zeit auf einem Bau­ern­hof. Zwi­schen der Fami­lie des Bau­ern und der Uns­ri­gen ent­wi­ckel­te sich eine lang­jäh­ri­ge Freund­schaft.
Mit­ten durch das Dorf ver­lief (heu­te natür­lich eben­falls noch) die Auto­bahn Ber­lin-Helm­stedt und wir Knirp­se vom Land stan­den oft am Fahr­bahn­rand und staun­ten über die vor­bei­ra­sen­den West­au­tos. 1955 muß­te man rela­tiv viel Geduld auf­brin­gen, um zwi­schen zwei Autos kei­ne Lan­ge­wei­le auf­kom­men zu las­sen.
Spä­ter bin ich noch mehr­mals mit dem Fahr­rad dort­hin gefah­ren, um ein paar Feri­en­ta­ge auf dem Bau­ern­hof zu ver­le­ben. Die Rad­tou­ren führ­ten mich über Gerbs­tedt, San­ders­le­ben, Bern­burg, Cal­be, Schö­ne­beck, Burg, Gen­thin und Bran­den­burg nach Grebs. Das ist nicht gera­de eine Kurz­stre­cke und man sieht, wie sorg­los Vater und Mut­ter sein konn­ten und ihrem elf-/zwölf­jäh­ri­gen Ben­gel sol­che Frei­hei­ten lie­ßen. Nun gut, die Stra­ßen waren damals so gut wie leer. Hin und wie­der ließ ich mich auch ein Stück von einem Last­wa­gen mit­schlep­pen, indem ich mich ein­fach mit der Hand an der Ecke Sei­ten-/Heck­la­de­klap­pe fest­hielt; das mach­te damals fast Jeder und das wur­de von den LKW-Fah­rern tole­riert.
Bei mei­nem Feri­en-Bau­ern bin ich mit dem Pfer­de­wa­gen (Tre­cker? Nie gehört) auf die Fel­der gefah­ren und habe bei der Arbeit gehol­fen, so gut ich es ver­moch­te. Auch das Pfer­de­ge­spann durf­te ich häu­fig selbst füh­ren. Ich lern­te angeln mit Rute, Reu­se und Netz, habe auf allen Böden und in allen Win­keln nach Eiern gesucht, sam­mel­te mit der Fami­lie Pil­ze und staun­te über 6‑P­fund-Rie­sen­bro­te. Was hier an einem Tag auf den Tisch kam, hät­te unse­re Drei-Kopf-Fami­lie mehr als eine Woche ernäh­ren kön­nen.
Auf dem Hof arbei­te­ten noch ein Sohn mit sei­ner Frau und eine Toch­ter mit ‑nach deren Hei­rat- ihrem Mann. Ein ande­rer Sohn betrieb eine Stell­ma­che­rei und fer­tig­te etwa zehn Jah­re spä­ter ‑nach unse­rem Umzug von Siers­le­ben nach Bran­den­burg- für uns Veran­da­fens­ter an.
Heim­lich ent­wen­de­te ich das Moped (ein SR‑1) und hol­per­te damit über Äcker, Wie­sen und Frö­sche. Ich trank liter­wei­se Milch aus der Schöpf­kelle. Die­se hing immer in einer 20-Liter-Kan­ne, wel­che ihrer­seits stän­dig in der Küche stand. Ich muß­te ‑lei­dend, ich war abso­lu­ter Kat­zen­freund- mit anse­hen, wie jun­ge Kat­zen ersäuft wur­den und wie ein Lamm zum Hoch­zeits­bra­ten mutier­te. Ich hat­te Mit­leid mit dem aggres­si­ven, ange­ket­te­ten Hof­hund Feo­dor – und toll­te mit dem ver­spiel­ten Misch­ling Flo­cki über den Hof.  Ich staun­te, mit wel­cher Engels­ge­duld die Bäue­rin aller zehn Minu­ten die Hüh­ner aus der Küche jag­te, anstatt die Tür zum Hof zu schlie­ßen. Im Übri­gen hüte­te ich am liebs­ten die Gän­se.
Hier auf dem Hof sprang ich ein­mal in der Scheu­ne vom Stroh­bo­den auf die Ten­ne – glaub­te ich. Auf der Ten­ne stand näm­lich irgend ein Gerät, wel­ches mit Stroh ver­deckt war – gott­sei­dank war es kei­ne Egge. Noch heu­te ‑nach sech­zig Jah­ren- schmerzt mir manch­mal mein rech­tes Fer­sen­bein.
Im Greb­ser Feri­en­la­ger war ein 413 Jah­re alter Sani­tä­ter, der sich auf Stein­metz- und Holz­schnitt­ar­bei­ten ver­stand. Auch blei­stif­te­te er schö­ne Zeich­nun­gen, die er geschickt mit­tels Ham­mer und Mei­ßel auf sprö­des Gestein zu über­tra­gen imstan­de war. Der Sani­täts­ge­frei­te mei­ßel­te emsig sechs Wochen lang Sze­nen und Moti­ve eines Mans­fel­der Schach­tes in ein paar Stein­blö­cke.
Vor Abschluß des Feri­en­la­gers wur­den alle Stei­ne unter der alten Dorf­lin­de zu einem klei­nen Denk­mal ver­mau­ert. Die Spit­ze bil­de­te ein Stein, auf dem eine Wet­ter­lam­pe zu sehen war. Dar­un­ter waren Kegel­hal­de und För­der­ge­rüst dar­ge­stellt. Wei­ter waren ein Tre­cke­jun­ge und ein Häu­er zuse­hen (für den ich damals Modell geses­sen habe). Den Sockel des Gan­zen bil­de­te eine Wid­mung. Im Gro­ßen und Gan­zen war die­ses Andert­halb­me­ter-Denk­mal recht gut gelun­gen. Wäh­rend einer klei­nen Fei­er mit Brau­se-Sau­fen zum Abschluß des Lagers wur­de es dem Bür­ger­meis­ter ‑und damit den Bür­gern der Gemein­de Grebs- übereignet.

Inhalts­über­sicht

Winterferienlager
Jagdhaus/Jugendherberge Gorenzen
Jagd­haus /​ Jugend­her­ber­ge Gorenzen

Win­ter­fe­ri­en­la­ger wur­den lei­der nur eine Woche lang durch­ge­führt. Dazu bezo­gen wir in Jugend­her­ber­gen im Harz Quar­tier. Ich erin­ne­re mich da beson­ders an die Her­ber­ge am Hagen­teich nahe Goren­zen und an die Her­ber­ge Schie­fer­gra­ben, bei­des schö­ne alte Jagd­haus-Vil­len.
In der Her­ber­ge Goren­zen stand im Gemein­schafts­raum ein selt­sa­mes Ding, das wir nicht kann­ten. Ein ganz schlau­er Ben­gel, des­sen Vater als Ver­käu­fer in einem Kon­sum­ge­schäft arbei­te­te, klär­te uns auf: ”Das iss’n Fern­se­her, ihr Och­sen! Der iss wie Gino! Nur glai­ner! Hier muss­te dreh’n für lei­se un’ laud un’ hier kanns­te schald’n uff Ost un’ West”. Dazu staks­te er sei­ne Spin­nen­fin­ger auf die in purem Gold glän­zen­den Knöp­fe und Schal­ter. Dun­ner­litt­chen!
Abends kurz vor sie­ben Uhr saßen wir mit blitz­blan­ken Augen vor dem Fern­se­her. Der Her­bergs­va­ter schritt gra­vi­tä­tisch her­an und stell­te sich breit­bei­nig en face vor das Ge­rät. Er streck­te mit weit nach hin­ten gebeug­tem Ober­kör­per einen Arm noch wei­ter nach vorn und schal­te­te zunächst einen Strom­reg­ler ein. Die­ser soll­te die stark schwan­ken­de Netz­span­nung, die oft bis zu 180 Volt her­ab­sank, bei 220 Volt sta­bi­li­sie­ren (Sehr vie­le Haus­hal­te, die noch am 110-Volt-Netz hin­gen, muß­ten auch einen Trans­for­ma­tor dazwi­schen schal­ten). Er dreh­te an einem Stu­fen­schal­ter so lan­ge her­um, bis der Zei­ger auf ein klei­nes rotes Drei­eck wies. Ein kur­zes, künst­li­ches Zögern – ein Knacks… Nichts.
Es wur­de unru­hig. Der Beherr­scher des Fern­se­hers erhob Ruhe hei­schend den Arm “Ruh’ch - wahr­ded!”. Da – es zisch­te, knack­te, zirp­te und rausch­te ein wenig und auf der Matt­schei­be erschien zögernd und sche­men­haft etwas Gespren­kel­tes. Und wie­der der Schlau­mei­er: ”Das is’ Gries; da is de Anden­ne nich’ rich­d’ch!
Aha – Anten­ne ‑klar doch, kann­ten wir.
Der Her­bergs­va­ter schien etwas ärger­lich zu sein, weil der Ben­gel ihm die Show zu steh­len droh­te: ”Was DUU woh’j wed­der alles waijst.
Awwer um siem gommd de Uhr!” tri­um­phier­te der Ben­gel.
Und tat­säch­lich um neun­zehn Uhr kam Bewe­gung in den Gries, der­ge­stalt dass auf einem run­den Zif­fern­blatt ein Sekun­den­zei­ger von Punkt zu Punkt hüpf­te. Alle star­ten wie gebannt dar­auf.
Bassd uff, gleich ruggd d’r gro­ße Zei­jer!” – Wie­der die­ser vor­lau­te Ben­gel. Und tat­säch­lich, auch der Minu­ten­zei­ger rück­te nun um einen Punkt vor. Und schon wie­der: “D’ Westuhr hat Schd­ri­che, gai­j­ne Bunk­de!
Atem­los ver­folg­ten wir das Rasen der Zei­ger. Nach sech­zig Umdre­hun­gen des Gro­ßen Zei­gers – Punkt 20 Uhr: Gooooooonnngggg – und aus pras­seln­den und rau­schen­den Nebel­schwa­den her­aus erschien geis­ter­haft eine schö­ne Frau im Abend­kleid, lächel­te und sprach zu uns (Die Ahle gann uns awwer nich’ sehn! kom­men­tier­te der Ange­ber wie­der). Jetzt kämen zuerst Nach­rich­ten und dann Dies und danach Das. Aber, kei­ne Ban­ge, sie selbst kom­me  auch noch ein­mal, um Dies und Jenes etwas genau­er anzu­sa­gen. Das war mein ers­tes Erleb­nis mir dem neu­en Medi­um Fern­se­hen.
In die­sem Win­ter­fe­ri­en­la­ger avan­cier­te ich zum Star. Nach einem Rodel­wett­be­werb – den Weg von der Her­ber­ge bis hin­un­ter zum Hagen­teich–  erhielt ich abends bei der Sie­ger­fei­er drei “Gold­me­dail­len”. Ich freu­te mich wie Bol­le.
Sowohl in den Som­mer- wie auch in den Win­ter­fe­ri­en­la­gern war es Brauch ‑zumin­dest in den ers­ten Jah­ren- auch west­deut­sche Kin­der teil­neh­men zu las­sen. Die­se Kin­der hat­ten, wie wir, eben­falls einen Berg­mann als Vater und kamen aus dem Ruhrgebiet:

Ich kom­me aus Geeel­sen­kiiir­chen – und du kommst …?
Iche? – Aus Sier­schlemm.
Ahhh –  und wo ist das?”
“Bei Eis­lemm!

Spä­ter wur­den die­se Aktio­nen ein­ge­stellt und wir DDR-Kin­der blie­ben unter uns.
In der Jugend­her­ber­ge Goren­zen war ich spä­ter noch ein zwei­tes Mal; unse­re 9. oder 10. Klas­se hat­te dort eine Woche lang täg­lich zwei mal zwei Stun­den Mathe­ma­tik-Inten­siv­un­ter­­richt. Was der Anlaß für die­se Akti­on war, weiß ich nicht mehr; viel­leicht waren wir zu doof.
Als ich für ein Kin­der­fe­ri­en­la­ger mit fünf­zehn schon zu alt war, nahm ich an Tou­ren im Klas­sen­ver­band teil. Wir fuh­ren mit Zelt und Rad nach Saal­feld, um dort auf einer Berg­kup­pe über der Stadt zu zel­ten. Die Anfahrt wur­de über zwei Tage geplant, wobei der Zwi­schen­s­top mit Über­nach­tung auf den Saa­le­wie­sen in Bad Kösen erfolg­te. Eine ande­re Fahrt führ­te uns an den Bre­mer- und Birn­baum­teich im Harz und wie­der eine ande­re, die Schul­ab­schluß­fahrt, brach­te uns ‑wie­der mit Zelt, aber ohne Fahr­rad- nach Drans­ke /​ Baken­berg auf Rügen.

Inhalts­über­sicht

Örtliche Ferienspiele

Par­al­lel zu den Betriebs-Kin­der­fe­ri­en­la­gern konn­te man an den von Schu­le und Gemein­de orga­ni­sier­ten soge­nann­ten Ört­li­chen Feri­en­spie­len teil­neh­men. Waren die Betriebs-Kin­der­fe­ri­en­la­ger kos­ten­los, muß­te hier für einen Durch­gang von drei Wochen sym­bo­lisch eine Mark gezahlt wer­den; für zwei Mark konn­te auch an bei­den Durch­gängen teil­ge­nom­men wer­den.
Prak­tisch waren die Feri­en­spie­le von Leh­rern betreu­te Ganz­tags­be­schäf­ti­gung. Mor­gens tra­fen sich die Kin­der in der Schu­le und es wur­de den Tag gebas­telt, Sport getrie­ben und Wan­de­run­gen durch­ge­führt. Kino­be­su­che stan­den genau­so auf dem Pro­gramm, wie der Besuch der Bade­an­stalt im Nach­bar­dorf Augs­dorf. Es wur­de ein erstaun­lich ab­wechslungsreiches Pro­gramm gebo­ten. Und wenn man mal kei­ne Lust hat­te, ging man ein­fach nicht hin. Ich habe meh­re­re Male an den Ört­li­chen Feri­en­spie­len teil­ge­nom­men.
In jedem Schul­jahr gab es zwei Wan­der­ta­ge, an denen uns haupt­säch­lich der Harz nahe­ge­bracht wur­de. Mein ers­ter Schul­aus­flug führ­te uns auf den Bro­cken, wel­cher zu die­ser Zeit noch frei zugäng­lich war.
Auch kann ich mich an einen Wan­der­tag erin­nern, an dem wir vom Bahn­hof Rübe­land aus zur Rapp­bo­de­tal­sper­re und wie­der zurück wan­der­ten; gut 12 Kilo­me­ter. Die Rapp­bo­de­tal­sper­re war damals noch im Bau und ihre spä­te­re Mäch­tig­keit mit 105 Höhen­me­tern war der Bau­stel­le bei­lei­be noch nicht anzu­se­hen. Ande­re Zie­le waren die Burg Fal­ken­stein, die Aus­flugs­gast­stät­ten Sel­ke­müh­le und Lei­ne­müh­le, die Rübelän­der Höh­len, die Klipp­müh­le und der Vat­ter­öder Teich. Ande­re Klas­sen­fahr­ten führ­ten uns spä­ter nach Ilmen­au, Blan­ken­burg, Erfurt, Artern. So lern­te ich die ver­schie­dens­ten Orte und Plät­ze im Harz ken­nen, zumal ich auch pri­vat vie­le Tou­ren dort­hin unter­nahm.
Wei­te­re Höhe­punk­te im Schul­le­ben waren der Tag des Leh­rers am 12. Juni und der Tag des Kin­des am 1. Juni. An bei­den Tagen fand Unter­richt nur sym­bo­lisch statt. Es wur­de vom Leh­rer vor­ge­le­sen und die Mäd­chen der Klas­se tru­gen Gedich­te vor oder träl­ler­ten das eine oder ande­re Lied. Am Tag des Kin­des fan­den dann zusätz­lich Wett­spiele, wie Sack­hüp­fen und Eier­lauf statt, und im Kino über Hek­laus Knei­pe wur­de ein Film gezeigt. Es gab Bock­würs­te und Brau­se und ein Stück haus­ge­mach­ten Kuchens und man konn­te, an einer Seil­rol­le hän­gend, über den gan­zen Schul­hof sau­sen.
Das alles ging ohne For­mu­la­re, Stem­pel, Begut­ach­tun­gen ohne Tief­bau­amt und Stra­ßen­auf­sichts­be­hör­de. Es waren kein öko­lo­gi­sches Gut­ach­ten und auch kei­ne Umwelt­ver­träg­lich­keits­stu­di­en erfor­der­lich, und es gab auch kei­ne Vor­schrif­ten, wie eine Kin­der­schau­kel aus­zu­se­hen hat­te. Auch der Lebens­raum des längs­ge­streif­ten Gras­hup­fers wur­de nicht beein­träch­tigt. Man fei­er­te. Ein­fach so. Und gab es doch mal ein Mal­heur, muß­te kein Rechts­anwalt bemüht wer­den, der sei­ner­seits einen Gut­ach­ter beschäf­tig­te. Es war nicht erfor­der­lich Bewei­se zu sichern, Zeu­gen­aus­sa­gen fest­zu­hal­ten und Schadensersatz­forderungen abzu­schmet­tern. Es war halt pas­siert und Alles kann pas­sie­ren und Jedem kann etwas pas­sie­ren. Gab es Unstim­mig­kei­ten redet, man mit­ein­an­der. Ohne Anwalt. Basta.

Inhalts­über­sicht

Leben mit Kampagnen I

Pionierschiff  ‘Vorwärts’

Der Schul­all­tag und spä­ter auch die Lehr­zeit waren durch­setzt und domi­niert von der Pro­pa­gan­da der SED und deren Kam­pa­gnen. Mei­ne ers­te bewußt erleb­te Kam­pa­gne betraf ein altes, däni­sches Schiff, daß 1952 an die DDR kam. Geld­samm­lun­gen soll­ten die Repa­ra­tur des alten Kahns finan­zie­ren und je zwei Pio­nie­re beka­men eine Sam­mel­büch­se in die Hand gedrückt. Das Sam­mel­er­geb­nis ken­ne ich nicht mehr – aber zwei­mal zehn Pfen­nig für je eine klei­ne Kugel Eis bei Samt­le­ben fie­len ab. Deut­li­cher: Wir unter­schlu­gen zwei Gro­schen, die wir aus der Büch­se fin­ger­ten.
Das Schiff wur­de unter dem Namen “Ernst Thäl­mann” der dama­li­gen Volks­po­li­zei zur See ‑spä­ter Grenz­po­li­zei zur See, noch spä­ter Volks­ma­ri­ne- als Aus­bil­dungs­schiff zur Ver­fü­gung gestellt. Nach einer Kes­sel­ex­plo­si­on, Mit­te der 50er, bekam es die Pio­nier­or­ga­ni­sa­ti­on geschenkt – den Klei­nen das Beste!

Inhalts­über­sicht

Steine für Rostock

Eine wei­te­re Kam­pa­gne betraf den Bau des Ros­to­cker Über­see­ha­fens. Ziel war, daß Sam­meln von Feld­stei­nen, mit denen die Mole in Ros­tock auf­ge­schüt­tet wer­den soll­te. Alle Schü­ler der DDR waren auf­ge­ru­fen ‑wie immer, frei­wil­lig- Stei­ne von den Äcker zu lesen – heu­te unvor­stellbar.
Wir zogen mit Hand­wa­gen über Äcker und Wie­sen über Feld­we­ge und durch Grä­ben um Feld­stei­ne zusammenzu­tragen. Die Stei­ne waren schwer und man muß­te auf­pas­sen, die Wagen, die so zwi­schen drei und sechs Zent­ner tra­gen konn­ten, nicht zu über­la­den. Wenn die Wagen die Last auch tru­gen – für uns war sie zu groß. Wir stemm­ten uns mit dün­nen Bei­nen auf leh­mi­gen, nas­sen und schmat­zen­den ‑die Schu­he von den Füßen zie­hen­den- Acker­bo­den gegen zent­ner­schwe­re Wagen, zogen, scho­ben und schlepp­ten die­se keu­chend und schweiß­trie­fend über Weg und Steg zum Bahn­hof, von wo aus sie dann ihren Weg in den Ros­to­cker Über­see­ha­fen fin­den sollten.

Inhalts­über­sicht

Hochhaus an der Weberwiese

Wei­te­re Kam­pa­gnen, an die ich mich zwar erin­ne­re, mit denen ich aber kei­ne unmit­tel­ba­ren Erleb­nis­se ver­bin­den kann, war der Bau der Sta­lin­al­lee in Ost­ber­lin. Viel Lärm wur­de um das Hoch­haus an der Weber­wie­se ver­an­stal­tet. Die­ser Bau schaff­te es sogar in das Lese­buch der zwei­ten Klas­se.
Zu die­ser Zeit gab es Bas­tel­bö­gen zu kau­fen, mit denen man vor allem Flug­zeug- und Schiffs­mo­del­le und eben auch die gesam­te Sta­lin­al­lee maß­stabs­ge­recht nach­bau­en konn­te; ich kleb­te mir zu Hau­se mit Kit­ti­fix mei­ne eige­ne Allee samt Hoch­haus zusammen.

Max braucht Wasser

Bis in die Lese­bü­cher hin­ein fand auch eine ande­re Akti­on ihren Weg, näm­lich ”Max braucht Was­ser”. Hier ging es um den Auf­bau einer Druck­was­ser­lei­tung zur Wasserversor­gung der Max­hüt­te in Unter­wel­len­born. Im Lese­buch ver­ei­tel­ten ein jun­ger Kom­mu­nist und FDJ-Mit­glied und ein Nicht-Mit­glied einen Anschlag ”Bon­ner Geh­len-Agen­ten” auf das Bau­werk des Frie­dens.
Wei­te­res Pro­pa­gan­da­ge­tö­se betraf Melio­ra­ti­ons­ar­bei­ten im Oder­bruch. Bei­spiels­wei­se gab es da immer wie­der Schlag­zei­len, wel­che die ”Sozia­lis­ti­sche Jugend in das Oder­bruch” rie­fen, um dort die Fried­län­der Wie­sen tro­cken­zu­le­gen um damit ”wert­vol­les Ack­ler­land zu gewinnen”.

Inhalts­über­sicht

Große Friedenskämpfer

Über­haupt waren die Lese­bü­cher der ers­ten Schul­jah­re mit so so etwas wie Hei­li­gen­le­gen­den gefüllt: Zwei jun­ge west­deut­sche Kom­mu­nis­ten, die Hei­del­ber­ger Stu­den­ten Georg von Hatz­feld und René Leu­des­dorff, set­zen 1950 nach Hel­go­land über, wo sie eine Fah­ne his­sen, um gegen die Bom­bar­die­rung der Insel durch die eng­li­sche Luft­flot­te zu pro­tes­tie­ren. Nach Kriegs­en­de beschlos­sen die Eng­län­der, die gesam­te Insel zu eva­ku­ie­ren und dann zu spren­gen, was aber tech­nisch nicht gelang. Die­ser mili­tä­ri­sche Mißer­folg wur­de flugs umge­wid­met in einen Erfolg besag­ter Jung­kom­mu­nis­ten.
Wei­te­re Mär­ty­rer des Kom­mu­nis­mus jener Zeit waren das ame­ri­ka­ni­sche Phy­si­ker-Ehe­paar Ethel und Juli­us Rosen­berg, die für den rus­si­schen Erz­feind Atom­spio­na­ge betrie­ben und des­halb auf dem Elek­tri­schen Stuhl hin­ge­rich­tet wur­den. Auch hier, wie in vie­len Fäl­len: Ehren-Fah­nen­ap­pel­le, schnell gestrick­te Frie­dens­lie­der und ergrei­fen­de Re­den, die eigent­lich immer ‑gleich­gül­tig aus wel­chem Anlaß sie vor­ge­tra­gen wur­den- damit ende­ten noch bes­ser zu ler­nen, um damit unse­re DDR und den­Frie­den zu stär­ken.
Eine ande­re Frie­dens­kampf-Iko­ne jener ver­rück­ten Zeit war der west­deut­sche FDJ- und KPD-Funk­tio­när Jupp Angen­fort, der aus wel­chen Grün­den auch immer, ”eingeker­kert” war.
Auch Otto Krah­mann war über Nacht ein Frie­dens­kämp­fer gewor­den. Er starb im Wes­ten, wo er sich besuchs­wei­se auf­hielt, bei einer Wirts­haus­schlä­ge­rei unter Betrun­ke­nen. Da er aber aus der DDR stamm­te, wur­de dar­aus flugs ein ”fei­ger poli­ti­scher Mord an einem auf­rech­ten Friedens­kämpfer” gestrickt.
Frie­dens­kämp­fer ‑ein Wort, das in den Fünf­zi­gern bis zum Erbre­chen benutzt wur­de- kamen aber auch aus dem Aus­land, zum Bei­spiel die jun­ge alge­ri­sche Anar­chis­tin Dja­mi­la Bouhi­red, die sich in Frank­reich an Eisen­bahn­schie­nen fest­ket­te­te, um einen Waf­fen­trans­port nach Alge­ri­en zu ver­hin­dern – so die DDR-Les­art. In Wahr­heit depo­nier­te sie in zwei alge­ri­schen Cafes Bom­ben, wur­de zum Tode ver­ur­teilt, aber auf­grund ihrer Jugend (21) begna­digt und ist heu­te (2019) in Alge­ri­en immer noch eine Heldin.

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Leben mit Kampagnen II

Halt dem Amikäfer!
Propaganda-Plakat Halt Amikäfer; ca.1952
Pro­pa­gan­da-Pla­kat: Halt Amikä­fer; ca.1952
Agit-Prop-Plakat FDJ und Junge Pioniere beim Ami-Käfer-Lesen
Agit-Prop-Pla­kat: FDJ und Jun­ge Pio­nie­re beim Ami-Käfer-Lesen

Die fünf­zi­ger Jah­re waren nicht nur die Jah­re der Nie­ren­ti­sche, Tüten­lam­pen und schwar­zen Zim­mer­de­cken mit roten, gel­ben und grü­nen Drei­ecken, son­dern auch Jah­re gro­ßer Mai­kä­fer­pla­gen. Heu­te kennt man Mai­kä­fer, wenn über­haupt, dann nur noch dem Namen nach. Aber damals schwirr­ten in den Abend­stun­den Myria­den die­ser Krab­bel­tie­re um Kas­ta­ni­en und Bir­ken. Jeder Dorf­jun­ge sam­mel­te sorg­sam fach­män­nisch aus­ge­wähl­te Krab­bel­tie­re in einer mit Kas­ta­ni­en­laub gefüll­ten und mit Luft­lö­chern ver­se­hen Papp­schach­tel und erklär­te den Klei­ne­ren wich­tig, wor­in sich ein Bäcker von einem Schorn­stein­fe­ger und bei­de wie­der­um vom Mül­ler unter­schei­det. Bei einer Kut­sche lach­ten die Erklä­ren­den ver­le­gen und mein­ten von Oben her­ab zum Jün­ge­ren “Das ver­stähs­de D’ nich, dazu bist­de noch zu glai­jn”. Sie ver­stan­den es selbst nicht.
Wenn die Gefan­ge­nen durch “Pum­pen” einen unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Flucht­ver­such ankün­dig­ten, wur­de durch “Abklat­schen” die­ser ver­ei­telt. Hat­te man von den Spiel­kä­fern genug, wur­den sie lei­den­schafts­los den Hüh­nern zum Fraß vor­ge­wor­fen, die sich fast när­risch gebär­de­ten ob die­ser Lecker­bis­sen. Die Kehr­sei­te der sechs­bei­ni­gen Krabb­ler waren kahl­ge­fres­se­ne Bäu­me, so daß wir öfters mal Schü­ler schul­frei beka­men, um Mai­kä­fer ein­zu­sam­meln. Es galt, die Bäu­me oder zumin­dest Äste, kräf­tig zu rüt­teln und schon reg­ne­te es Mai­kä­fer en mas­se. Jetzt muß­te sehr schnell gehan­delt wer­den, denn die am Boden lie­gen­den Käfer pump­ten kräf­tig, um zu flie­hen. In der Pump-Pha­se muß­ten die Käfer flink auf­ge­le­sen und die bereits Star­ten­den wie­der abge­klatscht wer­den. Das Ergeb­nis sol­cher Käfer­mas­sa­ker waren rand­vol­le, mit Was­ser und Mai­kä­fer­ka­da­vern gefüll­te 200-Liter-Ölfäs­ser, wel­che die Luft ver­pes­te­ten und Hüh­ner mit kuge­li­gen Mägen, die unter Völ­le­ge­fühl litten.

Schüler beim Vereinzeln (verziehen) von Zuckerrüben
Schü­ler beim Ver­ein­zeln (ver­zie­hen) von Zuckerrüben

Das Kran­ke die­ser Maikäfervernich­tung war die Behaup­tung, “west­deut­sche Geh­len-Agen­ten” wür­den die­se Pla­ge im Auf­trag der impe­rialistischen USA her­vor­ru­fen (Geh­len-Chef der bun­des­deut­schen Spio­nageabwehr). Geh­len-Agen­ten waren damals so ziem­lich an Allem schuld, was in der DDR nicht geplant war: Mißern­ten, Brän­de, Zug­un­glü­cke, Explo­sio­nen, knap­pe Waren und vie­les ande­re mehr. Selbst­ver­ständ­lich war Geh­len auch für die damals ty­pischen Kar­tof­fel­kä­fer-Pla­gen ver­ant­wort­lich. Auf Pro­pa­gan­da­pla­ka­ten tru­gen die Ami-Kä­­fer statt ihrer nor­ma­len gelb-schwar­zen Flü­gel­de­cken, sol­che mit den ame­rikanischen Stars And Stri­pes. Auch zum Sam­meln der Kar­tof­fel­kä­fer gab es schul­frei, wes­halb es bei den Schü­lern gar nicht so un­beliebt war. Sie wur­den in Mar­me­la­den­glä­sern gesam­melt und in einem klei­nen Rei­sig­feu­er ver­brannt.
Heu­te weiß ich, daß schon im Ers­ten und spä­ter auch im Zwei­ten Welt­krieg ‑sowohl von allier­ter, als auch von deut­scher Sei­te- Über­le­gun­gen ange­stellt wur­den, Kar­tof­fel­kä­fer als bio­lo­gi­sche Waf­fe ein­zu­set­zen. Ganz so unbe­grün­det schien die Pro­pa­gan­da wohl doch nicht zu sein…
Kam die Kar­tof­fel­ern­te her­an, gab es wie­der schul­frei – zum Kar­tof­fel-Lesen. Das war ein solch fes­ter Ritus, daß sogar die, sich an das Lesen anschlie­ßen­den Herbst­fe­ri­en, als Kar­tof­fel­fe­ri­en bezeich­net wur­den. Arbeit in die­sen Feri­en, das gab es aller­dings nicht. Damit die Zeit zwi­schen Kar­tof­fel­kä­fer- und Kar­tof­fel­le­sen nicht zu lan­ge währ­te, beka­men wird zwi­schen­durch auch schon mal den einen oder ande­ren Tag frei zum Rüben­ver­zie­hen. Und weil man nicht mona­te­lang Rüben ver­zie­hen kann, lern­ten wir auch noch, wie man Zucker­rü­ben liest, wie man Erb­sen ern­tet oder Zwie­beln knickt, damit sie nicht samen. Die­se Arbei­ten mach­ten wir eigent­lich recht gern, gab es doch Geld für die­se Kin­der­ar­beit. Für jeden vol­len Korb Kar­tof­feln gab es 10 oder 15 Pfen­nig (der Leh­rer führ­te die Klad­de) und für jede Stun­de Rüber­ver­zie­hen gab es fünf­zig Pfen­nig oder auch mal eine Mark. Für Erb­sen wur­den 5 Mark je Zent­ner bezahlt. Das Bes­te an die­sen Ern­te­ein­sät­zen aber war, daß es immer kräf­ti­ge Fett­bemmen und Brau­se zum Ver­zehr gab.

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Sparmarken
50-Pfennig Sparmarke
50-Pfen­nig-Spar­mar­ke

Die Aus­zah­lung sol­cher­art erar­bei­te­ten Beträ­ge erfolg­te durch den Leh­rer. Bei der Aus­zah­lung wur­de gewor­ben, für den vol­len oder auch für Teil­be­trä­ge, soge­nann­te Spar­marken zu kau­fen, die der Leh­rer bei sich hat­te. Wir besa­ßen fast alle ein Spar­heft, das war eine DIN-A7-Klapp­kar­te mit vor­ge­druck­ten Recht­ecken, in die die brief­mar­ken­ähn­li­chen Spar­marken einge­klebt wer­den konn­ten. Die Wer­te der Spar­mar­ken betru­gen zehn und  fünf­zig Pfen­nig sowie eine und zwei Mark. Spar­mar­ken konn­te man übri­gens zu jeder belie­bi­gen Zeit in der Schu­le oder auch in der Spar­kas­se kau­fen. War das Spar­heft voll, ging man damit zur Spar­kas­se, wo der Betrag einem nor­ma­len Spar­kon­to gut­ge­schrie­ben und mit ‑ich glau­be- drei Pro­zent ver­zinst wur­de; man erhielt ein neu­es, lee­res Spar­heft. Von der Idee her war die­ses Ver­fah­ren her­vor­ra­gend geeig­net, zur Sparsam­keit zu erzie­hen, auch bei Pfen­nig­be­trä­gen.
Aber nicht alles wur­de in Spar­mar­ken inves­tiert; ich erin­ne­re mich da an die vie­len Bon­bon-Glä­ser bei Lina Bom­bach in der Haup­stra­ße und Carl Nau­mann in der Gar­ten­stra­ße, in denen viel Zuckerzeug lag und ‑das ist wich­tig- ohne Lebens­mit­tel­kar­ten gekauft wer­den konn­ten: Mai­blät­ter, Him­beer­bon­bon, Voll­mich-Drops-Rol­len, Lakritz­schlan­gen und ‑pfei­fen, rot-wei­ße Pfefferminz­tafeln, Brau­se­pul­ver und Sucu­sa, ein schleim­lösendes Lack­ritz-Prä­pa­rat aus Proch­nows Apo­the­ke. Eben­falls dort erhielt man in klei­nen, run­den Papp­dös­chen Nies­pul­ver, das man schnüf­feln muß­te, um so­fort eine Vier­tel­stun­de lang unun­ter­bro­chen nie­sen zu können.

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Die Sommer-Erntefront

In jedem Jahr blie­sen alle gleich­ge­schal­te­ten SED-Medi­en zu neu­en und doch immer den glei­chen pro­pa­gan­dis­ti­schen Groß­an­grif­fen. Vor allem die Getrei­de­ern­te wur­de vom Trom­mel­feu­er der Pres­se, des Rund­funks beglei­tet (Fern­se­hen war noch nicht ver­brei­tet). Schon im Vor­feld und lan­ge vor der Ern­te und für den nor­ma­len Bür­ger unsicht­bar gab es stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen zur ”Ern­te­schlacht”. Da gab es Rap­por­te zur Ersatzteil‑, Treib- und Schmier­stoff­si­tua­ti­on und wenn erfor­der­lich, wur­de auch die sonst hei­li­ge Staats­re­ser­ve ange­grif­fen. Stra­ßen­bau­maß­nah­men wäh­rend der Ern­te­zeit waren ver­bo­ten, bezie­hungs­wei­se durf­ten den Ein­satz von Ern­te­ge­rä­ten nicht behin­dern. Bei der ört­li­chen Ver­sor­gungs­la­ge, vor allem von Obst und Gemü­se, wur­den Son­der­kon­tin­gen­te ein­ge­plant. Der staat­li­che Wet­ter­dienst gab täg­li­che Ern­te­wet­ter­be­rich­te an die Kreis­lei­tun­gen der SED her­aus, Anzahl und Art der Ern­te­hel­fer wur­den zen­tral dis­po­niert und mit den ent­spre­chen­den Insti­tu­tio­nen abge­stimmt. Vor allem Stu­den­ten, Poli­zis­ten in Aus­bil­dung, Sol­da­ten (auch rus­si­sche), Lehr­lin­ge, die nie­de­re Funk­tio­närs-Quli­que der SED-Kreis­lei­tun­gen, Ange­stell­te aus Betrie­ben und Insti­tu­tio­nen und wir Schü­ler waren die­je­ni­gen, die man, wenn es los­ging, auf die Fel­der beor­der­te um die Ern­te “ver­lust­frei zu ber­gen”. Ört­li­che Frei­wil­li­ge Feu­er­weh­ren wur­den ein­ge­schwo­ren und ”poten­ti­el­le Lösch­was­ser­ent­nah­me­stel­len instand gesetzt”, das hieß, ver­krau­te­te Natur­ge­wäs­ser wur­den gesäu­bert. Auf allen Par­tei- und Kom­mu­nal­ebe­nen wur­den Ope­ra­ti­ve Dienst­ha­ben­de instal­liert. An  den Feld­rai­nen stan­den vol­le Die­sel­fäs­ser und bereit­ste­hen­de Repa­ra­tur­trupps waren mit Werk­zeu­gen und Hilfs­mit­teln bes­tens prä­pa­riert. War der Ern­te­zeit­punkt her­an, brach dann über Nacht der ”Ern­testurm” los: ”Stol­ze Ern­te­ka­pi­tä­ne” ”kämp­fen” auf den Fel­dern um das ”Ähren­gold in aller­höchs­ter Qua­li­tät”. Sie und ihre Kol­le­gen aus den Ver­wal­tun­gen tra­ten zur ”Ern­te­schlacht” an. An der ”Weizen‑, Roggen‑, Gerste‑, Mais‑, Rüben- und Kar­tof­fel­front” herrsch­te immer fröh­li­che Stim­mung und vor allem ”kei­ne Waf­fen­ru­he”. In den Medi­en sah man immer lachen­de Men­schen, die sich über ihre 12-Stun­den-Schich­ten freu­ten. Es gab im Dorf­kon­sum statt der ver­dreck­ten und voll­ge­su­del­ten Fla­schen des sonst übli­chen Sand­dorn- und Rhar­bar­ber­mos­tes plötz­lich auch Apfel­saft; Limo­na­de schien aus uner­schöpf­li­chen Quel­len zu spru­deln und vol­le Bier­käs­ten sta­pel­ten sich in allen Win­keln. Sogar Bana­nen tauch­ten auf den Ern­te­fo­tos der Zei­tun­gen auf. Wim­pel wur­den den ”bes­ten Trak­to­ris­ten” und ”Ehren­ban­ner” den ”uner­müd­li­chen Ern­te­kol­lek­ti­ven ” über­reicht. Es hagel­te Aus­zeich­nun­gen, Geld- und Sach­prä­mi­en (Schiffs­rei­sen, Fern­seh­ge­rä­te). Begeis­ter­te Leser­brie­fe füll­ten die Spal­ten der Zei­tun­gen und Fern­seh­re­por­ter hat­ten fast Trä­nen in den Augen ange­sichts des ”uner­müd­li­chen, auf­op­fe­rungs­vol­len und begeis­ter­ten Kamp­fes” aller ”Kräf­te und Mit­tel”. Funk­tio­nä­re hiel­ten mit sich über­schla­gen­den Stim­men ”flam­men­de Reden”. Pla­ka­te wur­den geklebt, Losun­gen gepin­selt und Trans­pa­ren­te auf­ge­spannt, auf denen die ”Bon­ner Ultras” , die ”Kriegstreiber”und Spal­ter der Nati­on gewarnt wur­den, das Volks­ei­gen­tum anzu­tas­ten, weil ihnen sonst die Arbei­ter und Genos­sen­schafts­bau­ern, die ”Ange­hö­ri­gen der Intel­li­genz” sowie über­haupt das fried­lie­ben­de Volk auf ihre ”schmut­zi­gen Fin­ger” hau­en wür­de.
Nach vier Wochen war die Luft wie­der raus und die ”Ern­te gebor­gen”. Alles nor­ma­li­sier­te sich. Im Laden gab es natür­lich kei­ne Bana­nen und kei­nen Apfel­saft, Limo­na­de und Bier gab es wie immer nur spo­ra­disch und Brot war nach 15 Uhr wie üblich aus­ver­kauft. In wei­ser Vor­aus­sicht ange­for­der­te und nicht ver­brauch­te Ersatz­tei­le für den Tre­cker wur­den in Ölpa­pier ein­ge­wi­ckelt. Pla­ka­te und Trans­pa­ren­te ver­bli­chen und die auf­ge­mal­ten Losun­gen konn­ten bei Bedarf wie­der auf­ge­frischt werden.

Inhalts­über­sicht

Die Herbst-Erntefront

Nach der Been­di­gung der Som­mer­kam­pa­gnen zur Getrei­de­ern­te wur­de im Herbst mit bedeu­tend weni­ger Medi­en-Getö­se an die ”Rüben- und Kar­tof­fel­front” aus­ge­rückt. Jetzt galt es das “wei­ße Gold” und die ”nahr­haf­ten Knol­len” zu ber­gen. In der Pres­se erschie­nen Leser­brie­fe, in denen mit­ge­teilt wur­de, daß alle Bewoh­ner eines Fei­er­abend­hei­mes für ihr Leben gern Pell­kar­tof­feln essen. Das war die Auf­for­de­rung, klei­ne Kar­tof­feln bei der Ern­te nicht zu über­se­hen. Was in ande­ren Län­dern ein­fach Kar­tof­fel- oder Rübe­n­ern­te hieß, mutier­te in der Nach­kriegs-DDR zu einem “erbit­ter­ten Rin­gen um hohe und höchs­te Ernteer­träge” zu einem “Frie­dens­kampf auf dem Feld”, um den “Bon­ner Ultras” mal wie­der zu zei­gen, was eine ”sozia­lis­ti­sche Har­ke” ist. Jede nor­ma­le Akti­vi­tät, jeder selbst­ver­ständ­li­che Hand­griff, jeder noch so tri­via­le Vor­gang wur­de von über­eif­ri­gen Funk­tio­nä­ren umgewid­met in eine klas­sen­kämp­fe­ri­sche Aufgabe.

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Vom Ich zum Wir

Gut erin­ne­re ich mich an Pro­pa­gan­da-Pla­ka­te, die als Serie gestal­tet waren. Auf den Pla­ka­ten waren immer zwei Bil­der zu sehen: Ein ”werk­tä­ti­ger Ein­zel­bau­er” und ein Ge­nossenschaftsbauer. Der Ein­zel­bau­er blick­te immer gequält und vol­ler Gram von sei­ner Arbeit auf, wäh­rend der Genos­sen­schafts­bau­er stets lächelnd und mit leich­ter Hand sei­ner Tätig­keit nach­ging.
Unter­ti­telt waren die­se Pla­ka­te stets gleich, näm­lich mit ”Vom Ich zum Wir”. Die­ser Slo­gan soll­te den Bau­ern den Bei­tritt zu einer Landwirtschaftli­chen Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft (LPG) nahe­brin­gen. Es war typisch für die dama­li­ge Zeit, nicht mit sach­li­chen Argu­men­ten zu wer­ben, son­dern auf einer sehr wack­li­gen Spaß- oder Sati­re­schie­ne sich die­sem The­ma zu nähern. Zu die­sem Zweck wur­den dum­me und plat­te Knit­tel­rei­me zusam­men­ge­schus­tert, die einem grausten:

Bist ein Ein­zel­bau­er Du – hast Du nie­mals Dei­ne Ruh’
VOM ICH ZUM WIR
oder
Tritt ein in die Genos­sen­schaft – sie ver­viel­facht dei­ne Kraft!
VOM ICH ZUM WIR
oder
War­um quä­len, het­zen pla­gen? – Tritt ein, dann ist Arbeit Wohl­be­ha­gen!
VOM ICH ZUM WIR

Trotz die­ser zün­den­den Rei­me woll­te es mit dem Bei­tritt zur LPG nicht so rich­tig klap­pen und so ver­schärf­te man zunächst den Druck auf die Ein­zel­bau­ern - so die Be­zeichnung für einen Bau­ern, der kein Genos­sen­schafts­mit­glied war. Und damit nie­mand auf den Gedan­ken kommt, ein Ein­zel­bau­er lie­ge nur den lie­ben lan­gen Tag im Heu, muß­te es rich­tig poli­tisch kor­rekt ”werk­tä­ti­ger Ein­zel­bau­er” hei­ßen; ”werk­tä­ti­ge Genos­sen­schafts­bau­ern” aller­dings gab es nicht, sie waren ein­fach nur so Genossenschafts­bauern.
Ein­zel­bau­ern hat­ten ein Ablie­fe­rungs­soll auf­zu­brin­gen, das nur sehr schwer zu erfül­len war. Die Bau­ern besa­ßen kei­ne Maschi­nen und kein Gerät, um das Soll zu erfül­len, hin­zu kam, daß vie­le Bau­ern als Neu­bau­ern kei­ne Erfah­rung hat­ten. Das erkann­te sogar die SED rich­tig und führ­te auf dem Land die “Maschi­nen-Aus­leih-Sta­tio­nen” (MAS) ein. Hier konn­te sich Ein­zel­bau­ern Maschi­nen, Trak­to­ren und ande­res Gerät aus­lei­hen. Par­al­lel dazu wur­de die ”Ver­ei­ni­gung der gegen­sei­ti­gen Bau­ern­hil­fe” (VdgB) ge­gründet, eine Ein­kaufs­ge­nos­sen­schaft und Ver­teil­or­ga­ni­sa­ti­on für Saat­gut, Dün­ge­mit­tel, Bau­ma­te­ri­al u.ä.
Die Siers­le­ben nächst gele­ge­ne MAS befand sich in Klos­ter­mans­feld; die VdgB wur­de am Ende der Mit­tel­stra­ße, unten, Im Sack eta­bliert. Die MAS wur­den eini­ge Zeit spä­ter umbe­nannt in MTS (Maschi­nen-Trak­to­ren-Sta­ti­on), wobei das Aus­leih­prin­zip bestehen blieb.
Da der Zustrom zur LPG wei­ter­hin nicht so recht ins Rol­len kam, roll­te etwas ande­res her­an: Ein LKW mit blau­b­e­hem­de­ten Agi­ta­ti­ons- und Pro­pa­gan­da-Grup­pen, kurz Agi­t­­Prop-Grup­pen. Das waren zumeist, aber nicht immer, Berufs­funk­tio­nä­re, die die dümm­li­chen Vom-Ich-Zum Wir-Pla­ka­te umsetz­ten in noch viel plat­te­re Sket­che, wobei die­ses Wort nicht gebraucht wer­den durf­te, son­dern statt­des­sen Steg­reif­spiel anzu­wen­den war, obwohl es alles ande­re war, nur eben kein Steg­reif­spiel. Die Bau­ern wur­den genö­tigt, sich vor dem LKW auf­zu­stel­len und die Funk­tio­nä­re oben mach­ten sich zum Affen mit humo­ris­ti­scher Pro­pa­gan­da. War nach einer hal­ben Stun­de das Kas­per­le­-Thea­ter been­det, roll­te der LKW zum nächs­ten Dorf und so wei­ter.
Als auch das nicht dazu führ­te, daß die Ein­zel­bau­ern Schlan­ge stan­den, um einen Auf­nah­me­an­trag aus­zu­fül­len, wur­de man rabi­at: Man setz­te das Abga­be­soll höher, nötig­te die Bau­ern zu Ver­samm­lun­gen, spal­te­te mit Gerüch­ten und ande­ren Aktio­nen den Zusam­men­halt im Dorf, droh­te mit der Steu­er­fahn­dung (bis zum letz­ten Jahr der DDR ein belieb­tes Mit­tel), konn­te auf der MTS plötz­lich kein Trak­tor mehr repa­riert wer­den, in der VdgB waren kei­ne Treib­rie­men mehr vor­han­den usw.
Damit hat­te das Sys­tem end­lich Erfolg. Bin­nen kür­zes­ter Zeit waren fast alle Ein­zel­bau­ern frei­wil­lig der Land­wirt­schaft­li­chen Pro­dukt­ins­ge­nos­sen­schaft (LPG) bei­getre­ten. Die Ver­ge­nos­sen­schaf­tung erfolg­te in drei Stu­fen, dem­zu­fol­ge gab es LPG vom Typ Eins, Zwei und Drei. Beim Typ 1 war zum Bei­spiel nur die Feld­be­wirt­schaf­tung genos­sen­schaft­lich, wäh­rend die Vieh­hal­tung indi­vi­du­ell blieb – und damit natür­lich das Abga­be­soll für Milch und Eier – ruck zuck nach kur­zer Zeit waren alle Typ 1‑Genossenschaften in sol­che vom Typ 3 umge­wan­delt, in der abso­lut alles Genos­sen­schafts­ei­gen­tum war.
Beson­ders den alt­ein­gesse­nen Bau­ern, die mit ihrem Grund unter der 100-Hekt­ar-Ent­eig­nungs­gren­ze lagen, aber mit viel­leicht 80 Hekt­ar wirt­schaft­lich in einer ande­ren Liga spiel­ten, als ein Neu­bau­er ‑viel­leicht ehe­mals Uhr­ma­cher in Grün­berg- mit sei­nen 7 Hekt­ar, fiel der Bei­tritt zu einer LPG sehr schwer.

Inhalts­über­sicht

1000 Traktoren

Kurz nach der Grün­dung der MAS wur­de wie­der mit rie­si­gem Pro­pa­gan­da-Auf­wand eine Kam­pa­gne gestar­tet: 1000 Trak­to­ren: Die gro­ße, ruhm­rei­che Sowjet­uni­on schenkt der DDR ein­tau­send Traktoren.

Zitat Neu­es Deutsch­land vom 25.02.1949
Ber­lin (ND). Hel­le Freu­de herrscht bei den Arbei­tern und bei der werk­tä­ti­gen Land­be­völ­ke­rung unse­rer Zone über die Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den der DWK, Hein­rich Rau, daß die Sowjet­uni­on uns in so groß­zü­gi­ger Wei­se mit tau­send erst­klas­si­gen Trak­to­ren, mit Last­kraft­wa­gen und mit Walz­ma­te­ri­al zur Her­stel­lung von Ersatz­tei­len für unse­re land­wirt­schaft­li­chen Maschi­nen und Gerä­te zu Hil­fe kommt …

Wie immer (zuletzt beim Mais­lied, s.u.), wur­de im Unter­richt flugs die­ses neue Lied gelehrt:
Stro­phe 1 (Deut­sche Pan­zer in Ruß­land): ”Tau­sen­de Pan­zer zer­stör­ten das Land, brach­ten nur Tod und Ver­der­ben.…
Stro­phe 2 (Rus­sen sind selbst­los): ”Tau­send Trak­to­ren durch­pflü­gen die Saat…
Natür­lich wur­de nichts geschenkt, denn zu die­ser Zeit lief die Demon­ta­ge gan­zer Wer­ke und die des zwei­ten Glei­ses auf Hoch­tou­ren. Ich selbst habe dabei zuge­se­hen, wie Arbei­ter auf der Eisen­bahn­ver­bin­dung Klos­ter­mans­feld-Hett­s­tedt am Bahn­hof Siers­le­ben ein Gleis der bis dato zwei­glei­si­gen Stre­cke demon­tier­ten. Dar­über wur­de nicht gesprochen.

Inhalts­über­sicht

Leben mit Kampagnen III

Westpaket und Bettelbrief

Eini­ge Mona­te lang, an das genaue Jahr kann ich mich nicht mehr erin­nern, lief eine Ver­leum­dungs­kam­pa­gne der loka­len SED, gegen die Urhe­ber soge­nann­ter ”Bet­tel­brie­fe”, der sich natür­lich das loka­le SED-Kreis­blatt “Frei­heit” anschloß. In die­sem Blatt wur­den Per­so­nen ‑meist allein­ste­hen­de Frau­en- unter vol­ler Namens­nen­nung in redak­tio­nel­len Schmäh­ar­ti­keln ange­grif­fen. Das Schrei­ben von “Bet­tel­brie­fen in das impe­ria­lis­ti­sche West­deutsch­land”, so der gro­tes­ke Vor­wurf, wür­den den Stolz der fried­lie­ben­den DDR-Bür­ger ver­let­zen. Dazu wur­den Text­aus­zü­ge aus den Brie­fen zitiert. Das Schlim­me an die­ser Kam­pa­gne war, daß mit sol­chen Aktio­nen an nied­rigs­te Instink­te der Dorf­be­woh­ner ap­pelliert wur­de. Es gab Anfein­dun­gen, Tratsch und Neid. Auch Denun­zia­ti­on nach Block­wart-Manier kam vor. Der Inhalt sol­cher Pake­te war in den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren teil­wei­se überlebensnot­wendig, manch­mal ein­fach nur brauch­bar und manch­mal auch über­flüs­sig, in allen Fäl­len aber waren sie will­kom­men. Schließ­lich ent­hiel­ten sie jene Din­ge, die im plan­ge­wirt­schaf­te­ten Arbei­ter – und Bau­ern­staat nicht oder schwer erhält­lich waren. Da vie­le Ver­trie­be­nen- (DDR-Sprachgebrauch:Umsiedler-) fami­li­en katho­lisch waren, erhiel­ten die­se regel­mä­ßig Pake­te von west­deut­schen kirch­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen oder Gemein­den. Das Sam­meln der Adres­sen und Namen Bedürf­ti­ger erfolg­te auf inner­kirch­li­chen Wegen ohne akti­ves Zutun der Begünstigten.

Inhalts­über­sicht

Kampf dem Ochsenkopf

Es war sehr belas­tend, beim Hören eines West­sen­ders stän­dig an der Abstim­mung nach­zu­re­geln, um zu ver­ste­hen, was gera­de gesagt wur­de. In der DDR wur­den über­all Stör­sen­der betrie­ben, die den Emp­fang des gespro­che­nen Wor­tes west­li­cher Radio­sta­tio­nen mit Pfei­fen, Rau­schen und Blub­bern stör­ten. Es war ein­fach ner­ven­auf­rei­bend, es war uner­träg­lich.
Da kam eine neue tech­ni­sche Ent­wick­lung gera­de recht: Anfang der sech­zi­ger Jah­re lern­te der UKW-Rund­funk das Lau­fen und auch das Fern­se­hen fand immer schnel­ler neu­es Publi­kum. Es sprach sich rasend schnell her­um, daß UKW-Sen­der nicht so inten­siv gestört wer­den konn­ten und man Nach­rich­ten­sen­dun­gen kris­tall­klar ver­stand. Bei­de jun­gen Me­dien benö­tig­ten aller­dings für einen guten Emp­fang gro­ße und hoch­ste­hen­de Anten­nen (in Yagi-Form), die natür­lich am bes­ten auf dem Dach mon­tiert wur­den. Da sie aber auf den Sen­der aus­ge­rich­tet wer­den müs­sen, signa­li­sier­ten die­se übedimen­sio­na­len Dach­zei­ger jedem die ideo­lo­gi­sche Ein­stel­lung des Eigen­tü­mers. Es war offen­sicht­lich: Das Gros aller Anten­nen zeig­te in die ideo­lo­gisch uner­wünsch­te Him­mels­rich­tung.
Der SED berei­te­ten zuneh­mend auf Dächern mon­tier­te Anten­nen Sor­gen, die anstatt zum Peters­berg in der Nähe Hal­les zum Bro­cken blick­ten.
Ver­bin­det man auf einer Land­kar­te den Peters­berg mit dem Bro­cken im Harz, so durch­schnei­det die­se Linie genau das Mans­fel­der Land. Nun gehör­te zwar der Bro­cken zur DDR und dem­zu­fol­ge befand sich auch der dar­auf befind­li­che Sen­der fest in Arbei­ter- und Bau­ern­hand, aber der unmit­tel­bar dane­ben lie­gen­de und fast genau so hohe Wurm­berg wur­de von den Kriegs­trei­bern für Fern­seh- und Radio­sen­der miß­braucht, die nach Osten abstrahl­ten.
Bür­ger mit gefes­tig­ten Klas­sen­stand­punkt, also die Min­der­heit, rich­te­ten ihre Anten­nen nach Süd­os­ten aus. Alle sahen es: Ich lie­be die DDR.
Das Gros der Anten­nen aller­dings zeig­te in Rich­tung Nord­west. Alle sahen es: Guckt und hört der nun Bro­cken oder Wurm­berg /​ Torf­haus? Bei­des war ja mög­lich. Schnell sprach sich her­um, daß man hier und da abend­li­che Lau­scher am Fens­ter­la­den gese­hen habe (ich ken­ne noch heu­te einen), die wohl erkun­den, was für ein Sen­der emp­fan­gen wird. Nach einem hal­ben Jahr war das Pro­blem gelöst: ”Aus tech­ni­schen Grün­den muß­te die Pola­ri­sa­ti­on des Sen­ders Bro­cken geän­dert wer­den; alle Bür­ger wer­den gebe­ten das zu beach­ten und ihre Anten­nen­an­la­gen ent­spre­chen zu ändern.” Wer ab sofort wirk­lich (und nicht nur wie behaup­tet) den Sen­der Bro­cken emp­fan­gen will, müß­te sei­ne Anten­nen von der Hori­zon­ta­len in die Ver­ti­ka­le dre­hen. Nichts dreh­te sich… Hhmm.

Sie­he auch hier: DER SPIEGEL 37–1961

Inhalts­über­sicht

FDJ-Kontrollgruppen

Die Lösung die­ser Starr­köp­fig­keit waren soge­nann­te “FDJ – Kon­troll­grup­pen”. Auf Befehl und prak­tisch über Nacht rüpel­ten DDR-weit Eife­rer und Funk­tio­nä­re gegen Eigen­tü­mer falsch ste­hen­der Anten­nen. Nach eige­nem Ver­ständ­nis kämpf­ten die­se Grup­pen für den Frie­den, aller­dings aber immer im Dun­kel der Nacht. Die­se Hor­den klet­ter­ten auf Dächer, um Anten­nen abzu­kni­cken oder her­un­ter­zu­rei­ßen. Die Wut und Trä­nen der Eigen­tü­mer wegen ihrer zer­stör­ten Dächer (ver­su­che mal einer auch nur einen ein­zi­gen Dach­zie­gel zu kau­fen) küm­mer­ten die fana­ti­schen Friedens­kämpfer nicht. Es kam zu Schlä­ge­rei­en und Anzei­gen; Unru­he ver­brei­te­te sich, war doch das deckungs­glei­che Geba­ren der SA noch Vie­len gegen­wär­tig.
Angeb­lich empör­te Bür­ger for­der­ten in Zei­tun­gen in einer neu erschaf­fe­nen Rubrik ”Kampf dem Och­sen­kopf” das Aus­rich­ten von Anten­nen auf DDR-Sen­der (Der Sen­der Och­sen­kopf selbst befand sich über­haupt nicht im Emp­fangs­ge­biet des Mans­fel­der Lan­des).
Eine wei­te­re Ruh­mes­tat die­ser nächt­li­chen Friedens­kämpfer unse­res Dor­fes bestand im Her­un­ter­rei­ßen eines bron­ze­nen Adlers von der Spit­ze eines schlich­ten Gra­ni­to­be­lis­ken, der an die Gefal­le­nen des Krie­ges 187071 und an die des 1. Welt­krieges erin­ner­te.
Paro­len (“Pfaff’ Du warst nicht zur Wahl, ob Krieg oder Frie­den ist Dir egal!”) wur­den näch­tens geschmiert und viel­leicht auch die eine oder ande­re pri­va­te Rech­nung begli­chen. Das Gan­ze droh­te aus­zu­ufern, denn der auf­ge­kom­me­ne Ver­gleich mit der SA ließ die SED schnell han­deln und der Spuk war nach viel­leicht vier Wochen wie­der vor­bei.
Im Ergeb­nis des­sen, was sie erleb­ten, bau­ten vie­le Ein­woh­ner ihre Anten­nen­an­la­gen unter das Dach. Ande­re lie­ßen den Ideo­lo­gie­zei­ger demons­tra­tiv nach Nord­west wei­sen.
Es war eine Peri­ode der Hys­te­rie. Jeder Jugend­streich, jede “Dis­zi­plin­lo­sig­keit” in der Schu­le wur­den geahn­det, indem der Ver­ur­sa­cher einen Auf­satz schrei­ben muß­te. In die­sem Auf­satz hat­te er zu erklä­ren, daß das Hören von West­sen­dern ihn zum Zer­schla­gen einer Fens­ter­schei­be oder zum Kir­schen­klau­en ange­stif­tet hät­te. In mei­ner Lehr­zeit wur­den die­se “Bekennt­nis­se” übli­cher­wei­se öffent­lich an die Wand­zei­tung angeschlagen.

Inhalts­über­sicht

Radio Luxemburg
Röhren-Kofferradio Rema-Trabant; Holzgehäuse mit Kunstlederbezug
Röh­ren-Kof­fer­ra­dio Rema-Tra­bant; Holz­ge­häu­se mit Kunstlederbezug

Vie­le Sonn­ta­ge ‑um Zwei Uhr nach­mit­tags- saß unse­re Cli­que vor dem gro­ßen Röh­ren­ra­dio, das ich jedes­mal von zu Hau­se in unse­ren Jugend­klub in der Hett­s­ted­ter Stra­ße geschleppt hat­te. Wir ver­such­ten, im 49-Meter-Band Radio Luxem­burg ein­zu­stel­len; Punkt 14 Uhr ging Camil­lo mit sei­nem Side­kick Frank und sei­ner Erfin­dung “Hit­pa­ra­de” auf den Sen­der. Zwei Stun­den lang ver­folg­ten wir die Sen­dung.
Man konn­te zwar auch den Nord­west­deut­schen Rund­funk (NWDR) emp­fan­gen, aber das war nor­ma­les Pro­gramm­ra­dio und Musik war dort eher Man­gel­wa­re.
Litt­le Richard, Elvis Pres­ley, John­ny Cash, Chuck Ber­ry, Bill Haley … deren Titel aller­dings waren auch auf Radio Luxem­burg weni­ger zu hören; dafür war dann AFN zustän­dig. Stän­dig war ich auf Mit­tel- und Kurz­wel­le unter­wegs, um AFN oder RIAS ein­zu­fan­gen; es war ner­ven­de Fum­me­lei einen Sen­der stän­dig nach­stim­men zu müs­sen. Pfei­fen, Rau­schen, Zwit­schern, Fading – es war ein stän­di­ger Kampf mit dem Radio. Bei Dun­kel­heit fie­len auf Kurz­wel­le Dut­zen­de Sen­der ein, die sich alle gleich­zei­tig aus dem Laut­spre­cher quet­schen woll­ten, es war nahe­zu unmög­lich einen Sen­der zu hal­ten – zu vie­le tum­mel­ten sich im Äther. Es war zum Ver­zwei­feln – UKW-Rund­funk befand sich noch in den Start­lö­chern und die Stand­or­te von RIAS und AFN befan­den sich auch nicht gera­de in der Nähe.
Jeder von uns Teen­agern war in die­ser Zeit ganz ver­rückt nach einem Kof­fer­ra­dio. In der DDR wur­den zwar eini­ge Model­le pro­du­ziert, aber wie eben üblich, ganz schwer zu erhal­ten. Mein Freund Wolf­gang hat­te als Ers­ter unse­rer Cli­que Glück und konn­te einen klei­nen Puck erwi­schen und wenig spä­ter zeig­te uns Erhard sein Stern­chen. Mir gelang dann aber auch irgend­wann Anfang 1960 der gro­ße Wurf und ich hat­te end­lich einen Rema-Tra­bant an einem grü­nen Leder­rie­men über der Schul­ter hän­gen. Ein gro­ßes, zwei Kilo­gramm schwe­res Röh­renun­ge­tüm mit ‑sehr wich­tig- einer rela­tiv brei­ten und damit gespreiz­ten beid­sei­ti­gen Ska­la für Kurz,-, Mit­tel- und Lang­wel­le. Prima.

Schlager und Politik

Anfang der sech­zi­ger Jah­re star­te­te der FDJ-Zen­tral­rat unter dem Titel “Schla­ger und Poli­tik” (wie­der ein­mal) eine Kam­pa­gne, um uns Jugend­li­che, deren Ido­le Elvis Pres­ley, Peter Kraus oder Ted He­rold waren, zum sozia­lis­ti­schen Schla­ger zu be­kehren. Die Basis die­ser Kam­pa­gne war ein zen­tral pro­duziertes Magnet­band, wel­ches an alle Schu­len, Berufs­schu­len usw. ver­teilt wur­de. Auf dem Band waren je zehn Ost- und West­schlager aus­schnittsweise zu hören. Die Tex­te der Schla­ger wur­den von einem Spre­cher im Sti­le eines Karl-Edu­ard von Schnitz­ler (oder war er es selbst?) kom­men­tiert. Er wies haar­scharf nach, daß West­schla­ger Ge­walt und Krieg ver­herr­li­chen, wäh­rend die sozia­lis­ti­schen, lebens­fro­hen Lie­der opti­mis­tisch in eine fro­he Zukunft ver­wie­sen.
Auf dem Band ver­tre­ten waren zum Bei­spiel “Heim­weh”  und “Hast Du noch eine Ziga­ret­te, Kame­rad” von Fred­dy Quinn, “Mor­gen” von Ivo Robic, “Tom Doo­ley” mit den Niel­son Bro­thers und Ande­re.
Die­sen West- waren Ost­schla­ger gegen­über­ge­stellt wor­den, von denen einer der Bär­bel-Wach­holz-Titel “Damals” war. Und genau wegen die­ses Titels wur­de die gan­ze Kam­pa­gne erst recht zum Flop. Wir, die zu Bekeh­ren­den, dreh­ten den Argu­men­ta­ti­ons­spieß ganz ein­fach her­um und behaup­te­ten, die blon­de Bär­bel ver­herr­li­che die Nazi­zeit (“… damals war alles so schön. Doch wir waren viel zu jung, um unser Glück zu versteh’n… ”). Natür­lich wur­de uns erklärt, daß dem nicht so sei –  aber genau die­se Argu­men­te wür­den dann auch auf ”Heim­weh” zutref­fen usw .…
Es war ein­fach albern. Nach kur­zer Zeit ver­schwand das Band aus den Schu­len und die Kam­pa­gne war zu Ende.
Eine beson­de­re Rol­le in der dama­li­gen Zeit spiel­te der “Deut­sche Frei­heits­sen­der 904”, der vor­gab von West­deutsch­land aus zu sen­den. Ab 21 Uhr brach­te die­ser Sen­der eine Stun­de lang DDR-Pro­pa­gan­da, unter­bro­chen von west­li­cher Musik. Mit die­sem Kunst­griff – der im Prin­zip auch funk­tio­nier­te – bot man der DDR – Jugend (obwohl offi­zi­ell nicht die Ziel­grup­pe) West­schla­ger und Ost­pro­pa­gan­da in Einem. Nach Ende der ein­stün­di­gen Pro­pagandasendung wur­de auf  die Mit­tel­wel­len­fre­quenz 935 gewech­selt und der glei­che Sen­der ver­such­te nach dem glei­chen Kon­zept nun aber als “Deut­scher Sol­da­ten­sen­der” die Sol­da­ten der Bun­des­wehr zu indoktrinieren.

Inhalts­über­sicht

Freizeit war kein Vergnügen

Unsere Kinderspiele
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Krei­seln

Gemein­sa­mes Spie­len mit ande­ren Kin­dern war ein wesent­li­cher Punkt mei­ner Kind­heit. Wenn ich mir Pie­ter Brue­gels Bild “Die Kin­der­spie­le” anschaue, stei­gen vie­le Erin­ne­run­gen an Spie­le auf, die wir alle noch kann­ten und spiel­ten.
Spie­le wur­den nicht geplant, sie erga­ben sich aus der Situa­ti­on, aus Lust, Lau­ne, Wet­ter, anwe­sen­de Freun­de, Gele­gen­heit usw. Vor allem Kraft- und Mut­spie­le, wie Rei­ter­kampf, Bock­sprin­gen, Wett­lauf, Schwei­ne­bau­meln, Balan­cie­ren, waren bei uns Jun­gen beliebt; etli­che besa­ßen Stel­zen, so auch ich. Dage­gen stan­den Spie­le, wie Rock­dre­hen, Völ­ker­ball, Blin­de Kuh, Hoch­zeit, Plump­sack, Stil­le Post, Him­mel und Höl­le (Hickeln), bei den Mäd­chen höher im Kurs.
Im zei­ti­gen Früh­ling wur­de vor allem der Krei­sel über den Boden getrie­ben. Krei­sel­künst­ler unter uns waren in der Lage, das klei­ne Holz­dings auch über Kopf­stein­pflas­ter zu peit­schen.
Auch Rei­fen­trei­ben war ein Spiel, wel­ches in den 50ern noch nicht aus­ge­stor­ben war; beson­ders geeig­net als Spiel­ge­rät waren Fahr­rad­fel­gen. Man konn­te ewig lan­ge den Rei­fen durch das Dorf trei­ben, so ein Ding kipp­te ein­fach nicht um.
Ein Freund von mir, Klaus, mit dem ich ger­ne Ami und Rus­se spiel­te, besaß einen Auto­rei­fen, mit dem er immer angab und auch noch ver­such­te Gewinn zu machen: Wills­de aach ma’ roll’n? – Fünf Gul­ler­schös­se

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Rei­fen­trei­ben

Mit Klaus’ Mons­ter-Gum­mi­rei­fen spiel­ten wir mit­un­ter Ika­rus-Bus (unga­ri­sche Ika­rus-Bus­se waren die ers­ten Front­len­ker und began­nen gera­de, sich die Stra­ßen des Ost­blocks zu erobern); dazu nahm ich ein Rad mei­nes über­le­bens­gro­ßen Holz­pfer­des vor mei­nen mage­ren Bauch, dreh­te es hin und zurück, schal­te­te  … brmm, brmm und fuhr los – ich war der Fah­rer, Kum­pel Klaus das Bus­rad. Er trieb keu­chend sei­nen schwe­ren Rei­fen neben mir her, mei­nen Lenk­be­we­gun­gen fol­gend. Auch berg­auf – Tüüüt.
Das Spie­len mit Mur­meln (Gul­ler­schös­se) war eben­falls ein typi­sches Früh­lings­spiel; war­um es im wei­te­ren Jah­res­ver­lauf nicht mehr gespielt wur­de – ich weiß es nicht. Die Mur­meln wur­den in einem aus­ge­dien­ten Strumpf ‑meist der Mut­ter- trans­por­tiert. Das Grund­kon­tin­gent an Mur­meln kauf­te man stück­wei­se bei Kun­ze am Denk­mal­platz. Wer am geschick­tes­ten war und die ande­ren besieg­te, ging mit deut­lich dicke­rem Strumpf wie­der nach Hau­se. Beson­ders begehrt waren Kli­cker oder Bucker – grö­ße­re Mur­meln, deren Grö­ße ihren Wert als Äqui­va­lent einer Anzahl nor­ma­ler Mur­meln bestimm­te. Als beson­ders wert­voll wur­den Glas- und Stahl­ku­geln ange­se­hen. Sehr häu­fig tra­fen sich die Super-Murm­ler am Denk­mal zu ihren Matches.
Ver­steck(en) und (Ein)fangen (Jochen) mit und ohne Freisch­la­gen zu spie­len, war bei Mäd­chen und Jun­gen glei­cher­ma­ßen sehr beliebt. Die­se Spie­le dehn­ten sich manch­mal über Stun­den und auch über das gesam­te Dorf­ge­biet aus, genau­so, wie Schnit­zel­jag­den, die uns bis in den Wel­fes­hol­zer Wald und auf die Hal­den (Hoh­len) des Glück­hilfs- und Nie­wandt­schach­tes führten.

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Mur­meln

Beim Schwei­ne­bau­meln kam es dar­auf an kopf­über an einem Ast, einer Mau­er­kro­ne o.ä. zu hän­gen.
Typi­sche Jun­gen-Spie­le waren Mes­ser­ste­chen, Kaul­quap­pen­fres­sen, Vogel­nes­ter aus­neh­men bzw. Vögel mit der Zwil­le (Schlapp­schlau­der) ermor­den. Ja, manch­mal nah­men Vögel Scha­den, wobei ich fest­stel­len muß, daß das Schie­ßen mit der Zwil­le auf leben­de Zie­le nicht jeder­manns Sache war, auch die mei­ne nicht; aber genau­so gut kann ich mich an einen Jun­gen aus Augs­dorf erin­nern, der das gera­de­zu fana­tisch und mit fun­keln­den Augen tat.
Mes­ser­ste­chen ist natür­lich harm­los: Es galt, ein Taschen­mes­ser, das mit sei­ner Spit­ze auf ver­schie­de­nen Tei­len der Hand, des Gesich­tes und ande­ren Kör­per­stel­len, so her­ab­fal­len zu las­sen, daß es sich genau ein­mal um sich selbst dreht und im Boden ste­cken bleibt.
Auch das Eis­ru­dern gegen Ende des Win­ters auf dem Dorf­teich wur­de über­wie­gend von uns Jun­gen gepflegt: Wir stan­den auf schwan­ken­den Eis­schol­len­stück­chen im eis­kal­ten Was­ser und ver­such­ten, mit einem Brett oder Knüp­pel rudernd, vor­an­zu­kom­men. Hin und wie­der muß­te auch jemand pitschen­aß nach Hau­se gehen, wo er dann in der Regel den Wanst voll krieg­te.

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Klim­pern

War das Eis noch intakt, lie­fen wir Schlitt­schuh. Die­se wur­den mit Rie­men unter nor­ma­le Schu­he geschnallt und mit Absatz- und Soh­len­kral­len mit­tels einer klei­nen Vier­kant­kur­bel dar­an fest­ge­krallt. Trat man unglück­lich auf oder knick­te seit­lich ab, schmerz­te es nicht nur, son­dern auch der Schuh­ab­satz wur­de regel­mä­ßig gleich mit abge­ris­sen. Die Schuh­ma­cher Siers­le­bens hat­ten im Win­ter gut zu tun.
Beim Pfen­nig­schla­gen ‑wir sag­ten klim­pern- kam es, ähn­lich wie beim Mur­meln, auf etwas Geschick­lich­keit an. Das Schöns­te dar­an war, daß man einen, zwei oder drei Pfen­ni­ge gewin­nen konn­te.
Im Som­mer bewar­fen wir uns, im Teich ste­hend, mit dar­in schwim­men­den Pfer­de­äp­feln, da dort die Bau­ern ihren geplag­ten Arbeits­gäu­len gern eine Fei­er­abend-Abküh­lung gönn­ten. Ihre Äpfel waren auf­grund des Was­sers bes­ser form­bar, als das tro­cke­ne Krü­mel­zeug, das auf der Stra­ße lag und von alten Leu­ten für ihre Blu­men gesam­melt wur­de – Klatsch …

Inhalts­über­sicht

An Wasser fehlt’s im Revier
Willi Anna Werner Schneemann und Freunde Augsdorf Freibad 1936
Im Augs­dor­fer Bad 1936

Das Mans­fel­der Land ist rela­tiv arm an Was­ser­flä­chen. Wenn man im Som­mer baden woll­te, wur­de es etwas eng. Obwohl wir hin und wie­der mal am und im Dorf­teich spiel­ten, war das kein Ersatz für ein rich­ti­ges Baden. Haupt-Kör­per-Erfri­schungs­an­stalt für uns Siers­le­be­ner war sicher­lich das Frei­bad in Augs­dorf. Es war in den 50ern schon nicht mehr nagel­neu und etwas glit­schig und grün war es auch – aber, es erfüll­te sei­nen Zweck. Wir bade­ten gern in die­sem Bad. Beim Kauf der Ein­tritts­kar­te ‑die Prei­se weiß ich nicht mehr- konn­te oder muß­te man wäh­len: Ein­zel- oder Gemein­schafts­ka­bi­ne (Guhschdallj).
Ein wei­te­res Frei­bad befand sich in Groß­ör­ner. Es war bedeu­tend grö­ßer als das Augs­dor­fer Bad und ver­füg­te ‑Don­ner­wet­ter- über eine zen­tra­le Beschal­lung: Man konn­te Bär­bel Wach­holz, Julia Axen und Gün­ter Geiß­ler hören und ‑noch­mals Don­ner­wet­ter- mit der eige­nen Stim­me ande­re Bade­gäs­te grü­ßen – huuii…
Lei­der lag das Örner­sche Bad nicht gera­de in der Nach­bar­schaft; man muß­te nach Thon­dorf, über den Hett­s­ted­ter Weg und durch den Regen­beck min­des­tens zwei Tage hin- und dop­pelt so lan­ge zurück­lau­fen.
Bad Anna in Hel­bra war nur ein- oder zwei­mal mein Ziel – und wenn ich mich recht ent­sin­ne, woll­te ich dort ledig­lich mit dem Aus­leih-Ruder­boot etwas Pira­ten-Fee­ling erle­ben.
Häu­fi­ger waren wir im Hett­s­ted­ter Ton­loch baden. Es lag zwar auch nicht in unmit­tel­ba­rer Nähe, aber es hat­te kei­nen Beton-Rand, ent­hielt kein Chlor­was­ser und war ein­fach ange­sagt. Da es rela­tiv tief war, konn­te es nicht scha­den, schwim­men zu kön­nen – also, nur etwas für Ange­ber.
In der kal­ten Jah­res­zeit war ich öfters ‑vor allem mit mei­nem Kum­pel Han­si- im Hal­len­bad im Hett­s­ted­ter Klub­haus der Walz­wer­ker. Hier war der Bade­meis­ter so etwas wie der Son­nen­kö­nig: Ein Abso­lu­ter Herr­scher. Er ver­lang­te tat­säch­lich, beim Duschen Sei­fe zu benut­zen und dabei die Bade­ho­sen aus­zu­zie­hen! Und zu allem Über­fluß kon­trol­lier­te er nach dem Duschen auch noch unse­re Füße sehr genau – so etwas Pin­ge­li­ges! Aber – wir erlern­ten in kur­zer Zeit bei die­sem Bade­meis­ter Schwim­men und erhiel­ten das Frei- und das Fahr­ten­schwim­mer­zeug­nis (15 Minu­ten Schwim­men, Sprung 1‑Me­ter-Turm /​ 45 Minu­ten Schwim­men, Sprung 3‑Me­ter-Turm und 3 Meter Schei­ben­tau­chen). Lei­der war in der Regel die Bade­zeit auf eine oder zwei Stun­den begrenzt.
Nach dem Schwim­men setz­ten Han­si und ich uns ent­we­der in die im Ober­ge­schoß befind­li­che Biblio­thek, um etwas zu lesen oder wir schlürf­ten im D‑Zug-Wagen eine Mag­gi-Brü­he mit Ei und Bröt­chen für vier­zig Pfen­nig. Ohne Ei zwan­zig Pfen­nig.
Mach­ten wir uns auf den Heim­weg, nutz­ten wir hin und wie­der die noch damals ange­bo­te­ne Per­so­nen­be­för­de­rung durch die Deut­sche Post. Man konn­te das nach Plan (!) fah­ren­de Post­au­to am Bahn­hof Hett­s­tedt abwin­ken, der Fah­rer riß einen nor­ma­len Fahr­schein (0,40 MDN) vom Block, wir nah­men auf der Rück­bank Platz – und ab ging die Post.
Ein Mal ‑unver­geß­lich für mich- ging nicht die Post, son­dern die Bahn ab: Ein Onkel von Kum­pel Han­si war Loko­mo­tiv­füh­rer bei der Mans­fel­der Berg­werks­bahn (Schacht­bahn) und nahm uns mit – von der Hett­s­ted­ter Kup­fer­hüt­te, vor­bei an Edu­ard- und Nie­wandt­schacht, bis hin zum Gleis­drei­eck Siers­le­ben. Von hier aus fuh­ren auch Per­so­nen­zü­ge zu den ein­zel­nen Betrie­ben des Mans­feld-Kom­bi­na­tes. Der Per­so­nen­zug­ver­kehr wur­de irgend­wann mit der Instal­la­ti­on eines dich­te­ren Bus­net­zes durch das Mans­feld Kom­bi­nat eingestellt.

 

Inhalts­über­sicht

Der Landfilm kommt

Die Kin­der des Kapi­tän Grant”, ”Locken­des Glück”, ”Es blinkt ein ein­sam Segel”, “Mount Ever­est”, “Till Eulen­spie­gel” – die­se und vie­le ande­re Fil­me waren unver­gess­li­che Ereig­nis­se mei­ner Kind­heit, auch, wenn sie teil­wei­se ideo­lo­gisch arg belas­tet waren. Fil­me hat­ten einen völ­lig ande­ren Stel­len­wert als heu­te. Fil­me waren fas­zi­nie­ren­de Aus­flü­ge in ande­re Wel­ten.
Ein­mal in der Woche kam der soge­nann­te Land­film, eine Art Kino auf Rädern, in die Nach­bar­dör­fer Siers­le­bens. Mon­tags hier, diens­tags dort, mitt­wochs anders­wo usw. Gefiel ein Film beson­ders gut, konn­te man ihn drei‑, vier­mal anse­hen. Der Ein­tritt kos­te­te ‑glau­be ich- fünf­und­zwan­zig Pfen­nig. Ob der Land­film auch in Siers­le­ben direkt Sta­ti­on mach­te, dar­an erin­ne­re ich mich nicht mehr. Ich glau­be aber eher nicht, da ja unser Dorf ein rich­ti­ges Kino im ehe­ma­li­gen Tanz­saal im Ober­ge­schoß der Gast­stät­te Heklau besaß.
Die Land­film­vor­stel­lun­gen fan­den im Saal eines Dorf­gast­hau­ses statt ‑in Augs­dorf war es die Lin­de, in Thon­dorf die Erho­lung und in Hübitz … tja, … habe ich ver­ges­sen. Im Som­mer gab es stän­dig Pro­ble­me mit der Ver­dun­ke­lung des Saa­les, so daß man­cher Film optisch nicht wirk­lich pri­ckelnd war.
Der Land­film-Mann kam mit zwei uralten Bogen­lam­pen-Pro­jek­to­ren und etli­chen ble­cher­nen (Brand­schutz!) Film­kis­ten, in denen die Film­rol­len für die nach­mit­täg­li­che 15-Uhr-Kin­der­vor­stel­lung und die abend­li­che Erwach­se­nen-Vor­stel­lung trans­por­tiert wur­den. Er stell­te sei­nen gan­zen Krem­pel an einem Saa­len­de auf und spann­te am ande­ren Ende die viel­fach geflick­te Lein­wand und stell­te den Laut­spre­cher auf. Er rich­te­te die Bil­der bei­der Pro­jek­to­ren kan­ten­ge­nau aus und wenn der Film nicht riß, was hin und wie­der vor­kam, ver­sprach der Nach­mit­tag ein Erleb­nis zu wer­den, trotz der laut rat­tern­den Pro­jek­to­ren, der Umspul-Geräu­sche und klap­pern­der Film­kis­ten im Hintergrund.

Inhalts­über­sicht

Heklau’s Kino

Wie soeben gesagt, Siers­le­ben besaß ein rich­ti­ges Kino in Hek­laus Knei­pe und immer Mitt­woch, Sonn­abend und Sonn­tag gab es Vor­stel­lun­gen. Kin­der­vor­stel­lun­gen waren nur sonn­tags ange­setzt. Hier sah ich als Knirps vie­le der sowje­ti­schen Mär­chen­fil­me um Baba Jagas, Eis­kö­ni­gin­nen, dum­me Iwans und Schö­ne Was­si­lis­sas. Und tap­fe­re Tasch­a­pa­jews.
Spä­ter, als auch ich die 14-Jah­re-Gren­ze für die Abend­vor­stel­lung über­schritt, konn­te man end­lich alle Fil­me anschau­en, solan­ge die Alters­gren­ze nicht auf P16 oder P18 fest­ge­setzt war. In die­sen Fäl­len erschli­chen wir uns den Film, indem wir auf unrech­ten Wegen auf die Büh­ne, hin­ter die Lein­wand gelang­ten und uns so den Film (sei­ten­ver­kehrt) ansa­hen.
Obwohl das Kino immer recht gut besucht war, nahm der Andrang manch­mal beängs­tig­ten­de Aus­ma­ße an, wenn Fil­me aus dem Wes­ten gezeigt wur­den. Neben anspruchs­vol­len Fil­men, wie “Lohn der Angst” und “Roc­co und sei­ne Brü­der”, waren es vor allem harm­lo­se Strei­fen wie die Spes­sart-Fil­me mit Lilo Pul­ver, Die Hazy-Oster­wald-Sto­ry (mit her­aus­ge­schnit­te­nem Kri­mi­nal­tan­go), däni­sche musi­ka­li­sche Komö­di­en mit Siw Malm­quist usw.
Neben dem Haupt­film wur­de jedes­mal die DEFA-Wochen­schau “Der Augen­zeu­ge” und öfters auch “Das Sta­chel­schwein” gezeigt, letz­te­res eine poli­tisch-sati­ri­sche Pro­pa­gan­da­se­rie, in der jedes­mal ein unauf­merk­sa­mer DDR-Bür­ger Scha­den nahm, weil er auf West­pro­pa­gan­da her­ein­fiel.
Hin und wie­der wur­den auch Vor­fil­me gezeigt, oft über den Wech­sel der Jah­res­zei­ten in irgend­ei­ner Ecke der ruhm­rei­chen Sowjet­uni­on. Der Spre­cher into­nier­te pathe­tisch und irgend­wann fie­len dann sin­gen­de rus­si­sche, tar­ta­ri­sche, usbe­ki­sche, ukrai­ni­sche und ande­re ‑ische  selt­sam krei­schen­de Frau­en­stim­men ein. Bin ich jetzt ein Kulturbanause?

Richtiges Kino: Apollo und Unitas

Neben Land­film und Hek­laus Kino zog es uns auch in die Kinos der nächs­ten Kreis­stadt, nach Hett­s­tedt. Ja – das war doch etwas ganz Ande­res, das war rich­tig welt­städ­tisch: APOLLO und UNITAS stand in Leucht­buch­sta­ben über den Ein­gän­gen und man konn­te zwi­schen zwei Sitz­ka­te­go­rien wäh­len! Sperr­sitz und Par­kett! Und – es gab eine rich­ti­ge 17-Uhr-fast-Erwach­se­nen-Vor­stel­lung! Nicht so ein Kin­der­kram wie nach­mit­tags um drei Uhr.
Das Apol­lo war etwas belieb­ter, weil der Weg von Siers­le­ben (fünf Kilo­me­ter Land­stra­ße, vor­bei an der Hal­de (Hoh­le) des Edu­ard­schach­tes und die Hett­s­ted­ter Bahn­hof­stra­ße hin­un­ter) etwa zwei Kilo­me­ter kür­zer war, als das in der Stadt­mit­te (Meis­ber­ger-/Lan­ge Stra­ße) lie­gen­de UT.
Gegen­über des Apol­lo, auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te, stand ein Kiosk, an dem man sich mit Süßig­kei­ten ‑im Rah­men unse­rer Pfen­nig­be­trä­ge- ein­de­cken konn­te; Lakrit­ze­schlan­gen und ‑pfei­fen mach­ten eine herr­lich schwar­ze Zun­ge.
Hek­laus Kino in Siers­le­ben besaß kei­nen sol­cher­art klang­vol­len Namen wie die Hett­s­ted­ter, es hat­te über­haupt kei­nen Namen – es hieß ein­fach Kino, besaß nur eine Klapp­stuhl­ka­te­go­rie und war im Win­ter schwei­ne­kalt, obwohl ein Rie­sen­ofen ver­such­te dem abzuhelfen.

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 Halbstark

Die 50er waren das Jahr­zehnt, in dem der Begriff  Halb­stark unter das Volk kam und auch wir  taten alles, um in unse­rem klei­nen Dorf als Sol­che wahr­ge­nom­men zu wer­den. “Wir”, das war ein Teil der Jugend­li­chen Siers­le­bens – etwa die Gebur­ten­jahr­gän­ge 1942 bis 1947 mit Aus­rut­schern nach oben und unten. Ins­ge­samt waren wir so etwa drei­ßig Typen, die in unter­schied­li­chem Maße als halb­stark gal­ten oder gel­ten woll­ten oder es waren:

Erstes Dutzend – der harte Kern

Der har­te Kern ‑ein reich­li­ches Dut­zend, mich inbe­grif­fen- war bekannt im Dorf durch sei­ne hhmm…  Akti­vi­tä­ten, zu denen der eine oder ande­re Streich gehör­te, bei­spiels­wei­se fol­gen­der: Wäh­rend einer Kino-Abend­ver­an­stal­tung wuch­te­ten wir zwei gefüll­te Asche­ton­nen etwa zwan­zig Stu­fen hin­auf, die zum Kas­sen­vor­raum des im Ober­ge­schoß von Hek­laus Knei­pe befind­li­chen Kinos führ­ten. Wir pla­zier­ten die Ton­nen direkt vor der dop­pel­flüg­li­gen Tür, die den Kas­sen­raum gegen die Trep­pe abschloß. Nach Vor­stel­lungs­en­de ver­such­te die Kar­ten­ab­rei­ße­rin, die wäh­rend der Vor­stel­lung am Laut­stär­ke­reg­ler dreh­te und auch Kas­sen­frau war, die Tür auf­zu­sto­ßen, wel­ches wegen der davor ste­hen­den Asche­ton­nen ihr aber nicht gelang. Den aus dem Kino­saal drän­gen­den Men­schen aber wider­stan­den sie nicht und wur­den von bei­den Tür­flü­geln über die obers­te Stu­fe gescho­ben. Laut pol­ter­ten bei­de Ton­nen und ihre Rie­sen­de­ckel die Trep­pe hin­un­ter und blie­ben unten vor einer geschlos­se­nen Wind­fang-Tür lie­gen. Unten die Ton­nen, oben eine dich­te Wol­ke aus Asche und Staub, auf der Trep­pe Dreck und Abfall und wüten­de, erbos­te, sich nach unten kämp­fen­de Kino­be­su­cher.
Schon als die Ton­nen began­nen, stau­bend her­ab­zudon­nern, war uns klar, daß wir schleu­nigst das Wei­te suchen muß­ten, woll­ten wir nicht von der auf­ge­brach­ten Men­ge gelyncht wer­den. Glück­li­cher­wei­se hat uns kein Außen­ste­hen­der beob­ach­tet und so ver­lie­fen die Nach­for­schun­gen des Dorf­po­li­zis­ten im San­de – in der Asche, sozu­sa­gen, obwohl natür­lich jeder im Dorf ahn­te, wer die Ver­ur­sa­cher waren. Erst als wir noch­mals dar­über rede­ten, ging uns auf, daß die­ser Streich so harm­los nicht war …

Zweites Dutzend – die Unentschlossenen

Ein zwei­tes Dut­zend (viel­leicht auch mehr) such­te mehr oder weni­ger die Nähe des har­ten Ker­nes der Cli­que, hat­te aber ein ambi­va­len­tes Ver­hält­nis zu ihm. Irgend etwas pass­te nicht ganz so recht. Einer war etwas zu jung und der ande­re fühl­te sich etwas zu alt und ein wei­te­rer muß­te immer um acht Uhr abends zu Hau­se sein. Wie­der ande­re fühl­ten sich im Zwie­spalt zwi­schen Eltern­au­to­ri­tät und dem Rebel­lie­ren gegen die­sel­be unwohl; sie waren gefan­gen zwi­schen Baum und Bor­ke, waren unent­schlos­sen, trau­ten sich nicht so recht – oder waren Mäd­chen. Oder alles zusam­men.
Trotz der zeit­wei­lig nur losen Bin­dun­gen zwi­schen bei­den Grup­pen, war aber die Freund­schaft zwi­schen Allen  auf­rich­tig ‑auch über die inzwi­schen ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te- und nie­mand kam auf die Idee, das anzu­zwei­feln.
Ging es am Wochen­en­de zum Tan­zen nach San­ders­le­ben in die Die­le, wie das Tanz­lo­kal Drei Lin­den genannt wur­de, waren sie nicht oder nur ver­ein­zelt dabei. Eben­so, wenn wir tes­te­ten, wie­viel Bier noch in Karl Höckes Fäs­sern schwapp­te. Ledig­lich beim Rum­hän­gen in der Bus­war­te­hal­le, beim Kino­be­such oder in unse­rem selbstre­no­vier­tem Klub­raum schlos­sen sie sich zeit­wei­se dem har­ten Kern an.

Drittes Dutzend – die Verweigerer

Natür­lich gab es Jugend­li­che (eigent­lich weni­ger als ein Dut­zend) in Siers­le­ben, die mit dem Ver­such einer halb­star­ken Sub­kul­tur in einem Mans­fel­der Dörf­chen nichts anzu­fan­gen wuß­ten. Die­se Teen­ager waren die Guten, die mora­lisch Über­le­ge­nen, die, wel­che sich mor­gens brav ihren Sei­ten­schei­tel kämm­ten. Sie bedurf­ten kei­ner beson­de­ren Auf­for­de­rung, sich bei ent­spre­chen­den Gele­gen­hei­ten das FDJ-Hemd anzu­zie­hen.
Ande­rer­seits war es aber auch nicht so, daß der Umgang mit ihnen unse­rer­seits ver­mie­den wor­den wäre, aber sie woll­ten ‑aus eige­nem Ent­schluß- eben ein­fach nicht dazu­ge­hö­ren. Trotz Allem –  man kam im Gro­ßen und Gan­zen sehr gut mit­ein­an­der aus.

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Haare, Hosen und Krawatten
Typische 50er-Jahre-Frisur-Ente-(ducktail)
Typi­sche 50er-Jah­re-Fri­sur; Der Entena… (Duck­tail)

Vor allem wir Mit­glie­der der Kern-Cli­que ori­en­tier­ten uns kla­mot­ten­mä­ßig und auch im Habi­tus an unse­ren dama­li­gen Ido­len, als da waren James Dean und Mar­lon Bran­do als ame­ri­ka­ni­sche und Horst Buch­holz und Karin Baal als deut­sche Film­ido­le. Und natür­lich waren, was die Musik betrifft, Rock ’n’ Roll und des­sen Prot­ago­nis­ten ange­sagt: Elvis Pres­ley, Chuck Ber­ry, Bill Haley – Peter Kraus und Ted Herold sowie­so. Wir woll­ten so sein wie sie, wir woll­ten so aus­se­hen wie sie – bei­des war nicht wirk­lich ein­fach.
Die unmit­tel­ba­re Nach­kriegs-Schuh­mo­de (Cree­pers; oft schrei­end zwei­far­big, sehr oft grün-weiß) mit dicken, absatz­lo­sen, wei­chen, hel­len Krepp­soh­len war im Abklin­gen begrif­fen. Unse­re Schu­he muß­ten Slip­per mit mög­licht schma­ler Spit­ze sein – Kap­pen und genäh­te Soh­len­rän­der waren tabu oder, wie wir sag­ten, biwa. Und knal­len soll­ten die Schu­he – auf dem Pflas­ter und auf dem Tanz­bo­den erst recht, des­halb waren unter Absatz und Spit­ze Eisen gena­gelt.
Zu sol­chen Schu­hen gehör­ten die rich­ti­gen Socken. Die zu den Krepp­schu­hen getra­ge­nen, alber­nen Rin­gel­so­cken waren nicht mehr ange­sagt. Socken ‑bis in die 60er hin­ein- waren schmal längs­ge­streift, und zwar immer mit Schwarz, also gelb-schwarz, rot-schwarz, blau-schwarz. Hosen muß­ten unbe­dingt so schmal geschnit­ten sein, daß das Anzie­hen Mühe berei­te­te. Da es sol­che aber nicht zu kau­fen gab, waren schnell zwei, drei Namen im Umlauf, wo die­se Ände­rungs­ar­bei­ten gegen klei­nes Geld durch­ge­führt wur­den. Die Niet- oder Nie­ten­ho­sen begann gera­de erst ihren Sie­ges­zug anzu­tre­ten und waren noch weit davon ent­fernt als Jeans ein Pflicht­klei­dungs­stück gan­zer Genera­tio­nen zu sein. Eines aber war extrem wich­tig: Aus einer Gesäß­ta­sche hat­te immer ein bestimm­tes Modell eines Stiel­kam­mes herauszuragen.

Jeans mit Stielkamm in Gesäßtasche; 1960
Ange­sagt: Stiel­kamm in Jeanstasche

James Dean kann­ten wir nur von Bil­dern, auf denen er stets mit Hosen aus Hosen aus Cord dar­ge­stellt, der so gewebt war, daß ein win­zi­ges Pepitamus­ter ent­stand; dazu gera­de auf­ge­setz­te Taschen ‑sen­sa­tio­nell! Wir alle woll­ten James-Dean-Hosen. Dank mei­nes Bru­ders, der Schnei­der und von mei­nem Quen­geln genervt war, hat­te ich als Ers­ter sol­cher­art Hosen mit ‑und das war der Ham­mer- an den Taschen­ecken auf­ge­setz­ten klei­nen, roten, drei­ecki­gen Leder­fle­cken.
Die wei­ßen T‑Shirts, die Mar­lon Bran­do und James Dean tru­gen,  wur­den von uns Dödeln als Opa-Unter­hem­den ange­se­hen (was sie ja auch waren) und erst Jah­re spä­ter als Nicki ange­nom­men.
Wir tru­gen in jener Zeit ein Sak­ko – mit­un­ter mit schwar­zer oder roter Leder­kra­wat­te, die sehr schmal sein soll­te. Wer eine Jeans trug, war mit einer Kunst­le­der­ja­cke aus Lederol über karier­tem Baum­woll­hemd rich­tig ange­zo­gen; auch Blu­son oder Wind­ja­cke waren okay.
Sonn­tags, zu Tanz- und ande­ren Ver­an­stal­tun­gen sah man uns im ein­rei­hi­gen Anzug mit gera­de ein­ge­steck­tem, wei­ßen (Kava­liers-) Brust­tuch. Dazu gehör­ten ein wei­ßes Hemd und eine mit Wind­sor­kno­ten gebun­de­ne schma­le Kra­wat­te – häu­fig ein­far­big in Schwarz oder Sil­ber.
Auf dem Tanz­saal sag­te man noch “Där­f’ch bid­den?”, wenn man mit einem Mäd­chen tan­zen woll­te und ver­neig­te sich dabei. Bejah­te sie, half man ihr beim Auf­ste­hen mit dem Weg­rü­cken des Stuh­les und man ging ein­ge­hakt (“Der Herr führt”) auf das Par­kett. Nach dem Tanz ging es wie­der genau­so zurück und man schob ihr vor­sich­tig den Stuhl unter, um ihr beim Set­zen zu hel­fen.
Ver­nein­te sie, ging man mit hoch­ro­tem Kopf zu sei­nem Platz zurück oder an die Bar – je nach­dem, wie sou­ve­rän das eige­ne Ego oder wel­cher Weg der kür­ze­re war.
Alter­na­tiv zur Kra­wat­te wur­de eine Schlei­fe getra­gen, die aber kein Quer­bin­der (Flie­ge) war und die Lin­coln-Schlei­fe (Lin­keln­schlei­fe genannt).
Ein leich­ter Som­mer­man­tel oder ein Trench­coat gehör­te zum Anzug immer dazu; es war um 1960 her­um, als die Zeit der soge­nann­te NATO-Pla­ne und des Nyl­test­hem­des begann.
Win­ters waren drei­vier­tel­lan­ge Män­tel mit Bin­de­gür­tel und Raglan-Ärmeln, dazu Leder­hand­schu­he, das Rich­ti­ge. Egal, ob Win­ter­man­tel, Sak­ko, Blu­son ode Hemd – immer muß­te der Kra­gen und das Revers auf­ge­stellt sein – nur so war man halb­stark.
Wegen der star­ken Luft­ver­schmut­zung durch Flug­asche, war der inne­re Hemd­kra­gen schon nach sehr kur­zer Zeit ver­schmutzt, die Asche­par­ti­kel rie­ben am Hals und lager­ten sich über­all ab – man konn­te sie sich aus den Ohr­mu­scheln wischen und von der Kopf­haut klau­ben.
Wich­tig war natür­lich die Fri­sur, die meis­ten ‑auch ich- hat­ten auf dem Kopf ein Bri­kett lie­gen: Die Haa­re zu einer Elvis-Tol­le auf­ge­türmt. Haar­öl – alter­na­tiv But­ter oder Mar­ga­ri­ne- zu ver­wen­den war Pflicht; es rann auch schon mal an Schlä­fen und Stirn her­ab. Am Hin­ter­kopf stie­ßen die an den Schlä­fen nach hin­ten gekämm­ten Haa­re durch gleich­zei­ti­ges Schnei­den mit­tig zusam­men und bil­de­ten eine Ente, auch Enten­arsch. Das Gan­ze wur­de kom­plet­tiert durch sich nach unten ver­brei­tern­de Kote­let­ten, die bis zur Hals­schlag­ader reich­ten.
Einen Bart jed­we­der Art oder Stop­peln wegen nach­läs­si­ger Rasur gab es nicht.

 

Inhalts­über­sicht

Rock ’n’ Roll im Jugendklub

Im Rah­men eines NAW-Pro­jek­tes war der Aus­bau eines klei­nen, leer­ste­hen­den Hau­ses in der Hett­s­ted­ter Stra­ße, gegen­über des Örner­schen Weges. Im Ober­ge­schoß soll­te ein Jugend­klub ent­ste­hen, wäh­rend im Erd­ge­schoß ein Kin­der­hort ein­zie­hen soll­te. Die­ses Pro­jekt wur­de uns ange­bo­ten.
Wir mau­er­ten und tisch­ler­ten, wir setz­ten Fens­ter und Türen ein, es wur­de ge­hobelt und gestri­chen, elek­tri­sche- und Was­ser­lei­tun­gen ver­legt. Rich­tig gut waren wir.
Zum Tag der Ein­wei­hung gab es eine gro­ße Fete. Alles wur­de deko­riert mit Later­nen, bun­tem Krepp- und grau­em Klo­pa­pier. Geträn­ke und Fett­bemm’ wur­den her­an­ge­schafft und ein Bier­faß die Trep­pe hin­auf­ge­wuch­tet. Im Vor­feld wur­den schwarz besorg­te Schall­plat­ten kon­spi­ra­tiv auf ein Ton­band über­spielt, so daß Nie­mand die kost­ba­ren Schei­ben mit­brin­gen muß­te.
Dann waren die gan­ze Nacht Peter Kraus und Ted Herold, Bill Haley und Elvis Pres­ley, Wan­da Jack­son, Litt­le Richard, Litt­le Eva, Carl Per­kins und ande­re Rock ’n’ Roll-Göt­ter in Siers­le­ben zu Gast.
Doch – wir hät­ten statt des­sen lie­ber Lutz oder Bär­bel sin­gen las­sen sol­len, denn am nächs­ten Mor­gen waren wir ziem­lich ernüch­tert, als wir zwi­schen eini­gen zer­schla­ge­nen Stüh­len, einer zer­bro­che­nen Tür­schei­be, zer­bro­che­nem Gar­de­ro­ben­stän­der und Ande­rem im jetzt wie­der ziem­lich reno­vie­rungs­be­dürf­ti­gen Jugend­klub her­um­stan­den. Da sah man, mal wie­der, wohin es führt, wenn man kei­nen Lip­si hört. Die Skep­ti­ker im Dorf schie­nen recht zu haben – aber, wir mach­ten uns erneut an die Arbeit  und reno­vier­ten alles gut – Ende gut.
Ange­hö­ri­ge unse­rer Genera­ti­on ‑aller­dings jen­seits des Atlan­tik- waren die Ers­ten, die mit dem Rock ’n’ Roll das begrün­de­te, was heu­te unter Pop­kul­tur ver­stan­den wird. Ein paar Sprit­zer die­ser Wel­le gelang­ten bis in unser klei­nes Mans­fel­der Land, in dem wir nach bes­ten Kräf­ten uns bemüh­ten, eben­falls halb­stark zu sein. Zwar hör­ten wir auch Schla­ger, aber nur der Rock ’n’ Roll war die Musik, die unser Lebens­ge­fühl reprä­sen­tier­te. Die eta­blier­ten (west­li­chen) Radio­sen­der waren stock­kon­ser­va­tiv und dem­zu­fol­ge extrem zureück­hal­tend was die­se Musik betraf. Ledig­lich der ame­ri­ka­ni­sche AFN ließ rocken und rol­len was die Kis­te aus­hielt – nur er war kaum zu empfangen.

lets twist again
Rock’n’Roll war ges­tern; heu­te: lets twist again

Fast unmerk­lich erfolg­te der Über­gang in das Twist-Zeit­al­ter, das Chub­by Che­cker mit sei­nem Super­hit “The Twist” ein­läu­te­te. Ich erin­ne­re mich, wie wir in der San­ders­le­be­ner Die­le sei­nen brand­neu­en Lim­bo-Rock so lan­ge pfif­fen, bis die Musi­ker auf der Büh­ne (Jawohl, Live-Musik, etwas ande­res gab es nicht) ihn drauf hat­ten.
Auch der größ­te Teil der Bevöl­ke­rung lehn­te die­se Neger­mu­sik, die­ses Geh­eu­le und Gezapp­le ab. Die “Heul­bo­jen” Pres­ley, Haley und Kraus ‑spä­ter kamen noch die Stones und die Beat­les (Ulb­richt: “… mit ihrem Jäh, Jäh, Jäh oder wie das alles heißt…”) hin­zu- wur­den ver­teu­felt und nie­der­ge­macht. Vie­le Brav­bür­ger mach­ten ihrer Empö­rung in Leser­brie­fen an des SED-Kreis­blatt Frei­heit Luft. Heu­te wis­sen wir, was wir damals nur ver­mu­te­ten, näm­lich, daß es redak­tio­nel­le, ver­ord­ne­te, aus­ge­dach­te Leser­brie­fe waren.
Unse­re Ableh­nung durch eini­ge Siers­le­be­ner wur­de sicher auch gespeist durch die damals übli­chen Halb­star­ken-Kra­wal­le bei Auf­trit­ten von Prot­ago­nis­ten des Rock ’n’ Roll oder nach Film­vor­füh­run­gen (berüch­tigt: Außer Rand und Band mit Bill Haley And His Comets); sie mach­te uns stör­risch: Jetzt erst recht.
Ande­rer­seits aber wir waren Zäh­mungs­ver­su­chen sei­tens der kom­mu­na­len Macht auch nicht gene­rell abge­neigt; in uns steck­te noch nicht die­se mili­tan­te Total­ver­wei­ge­rung spä­te­rer Generationen.

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 So funktionierte ein Haushalt

Wie muß  man sich einen Haus­halt in den 50ern vor­stel­len? Der gra­vie­rends­te Unter­schied zu heu­ti­gen Haus­hal­ten läßt sich fest­ma­chen an der Ver­füg­bar­keit und der Anwen­dung der Elek­tri­zi­tät – In den 50ern bedeu­te­te dies:

Ers­tens: Man hat hel­les Licht und
Zwei­tens: Man kann (Mono-) Radio hören.

Das wars schon. Kein Staub­sauger, kei­ne Kaf­fee­ma­schi­ne, kei­ne Kaf­fe­müh­le, kei­ne Spül­ma­schi­ne, kei­ne Mikro­wel­le, kein Kühl­schrank, kein Was­ser­ko­cher, kei­ne Wasch­ma­schi­ne, kein Alles­schnei­der, kein Trock­ner, kein Zwei­t­ra­dio.
Wei­ter: kein Com­pu­ter und kein Note­book incl. WLAN, Rou­ter und DSL,  kein Fern­se­her, kein Video­re­kor­der, kein CD-/DVD-/Blu-Ray-/MP3-Play­er, kei­ne Elek­tro­werk­zeu­ge zum Boh­ren, Schlei­fen, Sägen, Nähen kein Rasen­mä­her.
Kei­ne Bat­te­rie-Gerä­te, wie: Uhr, Wecker, Video- und Foto­ka­me­ra incl. Blitz, Spiel­zeug, Tele­fon, Smart­pho­ne und auch kei­ne 46 Lade­sta­tio­nen; alles war hand- bzw. feder­werk­be­trie­ben oder war schlicht­weg noch nicht erfun­den.
Spar­sam ‑mit der Zeit aber zuneh­mend- waren ledig­lich Elek­tro­ko­cher mit offen­lie­gen­der Spi­ra­le, Tauch­sie­der, Staub­sauger und Bügel­eisen im Haus­halt vor­han­den.
Die Art der Elek­tro­in­stal­la­ti­on war zu die­ser Zeit anders: In jeder Zim­mer­mit­te hing eine Lam­pe. Dazu kam eine Steck­do­se je Raum. Flur, Wasch­kü­che, Neben­ge­bäu­de, Trep­pen, Hof , Spei­cher, Boden­kam­mer, Kel­ler, (Tro­cken-) Abort ver­füg­ten über kei­ner­lei Elek­tro­in­stal­la­ti­on. Die ver­füg­ba­re Span­nung des Elek­tro­net­zes betrug sowohl 110 Volt als auch 220 Volt- je nach Wohn­la­ge und Stra­ße im Dorf; die Umstel­lung auf ein­heit­li­che 220 Volt erfolg­te Mit­te der 50er Jah­re.
In der Nach­kriegs­zeit gehör­ten regel­mä­ßi­ge Strom­sper­ren zum nor­ma­len Tages­ab­lauf. Eine fes­te Rubrik in der regio­na­len Tages­pres­se (Die Frei­heit) infor­mier­te über Zeit und Dau­er geplan­ter Strom­sper­ren; meist waren es mor­gens und abends etwa 30 bis 60 Minu­ten. Neben den geplan­ten gab es aber auch noch häu­fi­ge unge­plan­te Strom­sper­ren.
Da kaum elek­tri­sche Gerä­te vor­han­den waren, war eine zeit­wei­li­ge Strom­sper­re eigent­lich nur in der dunk­len Jah­res­zeit stö­rend. Um Knie und Kopf zu scho­nen, waren im gan­zen Haus an fes­ten Orten Ker­zen mit dane­ben lie­gen­den Streich­höl­zern ver­teilt. Bei­des gehör­te unab­ding­bar zu den Sachen, die immer greif­bar waren.

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Rundfunk & Fernsehen

Ein Röh­ren­ra­dio war in den 50ern bereits Stan­dard, auch wenn es in man­chen Haus­hal­ten noch die alte Göb­bels­schnau­ze war. Nach dem Ein­schal­ten dau­er­te es etwa eine hal­be Minu­te bis man etwas hör­te. Emp­fan­gen wer­den konn­te auf Lang‑, Mit­tel- und Kurz­wel­le. Man­che Gerä­te muß­ten mit einer ein­fa­chen Draht-Anten­ne und Erdung betrie­ben wer­den.
UKW-Rund­funk war zwar tech­nisch gera­de ent­wi­ckelt, hat­te sich aber noch längs nicht durch­ge­setzt. Erst ab Beginn der 60er tauch­ten die ers­ten UKW-Anten­nen auf den Dächern auf.
Das Rund­funk­pro­gramm unter­schied sich von den heu­ti­gen durch eine sehr kla­re Struk­tur und durch eine unglaub­li­che Viel­falt; Ost­sen­der hin – West­sen­der her: Repor­ta­gen, Quiz, Kom­men­ta­re, Berich­te, Hör­spie­le, öffent­li­che Über­tra­gun­gen, Sport, Gar­ten, Hob­by, Kin­der­funk, Schul­funk und und und..
Musi­ka­lisch wur­de jedes nur denk­ba­re Gen­re wur­de bedient: Klas­sisch, Schla­ger, Chan­son, Latin, Rock, Coun­try, Swing, Boo­gie…
Klam­mert man die tech­ni­sche Qua­li­tät ein­mal aus, war Radio­hö­ren in den 50ern ein Ver­gnü­gen.
Ich habe fast täg­lich eine hal­be Stun­de den Schul­funk des NWDR gehört und so erfah­ren wer Scott und Amund­sen waren, was Aste­ro­iden sind, was das Nürn­ber­ger Ei war, daß der Mars Kanä­le haben soll und vie­les mehr. Der Rund­funk der Bon­ner Ultras hat mir nicht gescha­det, ganz im Gegen­teil.
Dann, zu Beginn der 60er Jah­re, stan­den die ers­ten Fern­seh­ge­rä­te in den Läden: Dürer, Rubens, Rem­brandt, Sona­ta, Lenin­grad und wie sie alle hie­ßen, gab es anfangs noch auf Bezugs­schein und des­halb wur­den in den Dör­fern Gemein­schafts-Fern­seh­stu­ben ein­ge­rich­tet. Lei­der weiß ich nicht mehr genau, wo das in Siers­le­ben war – ich glau­be irgend­wo in der Hett­s­ted­ter Stra­ße, bin mir des­sen aber sehr unsi­cher.
Unser ers­tes Gerät ‑ein tsche­chi­scher Tes­la- muß­ten wir aus Klos­ter­mans­feld abho­len. Aber wie? Die­se Din­ger waren hal­be Klei­der­schrän­ke und hat­ten locker ihre drei­ßig Kilo­gramm Gewicht.
Als Trans­port­mit­tel dien­te, wie immer, das Fahr­rad. Vater und ich fuh­ren mit einem Rad – der­ge­stalt, daß abwech­selnd einer von uns bei­den etwa 500 Meter fuhr, das Fahr­rad an einen Chaus­see­baum lehn­te und zu Fuß wei­ter­ging. Erreich­te der Ande­re das Rad, fuhr der ‑den Ers­ten über­ho­lend- wie­der etwa 500 Meter wei­ter vor, lehn­te das Rad an den Baum, ging zu Fuß wei­ter und so fort.
Die­se Art mit meh­re­ren Per­so­nen ein Fahr­rad zu benut­zen war weit­ver­brei­tet und als Teen­ager kamen wir damit auf das eine oder ande­re Dorf zum Tanz.
Hier fällt mir ein, daß unser Fahr­rad ein­mal in irgend einem Harz­dorf von den orts­an­sää­si­gen Jugend­li­chen weit in eine Jau­che­gru­be gewor­fen wur­de und wir mit viel Mühe und unter schal­len­dem Geläch­ter und Gespot­te das Rad mit anein­an­der gebun­de­ner Har­ken wie­der an’s Ufer hiev­ten. Unter einer Pum­pe befrei­ten wir es von dem stin­kendgrü­nem Klitsch und der Heim­fahrt­Lau­fe­rei stand nichts mehr im Wege.
In Klos­ter­mans­feld also wur­de das neue Fern­seh­ge­rät auf den Gepäck­trä­ger des Fahr­ra­des geho­ben und mit einer Wäsche­lei­ne befes­tigt. Den Rück­weg leg­ten wir zu Fuß zurück, wobei Vater das Rad führ­te und ich den Fern­seh­kas­ten im Gleich­ge­wicht hielt.
Der Fern­seh­ap­pa­rat been­de­te das Dasein unse­rer Guten Stu­be: sie wur­de zur Fern­seh­stu­be, in der sich fort­an die Nach­barn gern zusam­men­fan­den, um sich ab 19:00 Uhr die Fern­se­h­uhr anzu­gu­cken. Nach einer Stun­de kam dann end­lich Leder­schür­zen­trä­ger Otto Höpf­ner mit sei­nem Blau­en Bock - Unter­hal­tung auf höchs­tem Niveau.
Damit man wuß­te, was die Fern­seh­ma­cher für uns vor­ge­se­hen hat­ten, gab es immer sonn­tag­mor­gens das Pro­gramm der kom­men­den Woche zum Mit­schrei­ben; man stel­le sich das vor…!
Das TV-Pro­gramm umfass­te anfangs nur weni­ge Stun­den am Abend. Tags­über gab es ein Test­bild, mit aktu­el­ler Schla­ger­mu­sik (West) unter­legt. Um 14 Uhr sen­de­te der NWDR immer einen Kino­film als Test­sen­dung; ich konn­te es kaum fas­sen – jeden Tag ein West­film!
Der kla­re, stö­rungs­freie Klang des TV-Gerä­tes half erheb­lich, Vater zu über­zeu­gen, nun end­lich auch ein UKW-Radio zu kau­fen; seit­dem hat­ten wir auch einen rausch­frei­en Rundfunkempfang.

tv-gerät mit wasser-vorsatzlinse
TV-Gerät (russ.) mit Wasser-Vorsatzlinse

Eines Tages brach­te mein Bru­der aus der Hett­s­tedt eine etwa A4-gro­ße Folie mit nach Hau­se, die voll­stän­dig mit bon­bon­far­bi­gen Schlie­ren mar­mo­riert war. Die­se Folie soll­te an die Schutz­glaschei­be des Fer­seh­ge­rä­tes ange­drückt wer­den und im Hand­um­dre­hen wür­de aus dem öden Schwarz-Weiß- ein Farb­fern­se­her. Es war d e r Brül­ler. Die­se bun­te Folie kleb­te kei­ne drei Minu­ten, denn das sowie­so schon flaue, ver­rausch­te und maue Bild wur­de noch mie­ser – der abso­lu­te Schwach­sinn.
Etwas ähn­lich Kurio­ses war die “Betrach­tungs­hil­fe mit Ver­grö­ße­rungs­ef­fekt” ein rie­si­ger, schwe­rer Glas­qua­der. Die­ser muß­te zunächst mit etwa drei Litern Was­ser gefüllt und dann vor dem Gerät pos­tiert wer­den. Dazu war es erfor­der­lich, mit Hil­fe von Büchern und Bret­tern, in der rich­ti­gen Höhe eine Stand­flä­che zu errich­ten; es gab auch fer­tig mon­tier­te Hate­stä­be. Das Glas-Was­ser-Mons­trum soll­te das post­kar­ten­gro­ße Bild ver­grö­ßern. Das Bild wur­de ver­grö­ßert, aber nicht nur das, son­dern auch noch furcht­bar ver­zerrt – nun konn­te man über­haupt nichts mehr erken­nen; es war als schau­te man durch ein Gold­fisch­glas oder durch Schuh­ma­cher Cains Schus­ter­ku­gel – weg damit!

Inhalts­über­sicht

Kühlschrank und Waschmaschine
waschmaschine aus holz 60er jahre
Wasch­ma­schi­ne aus Holz

Da es kei­nen Kühl­schrank gab und damit die Kühl­mög­lich­kei­ten sehr beschränkt waren, wur­den ver­derb­li­che Lebens­mit­tel in den 50ern nahe­zu täg­lich frisch ein­ge­kauft. Wir bewahr­ten die­se im Kel­ler auf. Nicht ganz so emp­find­li­che Lebens­mit­tel stan­den auf Reg­al­bret­tern, eben­falls im Kel­ler. Ansons­ten dien­te auch noch das Feue­rungs­loch des Ofens als kurz­zei­ti­ge Kühl­mög­lich­keit – ein feuch­tes Tuch vor der Öff­nung sorg­te für einen küh­len­den Zug.
Wir hat­ten in der Wasch­kü­che zwar noch einen alten, innen mit Zink­blech aus­ge­schla­ge­nen Eis­schrank ste­hen, aber der eig­ne­te sich nicht mehr zur Auf­be­wah­rung von Lebens­mit­teln und so dien­te er als Werk­zeug­schrank.
Der kühl­schran­k­lo­se Zustand erhielt sich bis 1964. In die­sem Jahr wur­de rich­tig zuge­schla­gen und neben dem Kühl­schrank, Koh­le- und Elek­tro­herd auch gleich noch eine Wasch­ma­schi­ne gekauft.
Bevor die­se benutzt wer­den konn­te, muß­te ‑wie bei einer Wasch­wan­ne- Was­ser ein­ge­füllt wer­den, damit erst ein­mal das Holz quillt und die gan­ze Sache dicht wird. Erst danach wur­de das im Wasch­kes­sel berei­te­te, hei­ße Wasch­was­ser ein­ge­füllt.
Die Wasch­ma­schi­ne bestand aus einem run­den Holz­bot­tich, in dem ein Holz­kreuz je eine hal­be Umdre­hung rechts- und eine hal­be Umdre­hung links­her­um voll­führ­te. Spü­len erfolg­te wie bis­her in der höl­zer­nen Wasch­wan­ne. Trotz der Pri­mi­ti­vi­tät stell­te die Maschi­ne eine erheb­li­che Arbeits­er­leich­te­rung dar, brauch­te doch Mut­ter nicht mehr jedes Stück auf dem Wasch­brett zu rubbeln.

Inhalts­über­sicht

Heizen & Kochen

Zur Spei­sen­zu­be­rei­tung und zum Hei­zen wur­de ein Koh­le­herd, eine soge­nann­te Koch­ma­schi­ne genutzt, die nahe­zu  ganz­jäh­rig in Betrieb war. Sie besaß ‑neben einer Back­röh­re- zu Vor­hal­tung von Warm­was­ser an einer Sei­te die soge­nann­te Bla­se, rich­ti­ger Was­ser­bla­se – einen etwa fünf Liter fas­sen­den, in den Rauch­ab­zug hin­ein­tau­chen­den Behäl­ter; auf die­se Wei­se hat­te man stän­dig Warm­was­ser zur Ver­fü­gung.
Kam ich im Win­ter mit kal­ten Füßen nach Hau­se, dann tat es gut, sie in der Back­röh­re zu wär­men und wenn ich mor­gens das Haus ver­ließ, hat­te Mut­ter schon die auf der her­un­ter­ge­las­se­nen Klap­pe ste­hen­den Schu­he vor­ge­wärmt.
Im Ober­ge­schoß auf dem Trep­pen­po­dest ‑dem soge­nann­ten Saal- stand noch eine Gru­de. Das war  ein etwa ein mal andert­halb Meter gro­ßer, auf  Bei­nen ste­hen­der Eisen­kas­ten, der mit glü­hen­dem Gru­de­koks gefüllt, über weit mehr als einen Tag eine gleich­mä­ßi­ge, mil­de Wär­me ent­wi­ckel­te. In ihr konn­ten ange­koch­te Spei­sen sehr lang­sam gegart oder Fer­ti­ge warm­ge­hal­ten wer­den. Der Gru­de­o­fen hat­te kein Abgas­rohr und stand direkt unter einem Dach­fens­ter.
Zum Hei­zen der ande­ren Räu­me dien­te je ein trans­por­ta­bler Kachel­ofen, der mit Holz, Bri­kett und Braun­koh­le geheizt wur­de. Da die Wär­me­spei­cher­ka­pa­zi­tät nicht all­zu gr0ß war, wur­de der Ofen meh­re­re Male am Tag ange­heizt oder es wur­de durch Nach­le­gen ver­mie­den, daß das Feu­er erlischt. Über­haupt hat­te ich in mei­ner Kind­heit stän­dig mit Küh­le und Käl­te zu kämp­fen; nie­mals war es an allen Orten im Haus gleich­mä­ßig warm und pau­sen­los muß­ten Holz und Koh­len nach­ge­legt und Asche ent­fernt wer­den.
Brenn­stof­fe wur­den nicht ange­lie­fert, son­dern wur­den direkt beim Koh­le­händ­ler in unse­rer Nach­bar­schaft gekauft. Sowohl Holz, als auch Koh­le wur­den natür­lich auf Bezugs­schein ver­kauft. Die Bezugs­schei­ne tru­gen eine auf­ge­druck­tes Buch­sta­ben-Paar und unter­schie­den so zwi­schen Roh­braun­koh­le (RB) und Braun­koh­le­bri­ketts (BB), wobei die Braun­koh­le oft sehr feucht, sehr groß oder sehr zer­fal­len oder bei­des gleich­zei­tig war, sau­mä­ßig schlecht brann­te und dem­zu­fol­ge noch schlech­ter heiz­te.
Stein­koh­le war mei­nes Wis­sens über­haupt nicht erhält­lich. Stein­koh­len­koks wur­de hin und wie­der frei ver­kauft, wur­de aber fast hun­dert­pro­zen­tig durch Braun­koh­len­koks ersetzt, der eben­falls frei ‑das heißt ohne Gut­schein, aber zu vier bis zehn­fa­chen Prei­sen- auf Käu­fer war­te­te.
Koh­le und Koks wur­den auf einer sezi­el­len Koh­len­waa­ge abge­wo­gen, in mit­ge­brach­te Säcke geschüt­tet und dann auf dem Hand­wa­gen nach Hau­se geschafft.
Brenn­holz wur­de kas­ten­wei­se ver­kauft, was bedeu­tet, daß in einen lee­ren Holz­rah­men (viel­leicht 50 x 75 cm) auf­recht ste­hen­de Holz­schei­te gesteckt wur­den, bis er gefüllt war. Der Koh­le­händ­ler guck­te immer etwas säu­er­lich, wenn man ver­such­te, jeden noch so klei­nen Spalt mit einem dün­nen Scheit zu stop­fen.
Rela­tiv viel aus­ge­mus­ter­tes Holz aus dem Schacht-Aus­bau erhiel­ten die Berg­leu­te als Depu­tat, das mit der Schrot­sä­ge (Schweins­rü­cken) auf dem Gelän­de des Paul­schach­tes zurecht­ge­schnit­ten und dann auch wie­der mit dem Hand­wa­gen nach Hau­se gebracht wer­den muß­te.
Die Asche aus den Öfen wur­den in eine gemau­er­te Gru­be ‑die Asche- geschüt­tet und fass­te etwa einen Kubik­me­ter. War sie gefüllt, wur­de der Inhalt mit dem Hand­wa­gen auf die Müll­kip­pe ‑eben­falls Asche genannt- am Grift gebracht. Von Siers­le­ben, Hübitz und Augs­dorf gleich weit ent­fernt, luden alle Ein­woh­ner hier ihre Asche und sons­ti­gen Abfäl­le ab. Zur Lee­rung unse­rer Asche waren drei Fahr­ten not­wen­dig, die etwa einen hal­ben Tag in Anspruch nah­men.
Man sieht, ohne Hand­wa­gen lief in die­ser Zeit nichts; fast jede Fami­lie hat­te min­des­tens einen (meist) klei­ne­ren und ogt auch noch einen gro­ßen Wagen auf dem Hof ste­hen. Man­cher Dorf­be­woh­ner spann­te zusätz­lich noch sei­nen star­ken Bel­lo in ein Geschirr; jap­sen­de eif­rig zer­ren­de Hun­de waren mir ein gewohn­ter Anblick.

Inhalts­über­sicht

Wasserversorgung

Bis Mit­te der 50er wur­de das Was­ser mit Pum­pen (Plum­pen) aus Brun­nen geför­dert. In der Regel stand auf jedem Grund­stück eine Pum­pe über einem Brun­nen. Ich erin­ne­re mich an ledig­lich drei öffent­li­che Pum­pen in Siers­le­ben: Je eine auf dem Hof  der Alten und der Neu­en Schu­le und eine Drit­te am Dorf­teich; es müß­ten aber mehr gewe­sen sein. Unser Brun­nen ‑kreis­för­mig aus Schie­fer geschich­tet- befand sich in einer klei­nen Brun­nen­kam­mer im Inne­ren des Hau­ses und war elf Meter tief. Es wur­den immer zwei Was­ser­ei­mer abge­pumpt, die auf einem klei­nen Holz­ge­stell ‑einer soge­nann­ten Was­ser­bank- im Haus­flur stan­den. Ent­nom­men wur­de das Was­ser mit einem Nösel – ein geeich­tes Alu­mi­ni­um­ge­fäß (0,5 Liter) das an einem lan­gen Stil im Eimer hing.
War­mes Was­ser wur­de aus der Bla­se ent­nom­men oder extra auf der Koch­ma­schi­ne oder im Wasch­kes­sel erhitzt. Ver­brauch­tes Was­ser wur­de vor der Haus­tür in die Stra­ßen­gos­se geschüt­tet.
Als dann eine zen­tra­le Was­ser­ver­sor­gung instal­liert wor­den war, haben wir unse­ren Brun­nen mit Asche auf­ge­füllt und verschlossen.

Inhalts­über­sicht

Lebensmittel‑, Punktekarten und Igelitt
Lebensmittelkarte-von-1950
Lebens­mit­tel­kar­te von 1950

Die gesam­te Kind­heit und fast die gan­ze Jugend hin­durch gehör­ten Lebens­mit­tel- und ande­re Bezugs­kar­ten zum täg­li­chen Leben. In der Pra­xis bedeu­te­te das, daß zwei par­al­le­le Preis­sys­te­me exis­tierten. Die staat­li­che Han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (HO), ver­kauf­te neben höher­wer­ti­gen Waren auch die ganz nor­ma­len Aller­welts­ar­ti­kel und Lebens­mit­tel ‑sofern über­haupt vor­rä­tig- ohne Ein­schrän­kun­gen. Die Kon­sum­ge­nos­sen­schaft ver­kauf­te sowohl ratio­nier­te als auch freie Waren und Lebens­mit­tel .
Für haar­ge­nau den glei­chen Arti­kel lagen die Prei­se der HO um das Dop­pel­te bis zum drei‑, vier­fa­chen und noch mehr über dem Preis des Kon­sums, bezie­hungs­wei­se der Pri­vat­ge­schäf­te, die auch kei­ne HO-Waren führ­ten.
Jedes Fami­li­en­mit­glied erhielt monat­lich sei­ne eige­ne Lebens­mit­tel­kar­te, wobei der Beruf ent­schied, wie­viel Gramm Fett, Zucker, Milch und Fleisch einem zustan­den. Die monat­li­chen Men­gen waren nicht kon­stant, son­dern konn­ten vari­ie­ren – je nach aktu­el­ler Ver­sor­gungs­la­ge und Jah­res­zeit.
Die Lebens­mit­tel­kar­te bestand aus klei­nen Mar­ken, auf denen Wer­te auf­ge­druckt war, z.B. ”Fleisch – 125 Gramm” oder ”Zucker – 200 Gramm”. Da­mit sie eini­ger­ma­ßen fäl­schungs­si­cher waren, wur­de, Geld­schei­nen ähn­lich, ein Siche­rungs­mus­ter ein­ge­druckt.
Im Geschäft wur­den die­se Mar­ken mit einer Sche­re von der Kar­te abge­schnit­ten und abends vom Geschäfts­in­ha­ber oder Ver­käu­fer revi­si­ons­si­cher auf Papier aufgeklebt.

”Eine Bock­wurst, der jun­ge Herr? Ja ger­ne doch – HO oder Kon­sum?”
”Gon­summ”
”Macht 80 Pfen­nig, der jun­ge Herr – und 100 Gramm Fleisch”[marken]

So ähn­lich lief der Dia­log an einer Bock­wurst­bu­de oder in einer Gast­stät­te ab. Denn auch in Gast­stät­ten wur­de bei Spei­sen nach Lebens­mit­tel­kar­ten gefragt, wenn es sich nicht um HO-Gast­stät­ten (HOG) han­del­te.
Gott sei Dank gab es Bier ohne Kar­ten.
Hät­te man kei­ne ”100 Gramm Fleisch” auf der Lebens­mit­tel­kar­te ent­beh­ren kön­nen oder wol­len, müß­te man viel­leicht 2,40 Mark HO-Preis bezah­len. Es kam auch oft vor, daß irgend­ei­ne außer­plan­mä­ßi­ge Lie­fe­rung, bei­spiels­wei­se ein Pfund Fisch ange­bo­ten wur­den für ”250 Gramm Fett” oder “200 Gramm Nähr­mit­tel”.
Vater ‑und natür­lich alle Berg­leu­te- bekam auf Grund sei­ner Tätig­keit eine Kar­te für Schwerst­ar­bei­ter. Die­se Kate­go­rie war, glau­be ich, die Üppigs­te, die es in der DDR gab. Oben­drauf erhielt er ein Monats-Depu­tat an ”Berg­ar­bei­ter-Trink­brannt­wein”, wie es offi­zi­ell hieß.
Dar­über hin­aus wur­den noch soge­nann­te Punk­te­kar­ten aus­ge­ge­ben, die aber län­ger als einen Monat gül­tig waren. Die­se benö­tig­te man zum Ein­kauf von Indus­trie­wa­ren. In ers­ter Linie waren das Beklei­dung, Tex­ti­li­en und Schu­he, aber auch Brenn- und Heiz­ma­te­ri­al – dem soge­nann­ten Haus­brand, wobei ‑außer der Fami­li­en­grö­ße–  noch nach Grund- und Zusatz­kar­ten unter­schie­den wur­de.
Bei­spiels­wei­se konn­te man im Schau­fens­tern bei Leder-Raa­be Schil­der sehen, auf denen etwa zu lesen war “Leder­schu­he 10 Mark (20 Punk­te)”. Man erhielt also für 10 Mark ein Paar Schu­he und muß­te dazu 20 Punk­te von sei­ner Punkt­kar­te abschnei­den las­sen. Waren die Punk­te auf­ge­braucht, bekam man die Schu­he über­haupt nicht oder muß­te 100 Mark bezah­len, je nach Vor­ga­be der übergeordne­ten Stel­len.
Leder­schu­he waren immer sehr begehrt, denn die Vor­kriegs- oder Frie­dens­wa­re, war all­mäh­lich ver­schlis­sen und die Alter­na­ti­ve wären Schu­he aus Ige­lit gewe­sen, einem Kunst­stoff der genau­so aus­sah (schmut­zig gelb-braun mar­mo­riert), wie er sich schreibt und anhört. Die­ses Mate­ri­al basier­te auf Weich-PVC. Das hat­te zur Fol­ge, daß die “Schu­he” im Som­mer lap­pig-weich und zwei Num­mern zu groß waren. Dabei stan­den die Füße im eige­nen Was­ser und die Ösen der Schnür­sen­kel ris­sen aus.
Im Win­ter dage­gen erwie­sen sie sich als höl­lisch glatt und um­schlossen ‑fest wie Eisen und als Aus­gleich eine Num­mer zu klein- die Füße des geplag­ten Trä­gers.
Zu allem Über­fluß bra­chen in der Käl­te nach kur­zer Zeit die Geh­fal­ten der Schu­he, die man aller­dings mit Bind­fa­den wie­der nähen konn­te. Eine Alter­na­ti­ve war ein hei­ßes Bügel­eisen und ein Fle­cken; damit konn­te man die Brü­che wie­der zusam­men­zu­pap­pen.
Ige­lit­schu­he, ‑män­te, ‑taschen und 1000 ande­re Din­ge wur­den in so genann­ten Biwa-Läden (bil­li­ge Waren) ange­bo­ten und waren das wirk­lich Aller­letz­te. ”Rudis Res­teR­am­pe”, ”Pfennig­fuchser”, ”Con­nys Con­tai­ner” und Co. sind wah­re Ein­kaufs­tem­pel gegen­über BiWa. So wie heu­te Jugend­li­che, die kei­ne Mar­ken­klei­dung tra­gen gemobbt wer­den, wur­de damals bei schlecht­sit­zen­den Klei­dungs­stü­cken  spöt­tisch gefragt ”has­te wohl aus­’m Biwa?”
Gott sei Dank beka­men die Berg­ar­bei­ter kos­ten­los (!)  fes­te und hohe ‑die sehr dicken Leder­soh­len mit Zwe­cken beschla­gen- Arbeits­schu­he, die oft noch eine eiser­ne Kap­pe um Hacken und Schuh­spit­ze auf­wie­sen. Waren die Schu­he zer­schlis­sen, wur­den Zwe­cken und Kap­pen ent­fernt und aus Pan­zer­tre­tern wur­den (fast) nor­ma­le Schu­he.
Nicht mit Punk­ten kau­fen konn­te man höher­wer­ti­ge Arti­kel bei­spiels­wei­se opti­sche Gerä­te. Wenn man eine Kame­ra oder Feld­ste­cher kau­fen woll­te, muß­te man sei­nen Per­so­nal­aus­weis vor­le­gen und die Per­so­na­li­en wur­den zusam­men mit der Gerä­te­num­mer erfaßt. Das soll­te ver­hin­dern, daß die Gerä­te, deren Her­stel­ler (Carl Zeiß Jena; Pen­ta­con Dres­den) noch aus Vor­kriegs­zei­ten einen guten Namen hat­ten, auf dem Schwarz­markt lan­de­ten und im Wes­ten für mehr West­geld ver­kauft wur­den, als man an DDR-Mark im Laden bezahlt hat­te.
Die­se Phi­lo­so­phie unter­schied­li­cher Preis­sys­te­me wur­de ja in den 70er Jah­ren wie­der ein­ge­führt in Form der Exqui­sit- und Deli­kat­lä­den; nicht zu reden von Forum-Scheck und Inter­shop.

Inhalts­über­sicht

Einkauf und Vorratshaltung

Zum Ein­kau­fen, benö­tig­te man immer irgend­wel­che Gefä­ße, denn abge­pack­te Ware war nicht selbst­ver­ständ­lich. Mar­me­la­de, (Malz-) Kaf­fee, But­ter, Bon­bon, Mehl, Zucker, sau­re Gur­ken, Senf, Essig – weni­ge Arti­kel befand sich in einer Ver­kaufs­pa­ckung. Je nach Laden­aus­stat­tung wur­den die ver­lang­ten Waren Kis­ten, Säcken, Eimern, Glä­sern und Fäs­sern ent­nom­men oder aber es stan­den in die Laden­ein­rich­tung inte­grier­te Gefä­ße zur Ver­fü­gung, aus denen die Waren mit­tels spe­zi­el­ler Por­tio­nie­rungs-Aus­läs­se ent­nom­men wer­den konn­ten.
Essig wur­de aus Por­zel­lan­krü­gen abge­zapft, Pflau­men­mus, Mar­me­la­de und Schmier­sei­fe aus dem Pappei­mer gekellt und But­ter vom 10-Kilo-Block abge­sto­chen. Die gekauf­te Ware wur­de haupt­säch­lich in Ein­kaufs­net­zen nach Hau­se getra­gen, wobei Bügel­fla­schen stän­dig nerv­ten, weil sie sich immer wie­der ver­hed­der­ten.
Ein­mal soll­te ich Senf ein­kau­fen und mei­ne Mut­ter drück­te einen Fünf­zig­pfen­nig­schein (ja, das gab es) in ein Stein­gut­töpf­chen – “Vürz’ch Fen­ni­je gkrichs­te zurück”.
Ich rann­te zu Nau­mann in der Gar­ten­stra­ße ‑nie konn­te ich nor­mal gehen, nur ren­nen- und reich­te mein Töpf­chen über den Laden­tisch: “Forn Gro­schen Mosd­rich”.
Die Seni­or­che­fin bei Nau­mann drück­te zwei‑, drei­mal den Pump­kol­ben des Por­zel­lan­zy­lin­ders, senf­te mein Töpf­chen voll, reich­te es mir gefüllt zurück und hielt ihre Hand auf – ich eben­falls.
Sie woll­te zehn Pfen­nig Kauf- und ich vier­zig Pfen­nig Rück­geld – fünf­zig Pfen­nig waren vom Mostrich bedeckt…
Geträn­ke gab es nur in glä­ser­nen Fla­schen mit Bügel- und Sel­ters­ver­schluß; Geträn­ke­käs­ten faß­ten zu die­ser Zeit ent­we­der fünf­und­zwan­zig oder drei­ßig Fla­schen zu 0,33 Liter. Weil die Käs­ten aus Holz mit sta­bi­len Eisen­grif­fen oder aus Zink­blech bestan­den waren sie ent­spre­chend schwer und sorg­ten für lah­me Arme und blaue Fle­cken wenn man viel Durst hat­te.
Obst und Gemü­se gab es nur der Jah­res­zeit ent­spre­chend. Wur­zel­ge­mü­se und Kohl aus eige­ner Ern­te wur­de in klei­nen Erd­mie­ten im Lehm­bo­den des Kel­lers auf­be­wahrt; auch der gesam­te Jah­res­vor­rat an Kar­tof­feln muß­te im Herbst ein­ge­kel­lert wer­den.
Die letz­ten Kar­tof­feln des Vor­jah­res waren immer schon sehr unan­sehn­lich­ge­wor­den und teil­wei­se ange­fault. Im Jah­res­ver­lauf muß­ten sie stän­dig kon­trol­liert, Schlech­te aus­sor­tiert und dane­ben gleich noch ent­keimt wer­den.
Klei­ne­re Men­gen an Äpfeln und Bir­nen wur­den unter dem Dach auf  Obst­h­or­den auf­be­wahrt, was bei Bir­nen kaum mög­lich war. Bei grö­ße­ren Men­gen blieb  nur das Selbst-Mos­ten, weil sich die nächst­ge­le­ge­ne Lohn­mos­te­rei erst in Klos­ter­mans­feld befand; der hei­ße Most wur­de in Wein­fla­schen abge­füllt, die mit Gum­mi­kap­pen ver­schlos­sen und nach Abküh­lung eben­falls im Kel­ler auf­be­wahrt wur­den.
Stein- und Bee­ren­obst wur­den eben­falls ver­mos­tet, ein­ge­weckt oder zu Obst­wein ver­go­ren, eben­so wie der Spa­lier­wein meist ver­go­ren wur­de.
Toma­ten und Gur­ken wur­den mari­niert ein­ge­weckt; Gur­ken wur­den auch sau­er ein­ge­legt.
Koh­len und Brenn­holz wur­den ein­ma­lig zu Beginn der Heiz­pe­ri­ode en gros ein­ge­la­gert.
Din­ge, die man auf dem Dorf nicht erhielt, mach­ten eine Fahrt in die Stadt erfor­der­lich. Siers­le­ben liegt in der Mit­te zwi­schen den bei­den Kreis­städ­ten Hett­s­tedt und Eis­le­ben. Bei­de waren durch  eine beque­me Bus­ver­bin­dung leicht zu errei­chen; der Bus fuhr etwa im Stun­den­ab­stand und eine Fahrt kos­te­te vier­zig Pfen­nig. Dane­ben konn­te man auch das Post­au­to benut­zen, das aber nur weni­ge Mal am Tag fuhr.
Wenn in bei­den Städ­ten nicht das Gewünsch­te zu erhal­ten war, ging die Ein­kaufs­fahrt nach Hal­le. Die Städ­te Hett­s­tedt und Halle/​Saale waren durch eine pri­va­te Klein­bahn (Hal­le-Hett­s­teder Eisen­bahn, HHE) ver­bun­den. Siers­le­be­ner stie­gen am güns­tigs­ten etwe­der in Hett­s­tedt oder im Nach­bar­dorf  Wel­fes­holz zu und erreich­te in einer drei­vier­tel Stun­de den Bahn­hof Hal­le-Klaus­tor des­sen Bahn­steig inter­es­san­ter­wei­se auf der Saa­le-Flut­brü­cke lag.
Des­wei­te­ren ver­sorg­ten rei­sen­de Händ­ler die Haus­hal­te mit Klein­kram. Ihnen wur­de eher aus Mit­leid, denn aus Not­wen­dig­keit etwas abge­kauft. Ange­bo­ten wur­de das damals übli­che Haus­sie­rer-Sor­ti­ment: Wäsche­knöp­fe, Feu­er­zeug­stei­ne, Streich­höl­zer, Ker­zen, Schnür­sen­kel, Nadeln.
Ein‑, zwei­mal im Jahr zog der Lei­ter­mann mit sei­nem Ein­spän­ner-Lei­ter­wa­gen durch Siers­le­ben und brach­te Anle­ge­lei­tern aller Län­gen, die auf dem Dorf ja immer gebraucht wur­den, an den Mann. Der Preis der Lei­tern wur­de von der Anzahl der Spros­sen bestimmt, wobei eine etwa zwei­ein­halb Meter lan­ge Lei­ter mit acht Spros­sen etwa sech­zehn Mark kos­te­te.
Unre­gel­mä­ßig erschien ein ‑wie soll ich es nen­nen?- ein flie­gen­der Gast­wirt und ver­hö­ker­te Pubasch ‑bei uns in der Gegend nur als Bubarsch bezeich­net. Sein Gespann bestand aus einem Wagen, der wie Jau­che­wa­gen aus­sah (aber hof­fent­lich nie dazu dien­te) und einem trunk­süch­ti­gem Pferd. Aus dem gro­ßen, lie­gen­den Holz­faß (drei Meter mal ein Meter) ‑durch dicke Eisen­rin­ge  in Form gehal­ten- ver­kauf­te er sein süß-säu­er­li­ches, dunk­les Bier, das bei man­chen Men­schen Geh- und Seh­stö­run­gen (durch Beschla­gen der Bril­len­glä­ser) und bei fast Allen Blä­hun­gen ver­ur­sach­te – womit auch der Namen hin­rei­chend erklärt ist.
Der flie­gen­de Wirt ver­kauf­te sein Gesöff meist direkt in den Eimer, denn der Fass-Aus­lauf, an dem er die Prall­flä­che, über die nor­ma­ler­wei­se die Jau­che ver­sprüh­te wur­de, demon­tiert hat­te, ließ nur eine gro­be Dosie­rung zu. Das Bier war extrem bil­lig, schäum­te nicht, hat­te einen eige­nen, nicht jeder­manns Geschmack – aber fand sei­ne Abneh­mer.
Einer unse­rer Nach­bar gröl­te jedes­mal, wenn er sich sei­nen Eimer Bubarsch hol­te, den glei­chen Witz: “Has­te aach ’s Faß rich­d’ch aus­je­spejd?“
Was abends nicht ver­kauft wor­den war, bekam das Pferd zum Sau­fen. Felix Equi­nus; oder so.

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Flüssig-Kartoffeln aus dem Konsum

Alle im Mans­fel­der Berg­bau Beschäf­tig­ten erhiel­ten ein monat­li­ches Depu­tat an steu­er­be­frei­tem “Trink-Brannt­wein für Berg­ar­bei­ter”: Anfangs, direkt nach dem Krieg, betrtrug die monat­lich Men­ge ein Liter für Über­ta­ge- und zwei Liter für Unter­ta­ge-Beschäf­tig­te. Spä­ter wur­de bei Unter­ta­ge-Arbei­tern noch­mals nach Arbeits­auf­ga­be unter­schie­den, das bedeu­te­te, die Men­ge war dann davon abhän­gig, ob man bei­spiels­wei­se im Vor­trieb, im Abbau, im Aus­bau oder als Hand­wer­ker beschäf­tigt war. Durch die­se Dif­fe­ren­zie­rung konn­ten bis zu fünf Liter monat­lich zusam­men­kom­men, wobei für den Bezug Berech­ti­gungs­schei­ne not­wen­dig waren.
Der ein­fach gebrann­te Kar­tof­fel­schnaps mit 32% Alko­hol­ge­halt war in Ein-Liter-Fla­schen abge­füllt und wur­de angeb­lich Kum­pel­tod genannt. Dar­an kann ich mich aller­dings nicht erin­nern; er hieß ganz ein­fach Schacht­schnaps.
Wie Vie­les in der dama­li­gen Zeit, war auch Schacht­schnaps nur spo­ra­disch zu erhal­ten. Das hat­te zur Fol­ge, daß sich mit­un­ter Bezugs­schei­ne meh­re­rer Mona­te lang ansam­mel­ten. Wenn dann irgend­wann die ersehn­te Tafel “Heu­te Schacht­schnaps” vor dem Ladens stand, sah man die Frau­en der Kum­pel mit Gefä­ßen in und vor der Ver­kaufsstelle. Wenn der Ehe­mann als Häu­er vor Ort arbei­te­te und ihm fünf Liter zustan­den, dann benö­tig­te sei­ne Frau bereits einen Was­ser­ei­mer und acht Mark; der Liter­preis betrug acht­zig Pfen­nig. Die gefüll­ten Eimer wur­den vor­sich­tig nach Hau­se trans­por­tiert, wobei ein Geschirr­tuch das Gan­ze abdeck­te – nicht etwas aus Scham, son­dern, damit die Stra­ße nicht bekle­ckert wird.
Wes­halb wur­den Gefä­ße mit­ge­bracht? Die gelee­ren Fla­schen ver­blie­ben im Geschäft. Das Lee­ren der Fla­schen in die Gefä­ße geschah, indem die Ver­käu­fe­rin zwei Fla­schen gleich­zei­tig griff und mit ein, zwei  kur­zen, hef­ti­gen Umdre­hun­gen um die Längs­ach­sen der Fla­schen einen Stru­del erzeug­te – inner­halb zwei­er Sekun­den – grgrgrggg gur­gel­te der Fla­schen­in­halt in den Eimer.
Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, war der Ver­kauf von Schacht­schnaps in Pri­vat­lä­den nicht erlaubt; wir bezo­gen unse­ren immer von der Kon­sum-Ver­kaufs­stel­le im Erd­ge­schoß von Heklau’s Kino – übri­gens ers­ter Selbs­be­die­nungs­la­den Siers­le­bens.
Schacht­schnaps wur­de nur ganz sel­ten pur (eikel) hin­un­ter­ge­würgt. In unse­rem Kü­chenbuffet aus Gel­sen­kir­che­ner Barock stand eine gan­ze Bat­te­rie klei­ner Glas­fläsch­chen, Inhalt: Künst­li­che Likör-Aro­men, die in Rie­chers’ Dro­ge­rie bil­lig und zu jeder Zeit zu erste­hen waren. Jedem Fläsch­chen war ein Kle­be-Eti­kett für eine nor­ma­le 0,7‑Liter-Flasche bei­gelegt, das mit dem Auf­druck “Haus­mar­ke” und der Geschmacks­rich­tung wie “Abtei”, “Pfef­fer­minz”, “Kirsch”, ”Apri­ko­se” und Ähn­li­chem ver­se­hen war. Ein Fläsch­chen Essenz, etwas Zucker und kräf­ti­ges Schüt­teln reich­ten aus, um aus farb­lo­sen Schnaps eine Fla­sche gel­ben, roten oder grü­nen Likör zu ver­wan­deln; die nächs­te Fei­er kam bestimmt.

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Flüssig-Rüben

Der Beginn der Zucker­rü­ben­kam­pa­gne führ­te auch in den pri­va­ten Haus­hal­ten zu einer Res­te­­ver­wer­tungs-Akti­vi­tät, die der Grund­ver­sor­gung der Fami­lie dien­te: dem ”Saft­ko­chen”. Wir Kin­der sam­mel­ten von den abgeern­teten Rüben­schlä­gen Exem­pla­re, die nicht den Weg auf den Ern­te­wa­gen gefun­den hat­ten. Nun ja, mit­un­ter fie­len auch Rüben von den Wagen, auf denen sie zur Zucker­fa­brik gebracht wur­den, zu Boden.
Zu Hau­se wur­den die Rüben im gro­ßen Holz­bot­tich, der sonst der Gro­ßen Wäsche dien­te, mit einer Wur­zel­bürs­te sorg­sam gesäu­bert und dann zuerst mit einem Beil und da­nach mit einem Wie­ge­mes­ser geschnit­zelt. Die Rüben­schnit­zel kamen anschlie­ßend in den Wasch­kes­sel und wur­den hier im hei­ßen Was­ser gekocht, so daß sich der Rü­benzucker lös­te. Der beim Kochen enste­hen­de Geruch war dabei unan­ge­nehm dumpf. Nach ein, zwei Stun­den wur­den die Schnit­zel her­aus­ge­nom­men und der Sud wur­de unter stunden­langem lang­sa­men Rüh­ren auf klei­ner Flam­me wei­ter gekocht und so immer mehr ein­ge­dickt, dabei soll­te der Zucker nicht aus­kris­tal­li­sie­ren und durf­te auch nicht am Kes­sel­bo­den anbren­nen. Am Ende des Tages hat­te man schließ­lich 20 bis 30 Liter dicken schwarz­brau­nen Rüben­si­rups. Der ”Saft” wur­de in Glä­ser abge­füllt, erbar­mungs­los auf den Früh­stücks­tisch gestellt und auf Pau­sen­bro­te geschmiert. Vater bekam auf sei­ne ”Schacht­bemm’ ” aller­dings kei­nen Saft, son­dern Wurst und Schin­ken, so wie alle Bergleute.

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Kartoffelstoppeln für’s Schwein

Eine ande­re Art von Res­te­ver­wer­tung bestand im Kar­tof­fel­stop­peln, das heißt, daß wir abge­en­te­te Schlä­ge noch­mals abkar­tof­fel­ten, um beim Lesen überse­hene Knol­len zu fin­den. Eigent­lich wäre die Erlaub­nis des Grund­ei­gen­tü­mers not­wen­dig, wel­che aber fast nie­mals gege­ben wor­den wäre. Da man dies wuß­te, frag­te man fol­ge­rich­tig erst gar nicht nach.
Zum Stop­peln benö­tig­te man vor allen Din­gen schar­fe Augen, um Per­so­nen, die am Rain auf­tauch­ten als ge­fährlich oder als harm­los ein­ord­nen zu kön­nen. Fer­ner brauch­te man noch einen Hand­wa­gen, ein Zug­seil, einen oder zwei Kartof­felsäcke, einen Karst und einen Korb. Der Acker wur­de Fur­che für Fur­che abge­lau­fen und durch­ge­kars­tet, um die nicht gele­se­nen Kar­tof­feln auf­zu­spü­ren. Im Ver­lau­fe eines Nach­mit­ta­ges bestand durch­aus die reel­le Chan­ce etwa einen Zent­ner Kar­tof­feln, also einen Sack voll, zusammenzube­kommen – aber es war nicht leicht.
Man ließ den Hand­wa­gen immer am Rain ste­hen und trug die Kar­tof­feln im Korb dort­hin, den Wagen über den wei­chen, locke­ren Acker zu zie­hen, war sehr kräf­te­zeh­rend für einen acht‑, zehn­jäh­ri­gen Jun­gen.
Die meist klei­nen Stop­pel­kar­tof­feln dien­ten in ers­ter Linie dem Ver­füt­tern an das obliga­torische Haus­schwein, des­sen Schlach­tung immer im Novem­ber bevorstand.

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Viel Vieh – Viel Ähr’

War die Som­mer­schlacht geschla­gen, begann für uns die Zeit des Ähren­le­sens. Wir häng­ten uns gro­ße Beu­tel über unse­re schma­len Schul­tern und füßel­ten über die abge­ern­te­ten Getrei­de­fel­der, immer dar­auf ach­tend, die nack­ten Füße nicht auf, son­dern zwi­schen die Getrei­de­stop­peln zu set­zen. Egal, von wem die Stop­peln stamm­ten – sie schmerz­ten, wenn man dar­auf trat.
Ande­re Bau­ern arbei­te­ten mit einem Mäh­bin­der, ent­we­der mit dem eige­nen oder einem von der MAS/​MTS aus­ge­lie­he­nen. Auch hier muß­ten die Gar­ben noch zu Hocken zusam­men­ge­stellt wer­den.
Mei­nen ers­ten Mäh­dre­scher sah ich auf dem Schlag zwi­schen Mühl­weg und Eis­le­be­ner Stra­ße arbei­ten. Es war ein C4 – ein Sta­li­nez 4. Alle Dorf­jun­gen lie­fen neben dem Wun­der­ding her, das das fer­tig aus­ge­dro­sche­ne Getrei­de seit­lich her­aus­blies und hin­ten in regel­mä­ßi­gen Abstän­den Stroh­bal­len fal­len lies.
Es war kei­ne schwe­re, aber lang­wie­ri­ge Arbeit, die Ähren vom Acker zu lesen und den Beu­tel damit zu fül­len. War der end­lich voll, wur­de er stolz nach Hau­se gebracht, wo der Beu­tel­in­halt ‑nach dem manu­el­len Dre­schen mit einem kur­zen Knüp­pel- in einen Sack umge­füllt wur­de. War die­ser nach vie­len Tagen Sam­mel­tä­tig­keit gefüllt ‑nicht immer gelang das- ging es damit zur Müh­le.
Man hat­te zwei Müh­len zur Aus­wahl, Eine, an deren Fas­sa­de noch das mit Teer geschrie­be­ne Wort “Dampf­müh­le” zu lesen war, obwohl natür­lich längst Elektromo­toren mühl­ten; die ande­re Müh­le war eine Bock­wind­müh­le, die ich bereits oben erwähn­te.
Mül­ler stan­den ja seit Jahr­hun­der­ten im Ruf, Betrü­ger zu sein und ihr Hand­werk wur­de zu den un­ehrenhaften Beru­fen, wie Hen­ker oder Abde­cker gezählt.
Ob unse­re bei­den Dorf­mül­ler Betrü­ger waren, weiß ich nicht, aber der Wind­mül­ler hat­te bei den Ein­woh­nern einen etwas bes­se­ren Leu­mund. Je nach­dem, was man zum Mah­len brach­te, bekam man das dem Aus­gangs­ma­te­ri­al ent­spre­chen­de Schrot oder Kleie zurück; bei­des wur­de dem Vieh­fut­ter bei­gemengt. Mehl ließ man sich ‑wenn ich mich rich­tig erin­ne­re- nicht aus­hän­di­gen.
Der Mül­ler konn­te erstaun­lich flink aus­rech­nen, wie viel Mahl­gut der Müh­le und wie­viel dem Kun­den zu­stand, denn bezahlt wur­de nicht mit Geld, son­dern in Naturalien.

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Pferde statt Traktoren

Natür­lich spiel­ten auch Pfer­de in einer Kind­heit auf einem Vor­harz-Dorf immer eine Rol­le. Irgend­wie taten mir die­se gro­ßen Tie­re immer leid, wenn sie abge­ar­bei­tet im Ge­schirr gin­gen und ihre Rie­sen­köp­fe im Takt nick­ten.
Die Stra­ßen in unse­rem Dorf waren mit Kop­stein­pflas­ter und mit Mans­fel­der Schla­ckestei­nen gepflas­tert. Lagen die­se schon eini­ge Jahr­zehn­te, war Ihre Ober­flä­che der­art glatt, daß man auch als Fuß­gän­ger, wenn nicht gera­de Schwie­rig­kei­ten, so doch zumin­dest ein poten­ti­el­les Pro­blem mit Aus­glei­ten hat­te.
Um wie­viel mehr waren die­se Stra­ßen tückisch für Pfer­de­hu­fe. Mehr­fach sah ich Pfer­de, die kei­nen Halt mehr fan­den, auf der Stra­ße lie­gen und ver­zwei­felt ver­such­ten, wie­der auf die Bei­ne zu kom­men. Das dra­ma­ti­sche an der Situa­ti­on, war die Angst der Tie­re. Wenn sich die Tie­re nichts bra­chen, konn­te ihnen mit einer gro­ßen, dicken, unter­ge­leg­ten Pla­ne gehol­fen wer­den, wie­der in die Hufe zu kom­men.
Som­mers, wenn der Tag stau­big und heiß war, sahen wir oft, wie die Pfer­de zum Dorf­teich geführt wur­den, um sie abzu­küh­len und sich voll­sau­fen zu las­sen. Sie stan­den dann wie Denk­mä­ler im Was­ser und fühl­ten sich sicht­lich wohl.
Ein­zig die Zug­tie­re von Bau­er Ditt­mar, der auch eine Gast­stät­te betrieb, waren nie am oder im Teich zu sehen – er besaß kei­ne Pfer­de, denn sei­ne Zug­tie­re waren zwei Och­sen. Es gibt in dem zwei­tei­li­gen DEFA-Film “Ernst Thäl­mann” eine Sze­ne, die im Mans­fel­der Land spielt und in wel­cher der Prot­ago­nist Gün­ther Simon mit einem Och­sen­ge­spann-Füh­rer redet. Also, der Füh­rer war nicht Bau­er Ditt­mar, aber die Och­sen – das waren Seine.

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Großvaters Pferde

Oft bin ich mit mei­nem Groß­va­ter und des­sen Gespann mitgefah­ren. Sym­pa­thisch fand ich es, daß, wenn, er abends auf den Hof zurück kam, immer zuerst die Pfer­de tränk­te (das Was­ser wur­de in Holz­ei­mern von der Plum­pe geholt) und ihnen dann Fut­ter und Hafer in Rau­fe und Eimer schüt­te­te. Dazu erklär­te er mir, der eins­ti­ge Hal­ber­städ­ter Kür­as­sier: Merg­ke Diche das mei Jun­ge: erschd ’s Ferd – denn d’r Rei­der”.
Waren Pfer­de und er ver­sorgt, geneh­mig­te er sich sein Fei­er­abend-Pfeif­chen mit dem schö­nen, bemal­ten Por­zel­lank­opf. Über das Mund­stück der Pfei­fe hat­te er einen Fla­schen­gum­mi einer Bier-Bügel­fla­sche gescho­ben. Die Pfei­fe zün­de­te er sich zu Hau­se immer mit einem Fidi­bus an. Wöchent­lich ein­mal schnitt er sich ein Bün­del zunächst mit einem klei­nen Beil und dann mit einem Mes­ser zurecht. Wozu Streich­höl­zer ver­schwen­den, wenn doch im Küchen­herd sowie­so immer ein Feu­er brennt. “Nischt unnüt­ze” war eine sei­ner Phi­lo­so­phien. Eine ande­re lau­te­te “Wen­n’­de dich nich sadd essen gannst, gann­s­t’­de dich aach nich sadd leg­gen”.
Groß­va­ter küm­mel­te im Wort­sin­ne ger­ne Einen, der­ge­stalt, daß er eine Liter­fla­sche De­putatschnaps mit einer Hand­voll Küm­mel ansetz­te – da­mit der ”wenichs­tens nach was schmeggt”. Und damit er auch rich­tig feu­er­te, streu­te er vor dem Trin­ken eine Pri­se kost­ba­ren Pfef­fers in sein Glas: “Schnaps muß zwaij Mal brenn’ “.
Wie schon gesagt, nahm mich Groß­va­ter oft auf sei­nem Gespann mit. Ein­mal ging eine Fahrt zum Bahn­hof nach Hett­s­tedt und Groß­va­ter küm­mer­te sich ewig lan­ge um sei­ne Ladung, so daß ich die Geduld ver­lor und mich zu Fuß auf den fünf Kilo­me­ter lan­gen Heim­weg mach­te – ohne ihm Bescheid zu geben. Opa durch­such­te stun­den­lang die Gegend, um dann am Abend mei­ner Mut­ter die Mit­tei­lung zu über­brin­gen, daß ich ver­schwun­den sei. Hui –  was gab es den Wanst voll.
Hin und wie­der, gab es sonn­tags eine Aus­fahrt mit dem vier­sit­zi­gen, weich federn­den Land­au­er. Die­se Aus­flü­ge führ­ten zum Süßen See oder die Klaus­stra­ße hin­auf nach Sau­ra­sen, zur Klipp­müh­le, zum Vat­ter öder Teich. Am Rei­se­ziel gab es immer eine Brau­se oder ein Malz­bier für mich und ein Bier­chen für mei­ne Eltern und Opa.
Eine Kutsch­fahrt führ­te uns in das Kran­ken­haus Hett­s­tedt, in das mei­ne Groß­mutter ein­ge­lie­fert wor­den war. Sie lag in einem gro­ßen damals übli­chen Kran­ken­saal mit bestimmt zwan­zig Bet­ten. Weni­ge Tage nach ihrer Ent­las­sung starb sie zu Hau­se. Mein Groß­va­ter hat gewußt, wie es um sie stand: Einen Tag bevor sie starb sag­te er zu mei­ner Mut­ter: “Mut­ter gefällt mir gar nicht, sie ist so auf­ge­kratzt und es riecht nach Messing.”

Inhalts­über­sicht

Kochs Pferde

In unse­rer Nach­bar­schaft hat­te der Koh­len­händ­ler Koch sei­nen Hof. Mit des­sen Pfer­den hat­te ich immer beson­de­res Mit­leid. Koch muß­te sei­ne Brenn­stof­fe immer vom Bahn­hof abho­len. Für den Trans­port stan­den ihm eini­ge Pfer­de zur Ver­fü­gung; ob er einen Tre­cker oder ähn­li­ches besaß, weiß ich nicht mehr. Sei­ne Tie­re quäl­ten sich, indem sie fast immer meh­re­re gekop­pel­te Wagen die etwa zwei Kilo­me­ter vom Bahn­hof zu sei­nem Koh­le­hof ‑vor­bei an unse­rem Haus- schlepp­ten.
Wenn ein Koh­le­wag­gon der Reichs­bahn auf dem Bahn­hof ein­traf, muß­te die­ser so schnell wie mög­lich ent­la­den wer­den, um die nach Stun­den zäh­len­de Gebühr der Reichs­bahn (Stand­geld), so gering wie mög­lich zu hal­ten. Zwei, drei kräf­ti­ge Bur­schen, die immer kurz­fris­tig ange­heu­ert wer­den muß­ten hal­fen dem Koh­len­händ­ler, indem sie den Wag­gon per Hand mit einer Gabel ent­lu­den. Koch, der einen ampu­tier­ten Arm hat­te, arbei­te­te aktiv mit, indem er sich das Ende des Gabel­stiels unter die intak­te Ach­sel klemm­te, so daß die vol­len Gabeln nur so über die Wag­gon­wand flo­gen.
Bag­ger? – Was ist das denn?
Waren die Pfer­de­wa­gen gefüllt, galt es, die Ladung in kür­zes­ter Zeit zum Hof zu brin­gen, die Wagen zu ent­la­den und wie­der zurück zum Bahn­hof zu het­zen.
Noch heu­te sehe ich die­se damp­fen­den Pfer­de vor mir.
Aber sie hat­ten natür­lich auch gute Stun­den, wenn sie im Gar­ten von Koh­len­koch gras­ten – dann dampf­te nur ihr gel­bes Gebiß.
Ein böser, böser Nach­bars­jun­ge ‑Sieg­fried K.- ani­mier­te mich ein­mal, über die Wagen­deich­sel eines ange­häng­ten klei­nen Wagens (den wir Esels­wa­gen nann­ten) zu flan­ken. Uns so kam es, daß die­ser mit sei­nem Rad über die Kup­pe mei­nes rech­ten Dau­mens fuhr. Des­sen Nagel blieb fort­an mein gan­zes Leben lang ver­krüp­pelt. Weil er nie mehr mit sei­nem Nagel­bett ver­wuchs, nervt er mich bis heu­te, weil er stän­dig gesto­ßen, gequetscht, nach oben abge­win­kelt, abge­bro­chen, ein­ge­ris­sen, ein­ge­färbt, von Ölfar­ben, Ketch­up, Salz- und Sand­kör­nern, Stauf­fer­fett, Gips­brei, Obst­fleisch, fet­tem Speck und tau­send wei­te­ren Stof­fen unter­wan­dert wur­de und wird; na ja, es gibt Schlimmeres.

Inhalts­über­sicht

Frankes Pferde

Gern trieb ich mich auch in der Nähe der Dorf­schmie­de her­um; es fas­zi­nier­te mich, wenn die Fun­ken des Schmie­de­feu­ers sto­ben und Eisen sich schein­bar mühe­los ver­for­men ließ. Schmied Fran­ke hat­te nichts dage­gen, wenn wir Dorf­jun­gen ihn bei sei­nen Arbei­te­ten zusa­hen. Beson­ders das Beschla­gen von Pfer­den war für uns inter­es­sant. Es war erstau­nens­wert, mit welch stoi­scher Ruhe die Pfer­de die Pro­ze­dur über sich erge­hen lie­ßen. Da gab es kein ner­vö­ses Tän­zeln, kein Auf­stei­gen, kei­ne Bis­sig­keit und kein Schla­gen – egal ob geras­pelt und gesäu­bert oder das Eisen angepaßt und schließ­lich gena­gelt wur­de.
Von Schmied Fran­ke lern­te ich, daß Huf nie­mals gleich Huf ist ‑auch bei ein und dem­sel­ben Pferd nicht – und erst recht nicht Eisen gleich Eisen; ich glau­be, min­des­tens zwei Dut­zend unter­schied­lichs­ter Huf­ei­sen­ar­ten konn­te er benennen.

Inhalts­über­sicht

Nationales Aufbauwerk

Schul-Erweiterungsbau 1960
Schul-Erwei­te­rungs­bau 1960

In den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren wur­de von der SED-Spit­ze das Natio­na­le Auf­bau­werk (NAW) ausge­rufen. Das Ziel bestand vor­der­grün­dig in der Besei­ti­gung der Kriegs­schä­den durch frei­wil­li­ge, unbe­zahl­te Arbeit.
Das NAW fand erstaun­lich viel Reso­nanz bei der Dorfbe­völkerung, obwohl kei­ne Kriegs­schä­den zu besei­ti­gen waren; es gab kei­ne. Vie­le Ein­woh­ner opfer­ten Frei­zeit, Urlaub und Wochen­en­den, um gemein­nüt­zi­ge Bau – und Gärt­ner­ar­bei­ten zum Wohl des gesam­ten Dor­fes aus­zu­füh­ren.
So bekam zum Bei­spiel der Dorf­teich eine aus Beton­fer­tig­tei­len bestehen­de Ufer­be­fes­ti­gung, das Sprit­zen­haus für die Feu­er­wehr wur­de reno­viert, ein Schu­lungs- und Ver­sammlungsraum für die Orts­grup­pe des Deut­schen Roten Kreu­zes wur­de im Ver­eins­zim­mer von Dora’s Knei­pe ein­ge­rich­tet und ähn­li­che Objek­te mehr.
Es wur­den Bän­ke repa­riert, ange­fer­tigt, gestri­chen, die Bus-War­te­hal­le neben Flei­sch­au­er gebaut, öffent­li­che Räu­me wur­den reno­viert oder aus­ge­baut. Auch grö­ße­re Bau­vor­ha­ben wur­den aus­ge­führt, ich erin­ne­re mich da an den Bau des Sport­sta­di­ons “Glück-Auf-Kampf­bahn” am Mühl­weg mit Steh­tri­bü­ne und Umkleide­kabinen.  Die­se Sport­stät­te wur­de 1955 ein­ge­weiht. Mate­ri­el­le und finan­zi­el­ler Unter­stüt­zer war immer das Mans­feld Kom­bi­nat mit sei­nen Betrie­ben – vor allem der Thäl­mann- und der Bro­sow­ski-Schacht.

Inhalts­über­sicht

Wasser für Siersleben

Auch der Bau einer zen­tra­len Trinkwasser­versorgung war ein NAW-Pro­jekt, wel­ches von allen Dorf­be­woh­nern getra­gen wur­de. Die Schacht- und Instal­la­ti­ons­ar­bei­ten zogen sich über ein gan­zes Jahr­zehnt hin, wobei die Anwoh­ner der Klos­ter­mans­fel­der- und Fried­rich­stra­ße nach den Bewoh­nern der “Sied­lung” als Ers­te einen Anschluß erhiel­ten. Die Spei­sung der Anla­ge erfolg­te durch einen Hoch­be­häl­ter auf der Nie­wandt­schäch­ter Hal­de.
Es gab bis dahin kei­ne zen­tra­le Wasserver­sorgung. Aus­nahms­los alle Ein­woh­ner wünsch­ten sich einen Was­ser­hahn in der Wand, um end­lich den Gang zur “Plum­pe” der Ver­gan­gen­heit ange­hören zu las­sen.
Ein Kurio­sum stell­te die Was­ser­ver­sor­gung der Fami­li­en­häu­ser dar. Im obers­ten Geschoß war ein rie­si­ger Was­ser­be­häl­ter unter­ge­bracht, für des­sen Fül­lung abwech­selnd je eine Fami­lie ver­ant­wort­lich war. Das Was­ser hier­zu wur­de per Hand­kur­bel aus dem Brun­nen nach oben geför­dert und über Blei­roh­re auf je eine Zapf­stel­le pro Flur und Eta­ge ver­teilt.
Im Gegen­satz zu man­chen ande­ren Haus­hal­ten, deren Pum­pe meist auf dem Hof instal­liert war, stand unse­re Pum­pe im Haus. In einem klei­nem Ver­ließ, aus einem 11 Meter tie­fen, mit Schie­fer aus­ge­mau­er­ten Brun­nen­schacht, pump­ten wir unser Grund­was­ser ab.
Die ein­zi­ge Zapf­stel­le unse­rer neu­en Was­ser­lei­tung befand sich in der Wasch­kü­che. Wenn mei­ne Mut­ter in der Küche Was­ser benö­tig­te, brauch­te sie nur noch durch zwei Türen, über einen Flur und durch eine wei­ter Tür in die Wasch­kü­che zu gehen, den Eimer zu fül­len und zurück zu tra­gen. Dabei muß­te sie acht­ge­ben, daß der unter dem Was­ser­hahn ste­hen­de Topf für das Tropf­was­ser nicht ver­scho­ben wur­de, denn ein Aus­guss unter dem Was­ser­hahn war noch nicht vor­han­den. Erst eini­ge Zeit spä­ter, gelang es Vater einen alten, halb­run­den Aus­guß aus Guß­ei­sen zu besor­gen und zu instal­lie­ren, wobei “instal­lie­ren” etwas hoch­ge­sto­chen ist, da der Press­luft­schlauch des Abflus­ses ein­fach durch die Haus­wand hin­durch auf den Geh­weg führ­te.
Zu die­ser Zeit war es üblich, alles im Haus­halt anfal­len­de Schmutz­was­ser ‑und das war eigent­lich nur Abwasch- und Auf­wisch­was­ser- in die Gos­se auf der Stra­ße zu schüt­ten. Ganz­jähr­lich rann Was­ser in die­ser Gos­se, die, auf das Haus unse­rer Fami­lie bezo­gen, die Ver­län­ge­rung des Stra­ßen­gra­bens zwi­schen Siers­le­ben und Thon­dorf war. Nach Regen oder wäh­rend der Schnee­schmel­ze wur­de die­se Gos­se zu einem rei­ßen­den Strom – ähn­lich dem Rhein bei Schaff­hau­sen. Die Kreu­zung (die auch immer nur so genann­te wur­de) am Dorf­platz wur­de von die­sem Was­ser stän­dig naß gehal­ten. Die Kon­stel­la­ti­on Mans­fel­der Schla­cken­stei­ne als Stra­ßen­be­lag und im Gos­sen­was­ser ent­hal­te­ne Sei­fen­lau­ge lern­ten vor allem Zwei­rad­fah­rer schät­zen und lieben.

Inhalts­über­sicht

Tote im Park des Friedens

Ein NAW-Pro­jekt ging gründ­lich in die Hose: An unse­ren Schul­hof grenz­te der schon seit Jahr­zehn­ten nicht mehr benutz­te alte evan­ge­li­sche Fried­hof unse­rer Kir­che St.Andreas. Da der evan­ge­li­sche Pas­tor schon tra­di­tio­nell zur Ziel­per­son von SED-Schi­ka­nen zähl­te, glaub­te ein über­eif­ri­ger Funk­tio­när des Dor­fes, auch sein Scherf­lein bei­steu­ern zu müs­sen.
Und so kam es, daß unse­rer Schu­le das NAW-Pro­jekt “Park des Frie­dens” über­ge­hol­fen wur­de, wel­ches dar­in bestand, den Fried­hof “umzu­ge­stal­ten”.
Erschre­ckend unkri­tisch und ohne nach­zu­den­ken,  began­nen Schü­ler und Leh­rer irgend­wann mit der “Umge­stal­tung”. Mit Spa­ten, Axt und Säge begin­gen wir die Straf­ta­ten “Fried­hofs­schän­dung”, “Haus­frie­dens­bruch” und “Stö­rung der Toten­ru­he”. Wir “gestal­te­ten” nicht nur Gebüsch, Sträu­cher  und Grab­stei­ne um, son­dern beför­der­ten auch Gebei­ne zu Tage, die wir auf einem Hau­fen sam­mel­ten…
Es gab einen unglaub­li­chen Skan­dal im Dorf, bei dem es auch zu Hand­greif­lich­kei­ten kam. Erst spä­ter wur­de bekannt, daß die Mehr­zahl unse­rer Leh­rer sich bereits vor die­ser Pro­vo­ka­ti­on davon distan­ziert hat­te. Sie waren aber eben auch kei­ne Hel­den und hat­ten nicht den Mut, öffent­lich dage­gen vor­zu­ge­hen. Dem dama­li­gen, äußerst cou­ra­gier­ten Pas­tor Storck und eini­gen Mit­glie­dern sei­ner Gemein­de war es vor­be­hal­ten, die­sem Spuk ein Ende zu set­zen.
Die frei­ge­leg­ten Gebei­ne wur­den erneut bestat­tet, Grab­stei­ne wur­den wie­der neu gesetzt und der mate­ri­el­le Scha­den, zum Bei­spiel die durch­bro­che­ne Fried­hofs­mau­er zum Schul­hof hin, durch  Instand­set­zung begli­chen. Ob es ein juris­ti­sches Nach­spiel gab, ist mir nicht bekannt.
Damit aber das Pro­jekt “Park des Frie­dens” nicht ganz den Bach hin­un­ter ging, wur­de an ande­rer Stel­le eine ent­spre­chen­de Grün­an­la­ge geschaf­fen. Und weil die­se ein wenig mick­rig aus­zu­fal­len droh­te, wur­de kur­zer­hand noch das gan­ze Wohn­ge­biet Fami­li­en­haus /​ Schlaf­haus in ”Park des Frie­dens” umbenannt.

Inhalts­über­sicht

Von der Sowjetunion lernen

Sie waren ja genia­le Men­schen – die sowje­ti­schen Neue­rer. Sie waren so schlau, daß man ein­fach nicht umhin konn­te, ihrem leuch­ten­den Bei­spiel zu fol­gen. Die SED-Pres­se in den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren pro­pa­gier­te uner­müd­lich Neue­run­gen der sowje­ti­schen Klas­sen­brü­der. Jeder war auf­ge­ru­fen, wie Bas­sow sei­nen Arbeits­platz auf­zu­räu­men, wie Kirow die Arbeit vor­zu­be­rei­ten und wie Stach­a­now 100Tonnen Koh­le zu för­dern.
Aus der gro­ßen Sowjet­uni­on kamen neue Metho­den für Dre­her, da wur­den Werk­zeu­ge vor der Arbeit in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge auf der Werk­bank bereit­ge­legt und vie­le ähn­li­che umwer­fen­de Metho­den. Da gab es wei­ter die Irkutsker‑,  Smirnow‑, Gaganowa‑, Santalow‑, Nowoshilow‑, Slobin‑, Tschutkitch‑,  Nina-Nas­a­rowa‑, Mitrofanow‑, Kowaljow‑, Lydia-Kor­a­bel­ni­ko­wa‑, Odes­sa- Iljit­schowsk- und die Sara­tow-Metho­de.
Ach so, ja – also, die Aref­je­wa-Initia­ti­ve wol­len wir mal nicht ver­ges­sen, soviel Zeit muß sein.
Die Funk­tio­nä­re waren wie besof­fen.
Man frag­te sich, wie die Arbei­ter außer­halb der ruhmrei­chen Sowjet­uni­on eigent­lich bis­her arbei­te­ten; wahr­schein­lich rann­ten sie ziel­los an ihren Arbeits­stät­ten hin und her, stol­per­ten über nicht ord­nungs­ge­mäß auf­ge­räum­tes Werk­zeug oder faß­ten es gar an den fal­schen Enden an. Sie war­te­ten hän­de­rin­gend auf die brü­der­li­che Hil­fe der sowje­ti­schen Neue­rer.
Aber sie­he da, auch in der DDR fan­den sich gro­ße Neue­rer, wie Adolf Hen­ne­cke (387 % Norm­er­fül­lung), Fri­da Hock­auf (“Wie wir heu­te arbei­ten, so wer­den wir mor­gen leben”) oder der Bau­bri­ga­dier XYZ (“Mei­ne Hand für mein Pro­dukt”) und dann behaup­te­te noch jemand, “Mein Arbeits­platz – mein Kampf­platz für den Frie­den”, wäh­rend ein wei­te­rer den “Be­reich der vor­bild­li­chen Ord­nung und Sicher­heit” erfand.
Unse­re, die Zen­tral­schu­le Schu­le Siers­le­ben, wur­de zu die­ser Zeit nach dem Zwi­ckau­er Koh­le-Häu­er umbenannt.

Inhalts­über­sicht

Russenställe

Die noch neu­en, fast unge­brauch­ten Genos­sen­schafts­bau­ern wur­den gehö­rig belehrt und auf ihre alt­mo­di­schen Metho­den hin­ge­wie­sen. Kühe (“Rauhfut­ter ver­wer­ten­de Groß­vieheinheit “- RGVE) kön­nen doch nicht ein­fach so im Stall ste­hen. RVGEs brau­chen Luft, Licht und Son­ne, so die Mei­nung der Tier­zucht­ex­per­ten im Zen­tral­kom­mi­tee und emp­fah­len den Bau von Rin­der­of­fen­stäl­len.
Eif­rig wur­de auf den unte­ren Ebe­nen der Rat­schlag ange­nom­men und über­dach­te Flä­chen geschaf­fen, die kei­ne Wän­de besa­ßen – fer­tig war ein Rin­der­of­fen­stall. Die Kühe fühl­ten sich sehr viel woh­ler – im Som­mer.
Aber bei eisi­gen Win­den, bei Regen oder bei Schnee­ge­stö­ber fehl­te es dem Rind­vieh dann doch ganz offen­sicht­lich am sozialis­tischen Bewußt­sein und sie erkrank­ten aus Pro­test. Trot­zig gaben sie weni­ger Milch als geplant oder tru­gen sogar vor­zei­tig ihr Fell zu Markte.

Die Durch­peit­scher der Rinderoffenstäl­le igno­rier­ten in ihrem Über­ei­fer nicht nur die ableh­nen­de Mei­nung der Bau­ern und die War­nun­gen ande­rer Fach­leu­te (schließ­lich gab es bereits Hoch­schu­len für Land­wirt­schaft) son­dern sie über­sahen auch, daß die hei­ßen Step­pen des Bru­der­lan­des, aus denen die Bau­wei­se stamm­te, nicht mit dem Kli­ma in Mit­teldeutschland zu ver­glei­chen waren. Sie über­sa­hen eben­falls, daß in den Kli­ma­zo­nen der ruhm­rei­chen UdSSR, die der mit­tel­eu­ro­päi­schen enspra­chen, Kühe nach wie vor in ganz nor­ma­len Kol­cho­se-Stäl­len be­haglich vor sich hin- und wie­der­käu­ten.
Zum nächs­ten Herbst hat­te man die Of­fenställe im Rah­men des NAW wie­der mit Wän­den, Fens­tern und Türen ver­se­hen, die über­le­ben­den RVGE muh­ten zufrie­den und die re­volutionäre Idee wich betre­te­nem Schwei­gen. Die Rus­sen­stäl­le, wie sie all­ge­mein hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand genannt wur­den ver­schwan­den wie­der in der Ver­sen­kung.
In Siers­le­ben stand der ers­te Rin­der­of­fen­stall in der Nähe von Hor­n­e­manns Windmühle.

Inhalts­über­sicht

Kartoffeln im Quadrat

Aber – es kam noch ein wei­te­rer Neuerervor­schlag vom sozia­lis­ti­schen Bru­der: Das Kar­tof­fel-Qua­drat­nest-Pflanz­ver­fah­­ren (sic!).
Ja, das war’s! Wenn die sowje­ti­schen Kolchos­bauern ihre Kar­tof­fel­erträ­ge mit die­ser Metho­de um 80% stei­gern konn­ten, dann müß­ten doch in der DDR min­des­tens 79% Ertrags­stei­ge­rung mach­bar sein (mehr als 80%, wäre poli­tisch wohl nicht rat­sam gewe­sen). Also, ab sofort war damit Schluß, die Kar­tof­feln ein­fach in Rei­hen anzu­bau­en.
Die neue Metho­de lehr­te, daß zu den übli­chen Rei­hen eines nor­ma­len Kar­tof­fel­schla­ges noch zusätz­lich Quer­rei­hen im Win­kel von neun­zig Grad zu legen sei­en. Nase­wei­se Bau­ern mur­mel­ten etwas von “Blöd­sinn” und “Russen­quatsch” aber das zeig­te doch nur, daß sie die neue Zeit noch nicht ver­stan­den hat­ten – denn schließ­lich rief es von allen Wän­den: “Von der Sowjet­uni­on ler­nen, heißt sie­gen ler­nen” und ich füge mal hin­zu: “… auch auf dem Acker!”.
Sol­cher­ma­ßen belehrt, schwie­gen die Genos­sen­schafts­bau­ern und quäl­ten sich in die­sem Jahr bei der Pfle­ge der Hack­früchte nicht nur kreuz, son­dern nun auch noch quer über den Schlag.
End­lich, im Herbst kam die Ern­te, jetzt konn­te man bewei­sen, wie klug man han­del­te. Damals wur­den Kar­tof­feln mit dem Kar­tof­fel­ro­der aus der Erde geholt und mit der Hand gele­sen. Beim Roden kam dann aber daß gro­ße Kopf­krat­zen: Rode­te man keuz wur­den die Quer­kar­tof­feln und beim Quer­ro­den wur­den die Kreuz­kar­tof­feln wie­der unter die Erde gedrückt und über­haupt ging alles kreuz und quer durch­ein­an­der.
Im nächs­ten Früh­jahr wur­de die Kar­tof­fel­saat wie­der ‑wie seit den Tagen Fried­rich des Gro­ßen- in Längs­rei­hen gesteckt.

Inhalts­über­sicht

Die Wurst am Stengel

Eine wei­te­re Eupho­rie bezüg­lich revo­lu­tio­nä­rer Acker­bau-Metho­den schwapp­te mit gro­ßem Pro­­­pa­gan­da-Auf­wand durch die SED-Pres­se. Aus dem Land der ”Sie­ger der Geschich­te” die dort­selbst am Kom­mu­nis­mus her­um­wer­kel­ten, fand der Mais sei­nen Weg zu den lern­be­gie­ri­gen Genos­sen der DDR.
Mais, das war’s. Jetzt end­lich wür­de es kei­ne Fleisch­knapp­heit mehr geben. Jetzt ent­fällt sogar das Schlach­ten –  end­lich kön­nen Kühe und Schwei­ne fres­sen bis sie von allein plat­zen. Mais – das “Grü­ne Gold”, Mais – die “Gold­per­len”, Mais – die “Gold­stange” usw. Im Nach­bar­dorf, in Hübitz, fan­den in und vor der gro­ßen Scheu­ne an der Ver­bin­dungs­stra­ße (ver­län­ger­ter Siers­le­be­ner Mühl­weg) Mais­fes­te mit Karus­sell und Preis­ke­geln und allem Rum­mel­zu­be­hör statt.
Es fand sich ein gro­ßer Dich­ter und ein noch grö­ße­rer Kom­po­nist (viel­leicht auch umge­kehrt) und sie schu­fen ein groß­artiges Opus; ein Mais­lied, das sofort im Musik­un­ter­richt gelehrt und gelernt und beim nächs­ten Fah­nen­ap­pell frisch von jun­gen und zukunfts­fro­hen Pio­nie­ren gesun­gen wurde:

Der Mais, der Mais wie jeder weiß – das ist die Wurst am Sten­gel
der Mais, der Mais wie jeder weiß – das ist ein stram­mer Ben­gel,
und wer den bes­ten Mais anbaut – das ist ein  klu­ger Mann,
weil er in die Zukunft schaut – und die fängt gera­de an.
Ja der Mais, der Mais der schmeckt.

Die RVGEs, die die Rin­der­of­fen­stäl­le über­lebt hat­ten, gebär­de­ten sich wie wild, woll­ten nur noch Mais fres­sen und rülps­ten zu­frieden in ihrer war­men, zug­frei­en Unterkunft.

Inhalts­über­sicht

Feste feiern

Man soll die Fes­te fei­ern, wie sie fal­len. Fami­li­en­fei­ern waren immer, wie der Name schon sagt, fei­er­lich – minds­tens zu Beginn: Mut­ter hat­te end­lich mal die übli­che Kit­tel­schür­ze abge­legt und trug ein Kleid. Vater sah mit Schlips und Kra­gen aus, als wol­le er zu Flei­sch­au­er zum Früh­schop­pen gehen. Ich trug wei­ße Knie- oder lan­ge, brau­ne Strümp­fe – je nach Jah­res­zeit.
Für jede Fei­er wur­de eine Köchin enga­giert, die aller­dings kei­ne aus­ge­bil­de­te Köchin war, son­dern sich im Dorf als Koch­frau für Fei­ern jeder Art beson­ders emp­fahl. In Siers­le­ben gab es meh­re­re Koch­frau­en, die immer mit einer frisch gestärk­ten, blü­ten­wei­ßer Schür­ze ihr Kom­man­do antra­ten. Sie konn­ten Spei­sen kochen, die im Fami­li­en­all­tag nie­mals auf den Tisch kamen: Sago-Sup­pe mit Eier­stich als Vor­spei­se zum Bei­spiel. Donnerwetter!

Inhalts­über­sicht

Silberne Hochzeit

Sehr gut kann ich mich an die Sil­ber­hoch­zeit mei­ner Eltern erin­nern. Das war 1955. Vater und ich karr­ten meh­re­re Hand­wa­gen vol­ler Bier­käs­ten nach Hau­se, die in der Brun­nen­kam­mer neben Lauch­städ­ter Mine­ral­brun­nen, Malz­bier, Limo­na­de und Dop­pel­ka­ra­mel auf­ge­sta­pelt wur­den. Im Kel­ler stan­den viel­leicht zwei oder drei Fünf­­­und­zwan­zig-Liter-Bal­lons mit Obst­wei­nen, der bei uns zu Hau­se fast nie­mals auf Fla­schen abge­füllt, son­dern nach der Gärung im Bal­lon ver­blieb und im Kel­ler aufbe­wahrt wur­de. Der Kel­ler war ‑wie häu­fig im Dorf- ganz ein­fach mit dem Spa­ten aus Lehm her­aus­ge­sto­chen wor­den und benö­tig­te kei­ne gemau­er­ten Wän­de. Nur die Haus­fun­da­men­te durf­te man nicht unter­gra­ben – klar.
Neben Wein stan­den dort eini­ge Dut­zend (!) Fla­schen mit aro­ma­ti­sier­tem Schacht­schnaps bereit; ich sehe die Fla­schen­bat­te­rie, es mögen 50 oder 60 Stück gewe­sen sein, noch vor mir.
Am Tag vor der Fei­er, wur­den die Gute Stu­be und das Schlaf­zim­mer mei­ner Eltern aus­ge­räumt und mit geborg­ten Tischen und Stüh­len zum Fest­saal umge­wid­met. Da zu einer Sil­ber­hoch­zeit nicht gela­den wur­de und auch nicht nur Ver­wand­schaft will­kom­men war, war es nicht ganz ein­fach die pas­sen­de Men­ge Spei­sen und Geträn­ke zum Abfüt­tern bereit­zu­hal­ten. Es reich­te immer.
Für die pas­sen­de Musik, wur­de  der Dorf­mu­si­kus  Sche­cke Els­ter enga­giert, der fast jede Fei­er mit sei­ner Gei­ge beglei­te­te.
Auf sol­chen Fei­ern wur­den oft Spä­ße ver­übt, die auch manch­mal etwas derb waren; auf kei­nen Fall aber waren sie pein­lich, wie man beim Wei­ter­le­sen etwa anneh­men könn­te. Ein zwar dröh­nen­des und doch herz­li­ches Lachen  Lachen, aber kein Gejoh­le und Gekrei­sche war, was man errei­chen woll­te.
 Zum Bei­spiel Hut­brum­men: Drei oder vier Män­ner bei­ßen gleich­zei­tig in die Krem­pe eines Hutes und sum­men eineMarsch­me­lo­die, die Sche­cke geigt. Alle gucken sich über den Hut hin­weg an und tap­pen im Marsch­takt kreis­för­mig umein­an­der. Das allein ist schon sau­kom­isch anzu­se­hen.  Jetzt macht einer der Män­ner die ande­ren unter dem Hut nass – Das ist alles.
Waren mei­ne Eltern zu Gast auf ande­ren Fei­ern, prä­pa­rier­te sich mein Vater manch­mal mit einem Ober­hemd, das von vorn gese­hen Tip Top in Ord­nung war. Auf dem Rücken jedoch, war ein mit einem gro­ßen Schnei­der­bü­gel­eisen hin­ein­ge­brann­tes Loch zu sehen. Im Ver­lau­fe der Fei­er muß­te ein Ein­ge­weih­ter un­ter irgend einem Vor­wand Vater ver­an­las­sen, sein Jacket aus­zu­zu­ie­hen. Der sträub­te sich natür­lich vehe­ment, was den ande­ren Fest­teil­neh­mern befremd­lich vor­kam. Kam nach lan­gem Sträu­ben dann doch end­lich das Rie­sen­loch zum Vor­schein war Stim­mung unter dem Kron­leuch­ter.  Vater spiel­te den Ertapp­ten und Mut­ter die Ver­le­ge­ne.
Ein ande­rer Sketch war der, daß Vater den Zigeu­ner­ba­ron mim­te, der an einem Käl­ber­strick ein Schwein führt. Das Schwein war mei­ne Mut­ter, die unter einer über­ge­wor­fe­nen Woll­de­cke auf allen Vie­ren am Strick her­um­kroch und grunz­te. Jetzt ging ein lan­ges Pala­ver mei­nes Vaters los, der einen Gast über­zeu­gen muß­te ihm das Schwein abzu­kau­fen.
War es ver­kauft (Kauf­preis ein Schnaps), bot Vater an, es auch gleich noch zu schlach­ten und tat das, indem er mit dem mit­ge­führ­ten Holz­ham­mer aus­hol­te und dem Schwein von vorn gegen die Rüs­sel­na­se schlug; das Schwein stürz­te und war tot.
Wer das Spiel nicht kann­te, erschreckt zunächst, der Ham­mer war groß und der Schlag nicht abge­fe­dert. Hat­te der Schre­cken sich gelegt, zog Vater die Woll­de­cke weg und man sah, daß Mut­ter ein dickes Feder­kis­sen auf ihren Kopf gebun­den hat­te und daß Scher­ben eines Blu­men­top­fes her­um­la­gen. Der Blu­men­topf sei­ner­seits war an Kis­sen und Kopf befes­tigt und bil­de­te, wenn Mut­ter den Kopf senk­te die Schnau­ze des Schwei­nes. Mit gro­ßem Hal­lo wur­de dann anschlie­ßend die Schweine­haut ver­trun­ken.
Gern führ­te er auch fol­gen­den Gag vor: Bei Tisch leg­te er wie bei­läu­fig sei­nen lin­ken Ring­fin­ger an die Ober­lip­pe direkt unter ein Nasen­loch. Wer das nicht kann­te, war ver­blüfft: Aus der Nase schau­te nur das unte­re drit­te Fin­ger­glied; die ande­ren bei­den Glie­der schie­nen in der Nase zu ste­cken. Ein verblüf­fender Trick, des­sen Auf­lö­sung sehr tri­vi­al war: an Vaters lin­kem Ring­fin­ger gab es nur die­ses eine Glied, die ande­ren bei­den waren ampu­tiert.
Ich erin­ne­re mich eben­falls noch an die, eine Injek­ti­on set­zen­de, “Kran­ken­schwes­ter”, die unter viel Brim­bo­ri­um ihrem Mann , mei­nem Onkel, eine recht gro­ße Sprit­ze mit lan­ger Kanü­le in des­sen Hin­ter­teil setz­te, wel­ches teil­wei­se ent­blößt war. Die Sprit­ze war natür­lich nicht echt – die stump­fe Kanü­le wur­de beim Auf­set­zen in den mil­chigen Zylin­der der Sprit­ze hin­ein­ge­scho­ben, wie bei einem Thea­ter­dolch.
Die­se Art von Spä­ßen mögen grob erschei­nen, sie sind es auch, aber – so wur­de es tra­diert. Fast jeder Gast gab bei sol­chen Fei­ern eige­ne Schnur­ren und Gags zum Besten.

Inhalts­über­sicht

Jugendweihe

Neben der Sil­ber­hoch­zeit der Eltern, war mei­ne Jugend­wei­he im April 1959 die zwei­te gro­ße Fami­li­en­fei­er. Wie vie­le mei­nes Jahr­gan­ges woll­te ich nicht kon­fir­miert wer­den, obwohl ich gar nicht so recht wuß­te, war­um. Ich sah den poli­ti­schen Cha­rak­ter die­ser Insze­nie­rung  nicht
Sei es drum: Es war das ers­te Mal, daß ich im Mit­tel­punkt stand. Auch bei die­ser Fei­er wur­de auf­ge­tischt, was Küche und Kel­ler her­ga­ben und als ich im Mor­gen­grau­en wie­der nach Hau­se kam, war immer noch kein Schluß. Ich kam aus dem Augs­dor­fer Frei­bad, wo wir ‑Jugend­weih­lin­ge und ande­re Kum­pel- über den Zaun gestie­gen waren und nicht wenig Unsinn anstell­ten.
Auf dem Weg dort­hin hat­ten wir durch ein offe­nes Schlaf­zim­mer­fens­ter in der Teich­stra­ße einen gan­zen Pflau­men­ku­chen samt Kuchen­blech aus einem Gestell gezo­gen. Das Blech fand Meis­ter Unbe­hau, in der Mit­te geknickt, mor­gens über dem Mes­sing­tel­ler sei­nes Fri­seur­la­dens hän­gen. Wei­ter hat­ten wir ein, zwei Fens­ter­lä­den aus­ge­ho­ben, ein aus einem Schup­pen ragen­des Ofen­rohr mit einem Stück Dach­pap­pe und Rasen­stü­cken abge­deckt und den Aus­lauf einer Pum­pe am Dorf­teich mit einem Ober­hemd ver­stopft.
Kurz­um, die Fei­er war gelun­gen und zwei, drei Tage spä­ter lag ich mit Fie­ber und Schüt­tel­frost im Bett. Eine hal­be April­nacht mit nur einem Unter­hemd unter dem Jacket war zu viel. Als ich nach einer etwa sechs Wochen wie­der in der Schu­le auf­tauch­te, war ich noch etwas blaß.
Die offi­zi­el­le Jugend­wei­he-Fei­er fand im Saal bei Her­mi­nen statt und wir spul­ten unser seit Wochen geüb­tes Pro­gramm, bestehend aus Ein­marsch, Auf-der-Büh­ne-ste­hen, Gelöb­nis und Aus­marsch ab. Wir beka­men eine der ers­ten Aus­ga­ben von ”Welt­all – Erde – Mensch”, das ich ‑abge­se­hen von den übli­chen poli­tischen und ideo­lo­gi­schen Aus­sa­gen- ganz inter­es­sant fand und das sich noch immer in mei­nem Besitz befin­det. Es ist schon inter­es­sant, dar­in zu lesen, wie man sich vor einem hal­ben Jahr­hun­dert eine Mond­lan­dung vor­stell­te. Kei­ne Fra­ge –  nur die sowje­ti­sche Vari­an­te war erfolg­ver­spre­chend; die ame­ri­ka­ni­sche von Vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Nun ja.
Das Mans­feld-Kom­bi­nat, auf des­sem Bro­sow­ski-Schacht Vater arbei­te­te, rich­te­te eine eige­ne zen­tra­le Fei­er in Klos­ter­mans­feld mit Kaf­fee und Kuchen aus. Jeder erhielt als Geschenk fünf Bücher, die in einem Schu­ber über­reicht wur­den und auf des­sen Rück­sei­te eine ver­gol­de­te Inschrift ange­bracht war. Auch den Schu­ber samt Büchern besit­ze ich noch.
Die Geschen­ke, die ich zur Jugend­wei­he bekam, waren für dama­li­ge Ver­hält­nis­se üppig.
Auf dem Dorf wur­den ger­ne Taschen- und Hand­tü­cher ver­schenkt. Hand­tü­cher gab es für Mäd­chen und Bräu­te, wäh­rend es für Jun­gen Taschen­tü­cher gab. So war es Brauch, so war es rich­tig. Eine beson­de­re Art von Geschenk waren put­zi­ge Sei­fen­körb­chen: Ein hand­be­stick­tes Damen­ta­schen­tuch wur­de kunst­voll um ein Stück Sei­fe dra­piert und mit acht­hun­dert oder mehr Steck­na­deln so an der Sei­fe fest­ge­steckt, daß sie wie ein Tau­sen­füß­ler auf den bun­ten Glas­köp­fen stand. See­ehr hübsch.
Und so kam es, daß das Gros der Geschen­ke Taschen­tü­cher aus­mach­ten, von denen heu­te, 50 Jah­re spä­ter, immer noch ein drei Meter hoher Sta­pel in mei­nem Schrank liegt; ein Geschen­ke fürs Leben. Wei­ter bekam ich zwei Paar Man­schet­ten­knöp­fe und das Rei­se-Nes­se­cai­re benö­tig­te ich erst, als ich 1964 zur NVA ein­ge­zo­gen wur­de. Der Inha­ber der Dorf­dro­ge­rie ließ eine 200-Mil­li­li­ter-Fla­sche ”Her­ba­cin-Schup­pen-Haar­was­ser” über­brin­gen usw.

Diamant Sportrad Modell 108 Bj 1958
Dia­mant Sport­rad Modell 108 Bau­jahr 1958; von mir gefah­ren bis 2019

Das begehr­tes­te die­ser Geschen­ke jedoch war Bar­geld, von dem ich ‑für dama­li­ge Ver­hält­nis­se unglaub­lich- vier­hun­dert Mark erhielt; das Monats­ein­kom­men eines Leh­rers. Von die­sem vie­len Geld kauf­te ich mir end­lich ein neu­es Fahr­rad im Eis­le­be­ner Gro­ßen HO – ein Dia­mant-Sport­rad. Mein altes Fahr­rad war in sämt­li­chen Ein­zel­tei­len aus Res­ten ande­rer Räder, die ich auf der Asche fand, zusam­men­ge­flickt; Spei­chen, Lager, Schrau­ben – alles gehör­te min­des­tens schon ein­mal zu einem Fahr­rad. Das Geld reicht auch noch für ein klei­nes Zelt und seit­dem war ich an sehr vie­len Wochen­en­den und Feri­en­ta­gen mit Rad und Zelt und eien oder zwei Kum­peln unter­wegs – zumeist im Harz. Die­ses Rad benut­ze ich heu­te, nach mehr als 50 Jah­ren noch immer und man muß lan­ge schau­en, ein Fahr­rad mit einem der­art gra­zi­len Rah­men zu fin­den. Obwohl natür­lich vie­le Tei­le ersetzt wur­den, ist es immer noch ein­deu­tig als DDR-Dia­mant-Sport­rad zu identifizieren.

Inhalts­über­sicht

Trockener und Nasser

Haus­ge­ba­cke­ner Kuchen war auf dem Dorf eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Zu jedem Anlaß, gleich­gül­tig, ob freu­dig oder trau­rig wur­de Kuchen geba­cken. Rich­ti­ger: Man ließ backen. Zu Hau­se wur­den ledig­lich Eier zer­schla­gen, But­ter ver­rührt, Zucker dazwi­schen­ge­krü­melt, aro­ma­ti­sche Sachen hin­ein­ge­tan, gerührt, gerollt und geschla­gen, Salz ver­ges­sen und irgend­wann war der Teig so weit, um auf den gro­ßen, sorg­fäl­tig gefet­te­ten Kuchen­ble­chen sei­nem End­sta­di­um ent­ge­gen­zu­rei­fen.
Die Haus­frau­en setz­ten sich die gro­ßen Back­ble­che auf ihre Hüf­ten und tru­gen sie in eine Bäcke­rei. War es ein kirch­li­cher Fei­er­tag, kam es schon mal vor, daß sich eine Ket­te blech­tra­gen­der Haus­frau­en bil­de­te, die kaum abriß. In der Back­stu­be stan­den Gestel­le auf Rol­len, in die die Kuchen­ble­che gescho­ben wur­den und damit kei­ne Ver­wechs­lun­gen auf­traten, steck­ten in jedem Teig klei­ne Namens­schild­chen. Da eine Haus­frau meist nur zwei Hüf­ten hat, war es für sie unum­gäng­lich, den Weg zur Back­meis­te­rei mehr­mals zu gehen; eine rich­ti­ge Fei­er benö­tig­te schon mal etli­che Qua­drat­me­ter Kuchen. Nach erfolg­ter Ablie­fe­rung in der Back­stu­be, oblag es nun dem Brot-und Kuchen­meis­ter die Ble­che für sei­ne Kun­den in den Back­ofen zu schie­ben.
Damals wur­de der Back­ofen noch mit Koh­le und Holz beheizt. Wenn das Brenn­gut ver­brannt war, wur­de die Asche aus dem Back­raum seit­lich her­aus­ge­sto­ßen und ein an einer Holz­stan­ge befes­tig­ter nas­ser Mehl­sack durch den Back­raum geschleu­dert, um letz­te Asche­res­te zu ent­fer­nen. Trotz­dem kam es immer wie­der vor, daß an der Unter­sei­te von  Brot­lai­ben klei­ne Asche­res­te ein­ge­ba­cken waren, was aber nie­man­den stör­te; es gehör­te ein­fach dazu; mit dem Fin­ger­na­gel wur­de es her­aus­ge­knipst – fer­tig. Geriet trotz­dem mal etwas zwi­schen die Zäh­ne knirsch­te es gewal­tig. Beim Backen von Blech­ku­chen war die­ses Asche-Pro­blem natur­ge­mäß unin­ter­es­sant.
Nach eini­gen Stun­den wur­den die fer­tig geba­cke­nen Kuchen wie­der abge­holt und die Nach­barn hin­ter den Gar­di­nen zähl­ten genau, wie­viel nas­se und tro­cke­ne Kuchen ins Haus getra­gen wur­den; Nas­se waren Obst‑, Quark- und Mohn­ku­chen, wäh­ren zu den Tro­cke­nen Streusel‑, Scho­ko­la­den oder Zucker­ku­chen zähl­ten. Nas­se Kuchen wur­den nach Mans­fel­der Tadi­ti­on gene­rell mit Sulf belegt – das ist die­ses Eier­schnee-But­ter-Milch-Gries-Vanil­le-Zucker-und-was-weiß-ich-Gemisch, das in ver­grö­ber­ter Rezep­tur anders­wo als Eier­sche­cke nicht im Ent­fern­tes­ten so gut schmeckt.
Sand- und Mar­mor­ku­chen, sowie Böden für Tor­ten und Ähn­li­ches wur­den zu Hau­se in die Röh­re gescho­ben. Damit konn­te das Fest begin­nen.
Über­mit­tel­ten Bekann­te und Nach­barn Glück­wün­sche, Geschen­ke bzw. Trau­er­be­kun­dun­gen, gab es als Gegen­leis­tung ein Stück Kuchen, des­sen Men­ge bei der Pla­nung bereits mit­kal­ku­liert wur­de.
Die Men­ge und die Art des Kuchens sag­te etwas aus über die Güte der bei­der­sei­ti­gen Bezie­hung:  Viel  und nass – eine sehr gute Bezie­hung, wenig und tro­cken – mise­ra­ble Bezie­hung. Eine wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung erfog­te durch die Anzahl und Qua­li­tät mit­ge­ge­be­ner Rand­stü­cke.
Also –  ein ein­zi­ges, klei­nes Rand­stück Streu­sel­ku­chen (even­tu­ell noch leicht ange­brannt) hieß nach die­sem Code: Du kannst mich mal und ein ansehn­li­ches, rand­lo­ses Stück Sauer­kir­sche deu­te­te auf Freund­schaft hin. Über Jahr­zehn­te wur­de pein­lichst genau Buch geführt, wer wann was gege­ben bzw. erhal­ten hat.
Mit Kuchen zahl­te man heim.

Inhalts­über­sicht

Weihnachten

Vor dem Ers­ten Advent wur­den die Wecken geba­cken, die wir nie­mals als Stol­len bezeich­ne­ten. Mut­ter buk immer vier Stück, zu je etwa sechs Pfund. Mein Bru­der in Cux­ha­ven erhielt sei­ne eige­nen sechs Pfund.
Wie beim Schlach­te­fest, gab es beim Wecken-Backen immer Pro­ble­me mit den Gewür­zen, ins­be­son­de­re Zitro­nat und Rosi­nen. Auch Mohn war sehr schlecht zu erhal­ten und But­ter muß­te zu teu­ren HO-Prei­sen hin­zu­ge­kauft wer­den.
Die Bäcker leg­ten in der Weih­nachts­zeit Extra-Back­ta­ge für Wecken ein.
Weih­nach­ten wur­de die Gute Stu­be geheizt, die man nur betrat, um durch sie hin­durch in das Schlaf­zim­mer der Eltern zu ge­langen – zumin­dest, bis der Fern­se­her anfing, die Gute Stu­be zu rui­nie­ren. Vater schmück­te den Baum, bohr­te mit dem Nagel­boh­rer Loch an Loch, um mit ein­ge­steck­ten Zweig­lein, den Baum zu “ver­schö­nern”. Er kos­te­te stän­dig, ob der selbst­ge­fer­tig­te Likör die rich­ti­ge Tem­pe­ra­tur hat­te; dane­ben waren noch zu über­prü­fen: der Geschmack, die Kon­sis­tenz, die Far­be , der Zucker­ge­halt, noch­mal Tem­pe­ra­tur usw …

Weihnachten 1950 Familie Wilhelm Schneemann & Fam Burghardt
Weih­nach­ten 1950

 

Immer in der Weih­nachts­zeit stand ein ein­ge­staub­ter Halb­me­ter-Weih­nachts­mann in einem rot­la­ckier­ten Papp­ma­chee-Man­tel und Wackel­kopf im Schau­fens­ter bei Kun­ze, der alles mög­li­che ver­kauf­te: Gar­ne, Knöp­fe, Vasen, Geschirr  und Spiel­waren. Er ‑der Weih­nachts­mann nick­te freund­lich lächelnd zwi­schen Unmen­gen Spiel­zeu­ges vier Wochen lang durch die Schei­be.
Eines Tages war ich wie elek­tri­siert: Es stand ein knall­rot lackier­tes Feu­er­wehr-Holz­au­to im Fens­ter. Auf dem Dach hat­te es eine gel­be Lei­ter, die auf­ge­stellt, gedreht und ‑das war unglaub­lich- auch noch mit einer klei­nen Hand­kur­bel aus­ge­fah­ren wer­den konn­te. Aber das war noch nicht alles, die Mann­schafts­ka­bi­nen- und Fah­rer­haus­tü­ren konn­ten ge­öffnet wer­den und man sah gel­be Holz­sit­ze und ein gel­bes Lenk­rad. Auch der Fahr­zeug­kof­fer – über­all Türen und Klap­pen, hin­ter denen unter ande­rem zwei gel­be, dreh­ba­re Schlauch­trom­meln zum Vor­schein kamen. Wahn­sinn..!
Ich muß zu Hau­se ziem­lich genervt haben: Am Hei­li­gen Abend stand das Feu­er­wehr­au­to unter dem Baum.

Zusam­men mit mei­nem Freund Die­ter saßen wir ‑lan­ge nach Weih­nach­ten- auf dem Fuß­bo­den bei mir zu Hau­se und spiel­ten mit mei­ner gelb-roten Feu­er­wehr – und damit alles etwas rea­lis­ti­scher wirkt, beschloß Die­ter, ein klei­nes Feu­er, ein Knä­cker­chen, zu ent­fa­chen.
Aber statt zu löschen, nahm die Feu­er­wehr Scha­den, der­ge­stalt, daß sie bei­na­he samt unse­rer Woh­nungs­ein­rich­tung ver­brann­te. Wenn ich nicht nach mei­ner Mut­ter gebrüllt hät­te, die mit einem Eimer Was­ser die Lösch­ak­ti­on in ihre Hän­de nahm, hät­ten nicht nur unser bei­den Backen gebrannt.

Und genau an die­ses Feu­er­wehr­au­to konn­te sich bei einem Klas­sen­tref­fen fünf­zig (!) lan­ge Jah­re spä­ter auch mei­ne dama­li­ge Klas­sen­ka­me­ra­din Elke, die Toch­ter des Spiel- und Kurz­wa­ren­la­den-Inha­bers, erin­nern und zwar des­halb, weil von der aus­ge­fah­re­nen Feu­er­wehr­lei­ter Rapun­zel ihren Klet­ter­zopf fal­len ließ, an dem der unten ste­hen­de Prinz die gan­ze lan­ge Advents­zeit hin­durch nicht hin­auf­zu­stei­gen ver­moch­te; bei­de Pup­pen waren näm­lich i h r Weihnachtswunsch.

Ein ande­res Mal erhielt ich zu Weih­nach­ten ein klei­nes Rie­sen­rad, an das Vater die Zink-Druck­guß-Fel­ge eines Kin­der­wa­gens mon­tiert hat­te. Über die­se Fel­ge lief ein Bind­fa­den zu einem pri­mi­ti­ven Getrie­be, das aus eini­gen Holz­rä­dern und einem zwei­ten Kin­der­wa­gen­rad bestand. Die­ses Getrie­be trieb ein klei­nes Ham­mer­werk an, des­sen Häm­mer über je einer Schüttrut­sche ange­bracht waren. Schüt­te­te man durch einen, auf dem Dach befind­li­chen, Ein­füll­trich­ter etwas hin­ein, kam es auf den bei­den Schüttrut­schen genau­so wie­der her­aus – egal ob die Häm­mer arbei­te­ten oder nicht.
Das Ham­mer­werk wur­de von einem klei­nen Elek­tro­mo­tor ange­trie­ben, der einem Flug­zeug­wrack ent­nom­men wor­den war. Elek­tro­meis­ter Bell­mann ‑spä­ter jah­re­lang Bür­ger­meis­ter von Siers­le­ben- wickel­te einen Trans­for­ma­tor für den Motor, Vater umhüll­te das Gan­ze mit einem lind­grün lackier­ten Holz­kas­ten, setz­te Getrie­be, Ham­mer­werk und Zwer­gen-Rie­sen­rad auf ein bunt lackier­tes Holz­brett. Fer­tig. Bis auf das blan­ke Rie­sen­rad mit sei­nen Gon­deln, war alles selbst ange­fer­tig.
Mit die­sem Ding spiel­te ich stun­den­lang – die Steue­rung des in meh­re­ren Stu­fen regel­ba­ren, links- und rechts­lau­fen­den Motors, fas­zi­nier­te mich. Als irgend­wann noch ein Sta­bil­bau­kas­ten hin­zu­kam, flirr­ten Räder und Seil­schei­ben, has­te­ten Pleu­el und dreh­ten sich Has­peln um so mehr.
Eines Tages aber heul­te mein Motor ‑sich mit hal­ber Licht­ge­schwin­dig­keit dre­hend- auf, qualm­te und stank. Schluß.
Ich hat­te die Umstel­lung der Elek­tro­ver­sor­gung von 110 auf 220 Volt Span­nung ver­ges­sen, nicht beach­tet, nicht ernst genom­men – wer weiß.

Die Schäch­te des Mans­fel­der Reviers ver­an­stal­te­ten für die Kin­der ihrer Beleg­schaft immer zen­tra­le Weih­nachts­fei­ern. Nach eini­gen Lie­dern und Gedich­ten gab es Wecke und Malz­kaf­fee. Es schlos­sen sich dann eini­ge Quiz- oder Spiel­run­den an, bei denen man noch etwas gewin­nen konn­te.
Bei einer Spiel­run­de war fol­gen­des schnell und drei­mal feh­ler­frei zu spre­chen: ”Der sowje­tische Sput­nik tri­um­phiert über den ame­ri­ka­ni­schen Kaputt­nik.” Ich muß geste­hen, daß ich der Sie­ger die­ses Schnell­sprech-Wett­be­wer­bes war. Hhmm. Im Bücher­schrank steht heu­te immer noch ”Giu­sep­pe und Ma­ria”.

Inhalts­über­sicht

Tag des Bergmanns
Delegation Tag des Bergmanns; Willi Schneemann in Salzwedel, 1953
Tag des Berg­manns; Mans­fel­der Kum­pel in Salz­we­del, 1953, re.: mein Vater

Jedes Jahr am ers­ten Sonn­tag im Juli wur­de im Mans­fel­der Land der “Tag des Berg­manns” began­gen. Obwohl im Namen nicht expli­zit mit­ge­nannt, waren selbst­ver­ständ­lich auch die Hüt­ten­leu­te in die Fei­er­lich­kei­ten mit einbezogen.

Im Vor­feld die­ses Tages wur­de dafür gesorgt, daß die Geschäf­te eine Woche zuvor und eine Woche danach mit Waren voll­ge­stopft waren. Vor allem Indus­trie­gü­ter waren es, die in die­ser Zeit ein­ge­kauft wer­den konn­ten, wie zum Bei­spiel TV-Gerä­te und Radi­os.
Aus die­sen Son­der­kon­tin­gen­ten des Ein­zel­han­dels stamm­ten mein ers­tes Kof­fer­ra­dio (gekauft Juli 1960), mein Dia­mant-Sport­rad und mein Zwei­mann­zelt samt Spi­ri­tus­ko­cher (gekauft Juli 1959).
Aus Anlass die­ses Fei­er­ta­ges wur­den jede Men­ge Geld­prä­mi­en in nicht unbe­trächt­li­cher Höhe und wei­te­re Aus­zeich­nun­gen ‑eben­falls mit Geld­zu­wen­dun­gen ver­bun­den- an die Beleg­schaf­ten der Kom­bi­nats­be­trie­be aus­ge­schüt­tet.
Extra für die­sen Fei­er­tag wur­den ‑vor des­sen ers­ter Bege­hung- Uni­for­men für die Berg- und Hüt­ten­leu­te ent­wor­fen, die auch gern von ihnen getra­gen wur­den und in denen sich nicht Weni­ge ‑so auch mein Vater- für ihre Letz­te Fahrt rei­se­fein machen ließen.

So kurz nach dem Krie­ge wur­de uns immer wie­der “erklärt”, war­um es wich­tig sei zuerst die Schwer­indus­trie wie­der auf­zu­bau­en und erst danach die Leicht- , also in ers­ter Linie die Kon­sum­gü­ter­in­dus­trie. Zwar kam dann noch ein­mal die Che­mie­in­dus­trie dazwi­schen (Che­mie bringt Brot, Wohl­stand Schön­heit), aber dann, in den 70ern unter Hon­ne­cker, leg­te auch die Kon­sum­gü­ter­in­dus­trie etwas zu – wenn auch nur für sehr begrenz­te Zeit.

Und so war Wil­helm Piecks Spruch “Ich bin Berg­mann – wer ist mehr” nicht zufäl­lig eine wirk­sa­me Moti­va­ti­on der Beschäf­tig­ten in der Mon­tan- und Hüt­ten­in­dus­trie. Die Mans­fel­der Berg- und Hüt­ten­leu­te waren wirk­lich stolz auf sich und ihre Arbeit und auf ihre Uniformen.

Am Fest­tag selbst wur­de früh um sechs Uhr durch den Spiel­manns­zug ein Wecken durch­ge­führt, d.h. er mar­schier­te mit klin­gen­dem Spiel durch Siers­le­ben und spiel­te das übli­che Reper­toire. Vor den Wohn­häu­sern der Hono­ra­tio­ren des Dor­fes wur­de kurz ange­hal­ten und ein Ständ­chen dar­ge­bracht.
Nach dem Früh­stück ging es auf die bei­den zen­tra­len Fest­plät­ze; der des Thäl­mann­schach­tes befand sich in Klos­ter­mans­feld und der Fest­platz des Bro­sow­ski­schach­tes war in Gerb­stedt. Dar­über­hin­aus waren in fast jedem Dorf noch loka­le Fest­plät­ze ein­ge­rich­tet. Schieß­bu­de, Karus­sell, ein nach­ge­bau­ter Stol­len mit ech­ten Preß­luft­häm­mern, Seil­bahn, Los­bu­de – alles da. Man konn­te Geträn­ke- und Ver­zehr­bons oder auch Waren­gut­schei­ne, die eben­falls alle in Vor­be­rei­tung die­ses Tages ver­teilt wur­den, ein­lö­sen. Zur musi­ka­li­schen Unter­hal­tung spiel­ten Blas­or­ches­ter und wenn “Glück Auf – Der Stei­ger kommt” gespielt wur­de, san­gen aus­nahms­los alle mit – aber nicht das mit­gegröhlt wur­de, nein es wur­de rich­tig gesun­gen.
Am Abend war auf allen Sälen Tanz und dann kam es natür­lich auch vor, daß man nicht mehr deut­lich arti­ku­lie­ren konn­te oder die Füße eine ande­re als die beab­sich­tig­te Rich­tung ein­schlu­gen.
An die­se Fei­er­ta­ge habe ich nur die bes­ten Erinnerungen.

Inhalts­über­sicht

Eis­le­be­ner Wiese

Mai­en­aus­tra­gen

Sil­ves­ter­sin­gen

Splitter

Tri Tra Trallala

In Ditt­mars Saal herrsch­te Hoch­stim­mung, wenn Kas­per mit sei­ner Papp-Klat­sche Gre­tel gegen das Kro­ko­dil ver­tei­dig­te und wenn das Kro­ko­dil den Teu­fel in die Nase biss und der Schutz­mann für Ord­nung sorg­te.
Wir neu­en, klei­nen Men­schen brüll­ten mit hoch­ro­ten Köp­fen Kas­per zu, sich doch end­lich umzu­dre­hen, weil das Kro­ko­dil ihn sonst auf­frißt – und der ver­steht ein­fach nichts! Wir stan­den ‑mit unse­ren drei bis fünf Jah­ren- kurz vor einem Herz­kas­per vor Aufregung.

Eine klei­ne Pup­pen­spie­ler- und Schau­stel­ler­fa­mi­lie aus Eis­le­ben war über Jah­re hin­weg ziem­lich regel­mä­ßig in Siers­le­ben zu Gast und führ­te ihre Stü­cke auf.
Man konn­te gut ver­fol­gen, wie es ihr mate­ri­ell immer bes­ser ging. Lie­ßen sie anfangs, in Ditt­mars Saal, ihre Pup­pen noch vor einer, über einer Wäsche­lei­ne hän­gen­den, Decke tan­zen, kamen sie bald dar­auf mit einem eige­nen Zelt. Vor dem Zelt stand ein Stuhl mit einem Plat­ten­spie­ler, der einen schmis­si­gen Marsch über den Dorf­teich spuck­te. Der Impre­sa­rio höchst­selbst rühr­te die Klei­ne Trom­mel, das heißt, daß er die Marsch­mu­sik mit Trom­mel­schlag etwas auf­hübsch­te.
Beim nächs­ten Mal konn­ten sie einen neu­en, klei­nen, rot-wei­ßen Zaun um ein viel bun­te­res Zelt auf­bau­en und zusätz­lich noch ein Kin­der­ka­rus­sel dane­ben stel­len. Die­ses wur­de von uns Dorf­jun­gen von einer Platt­form aus frei­wil­lig gedreht, indem wir wie Dre­scho­ch­sen im Kreis  lie­fen, die Spei­chen­kon­struk­ti­on des Dreh­wer­kes vor uns her­schie­bend.
Wie­der­um ein Jahr spä­ter hat­te das Karus­sel einen Elek­tro­mo­tor und teil­te sich den Platz am Dorf­teich mit einer zusätz­li­chen Luft­schau­kel. Irgend­wann war alles ver­tre­ten, was bunt, schrill, glit­zernd war und sich dreh­te. So wuchs über die Jah­re eine Rum­mel-Tra­di­ti­on her­an und der Teich­platz war bei sol­chem Spek­ta­kel der Treff­punkt des hal­ben Dorfes.

Inhalts­über­sicht

Rübermachen en gros

Mei­ne gesam­te Schul­zeit hin­durch, die sich bis Juli 1961 erstreck­te, beglei­te­te mich das “Rüber­ma­chen” von Schul­freunden mit ihren Eltern, Nach­barn, Bekann­ten. Jeden Mor­gen stell­te sich immer die span­nen­de Fra­ge, wes­sen Platz in der Schul­klas­se ab heu­te leer blei­ben wür­de.
Beson­ders inter­es­sant wur­de es, wenn ein Leh­rer sich ent­schloß, sich im ande­ren Teil Deutsch­lands nie­der­zu­las­sen. Sogar unser ers­ter Schul­di­rek­tor K. war unter die­sen ”vater­lands­lo­sen Gesel­len” wie sie von lini­en­treu­en Genos­sen bezeich­net wur­den.
Auch eini­ge klei­ne Geschäfts­leu­te ver­lie­ßen in die­ser Zeit eben­falls unser Dorf in Rich­tung West­deutsch­land. Dar­un­ter befan­den sich der Inha­ber des Spiel‑, Glas- und Kurzwaren­ladens, ein Apo­the­ker, ein Bäcker­meis­ter, ein Flei­scher­meis­ter und Gast­wirt, der Inha­ber eines Möbel­ge­schäf­tes und Ande­re.
Auch Klein- und Mit­tel­bau­ern, die im Zuge der Boden­reform nicht ent­eig­net wur­den, gin­gen nach dem Wes­ten. Der Druck, in die, sich gera­de in der Grün­dung befind­li­chen LPGs einzu­treten, wur­de so groß, daß sie ihre jahr­hun­der­te alten Betrie­be über Nacht im Stich ließen.

Ich erin­ne­re mich, wie wir, sieb­zehn­jäh­rig, auf unse­re Fahr­rä­der gestützt mit­ten auf dem damals abso­lut auto­frei­en Dorf­platz stan­den und über die ges­tern in Ber­lin ent­stan­de­nen Mau­er rede­ten. Die poli­ti­sche Dimen­si­on erfaß­ten wir damals nicht ein­mal ansatz­wei­se. Die Nach­rich­ten­la­ge war schwie­rig, da das Fern­se­hen noch äußerst spär­lich ver­brei­tet war und Nach­rich­ten­sen­dun­gen des West­ra­di­os grund­sätz­lich ge­stört wurden.

Inhalts­über­sicht

Flüchtlinge oder Umsiedler?

Die im Stich gelas­se­nen Höfe der Klein­bau­ern, sowie die Höfe der bereits im Zuge der Boden­re­form ent­eig­ne­ten Groß­bauern wur­den von Neu­bau­ern bewirt­schaf­tet. Die­se waren Kriegs­flücht­lin­ge, in der DDR beschö­ni­gend als Umsied­ler bezeich­net.
Eini­ge Dut­zend Flücht­lings­fa­mi­li­en blie­ben auch in Siers­le­ben hän­gen. Für sie wur­de eine gan­ze Sied­lung von Rei­hen­häu­sern in kür­zes­ter Zeit aus dem Boden gestampft. Augrund man­geln­der Bau­ma­te­ria­li­en, wur­den die Häu­ser in Lehm­bau­wei­se auf­ge­führt, wes­halb die Sied­lung damals umgangs­sprach­lich als Lehm­dorf ‑ohne die spä­te­re nega­ti­ve Kon­no­ta­ti­on- bezeich­net wur­de und des­sen Häu­ser heu­te sehr begehrt sind.
Der dama­li­ge Sport­platz, bes­ser Fuß­ball­platz, in der Stein­hö­he war die­ser Sied­lung im Wege und so wur­de die­ser im Rah­men des Natio­na­len Auf­bau­wer­kes (NAW) an das öst­li­che Dorf­en­de zwi­schen Neue Stra­ße und Ris­te­bach ver­legt.
Die meis­ten Flücht­lin­ge konn­ten in den neu­en Sied­lungs­häu­sern mit den win­zi­gen Woh­nun­gen unter­ge­bracht wer­den. Eni­ge Fami­li­en aber leb­ten irgend­wo im Dorf ‑beson­ders in den soge­nann­ten Schlaf- und Fami­li­en­häu­sern- oft  in nur einem Raum, manch­mal sogar ohne Küche. Ihre Wohnungseinrich­tungen waren teils Spen­den von Dorf­be­woh­nern, teils wur­den sie von der Gemein­de dem Möbel­fundus geflüch­te­ter Ein­woh­ner ent­nom­men und ver­teilt. An Bad oder Innen­toi­let­te war nicht zu den­ken; auch die neu gebau­ten Sied­lungs­häu­ser waren damit nicht aus­ge­stat­tet. Hier befan­den sich die Toi­let­ten sogar auf der grü­nen Wie­se vor dem Wohn­häu­sern, so daß neu­gie­ri­ge Bewoh­ner Strich­lis­ten über die Stuhl­fre­quenz ihrer Nach­barn hät­ten füh­ren kön­nen.
Kamen die Umsied­ler aus den schle­si­schen Berg­bau­re­vie­ren, so fan­den sie schnell Arbeit im Mans­fel­der Kup­fer­re­vier. Unter den Flücht­lin­gen befind­li­che Tage­löh­ner, Knech­te und Kleinbau­ern, erhiel­ten, wenn sie woll­ten, eine Neu­bau­ern-Hof­s­tel­le. Aus wel­chen Grün­den auch immer, wur­de man­cher Flücht­ling Neu­bau­er, obwohl er kaum in der Lage war, einen Hof zu bewirt­schaf­ten. Beson­ders schwer hat­ten es die­je­ni­gen Frau­en, die ohne männ­li­chen Ernäh­rer hier stran­de­ten; es gab vie­le von ihnen, die auf den Kläu­ber­stäl­len der Schäch­te ihr Brot müh­sam ver­dien­ten.
Unter den Umsied­lern gab es selbst­ver­ständ­lich auch Leh­rer, Aka­de­mi­ker, Geschäfts­in­ha­ber und ande­re Stän­de, die in ihrer alten Hei­mat hoch­ge­ach­tet waren und hier, in einem klei­nen Vor­harz-Dorf, nicht nur ein Nichts waren, son­dern dar­über­hin­aus auch noch von man­chem Alt­ein­ge­ses­se­nen ange­fein­det wur­den. Da gab es mit­un­ter böses Blut.
Wir Kin­der aller­dings hat­ten kei­ne der­ar­ti­gen Ani­mo­si­tä­ten aus­zu­tra­gen; mehr als die Hälf­te mei­ner Schul­freun­de waren Umsied­ler­kin­der und sie waren wun­der­ba­re Freun­de. Sie kamen über­wie­gend aus dem Hau­er­land aus Schle­si­en, Böh­men, Bres­lau … Hal­lo, Hansi!

Inhalts­über­sicht

Speiseeis

Irgend­wann hat­te Bäcker Samt­le­ben ent­deckt, daß man mit Spei­se­eis eine gro­ße  Bedürf­nis­lü­cke decken konn­te. Kur­zer­hand durch­lö­cher­te er sei­ne Haus­wand und setz­te ein Fens­ter ein, durch wel­ches er nun sein Eis ver­kau­fen konn­te – eine klei­ne Kugel plus Spitz­tü­te für zehn und eine gro­ße Kugel plus Waf­fel­be­cher­chen für zwan­zig Pfen­nig. Jeder wei­te­re Betrag war mög­lich und man erhielt den Gegen­wert dann zwi­schen Shell­mu­scheln aus Waf­fel­teig.
Eine Zeit­lang erschien ein Eis­ver­käu­fer, der aus Gerb­stedt kom­mend, mit sei­nem Bei­wa­gen­krad die Dör­fer abfuhr. Gro­ße Iso­lier­be­häl­ter, die er in sei­nem sei­nem Bei­wa­gen mit Stri­cken ver­zurrt hat­te, ent­hiel­ten die Köst­lich­kei­ten. Der Gerb­sted­ter Eis­mann ver­kauf­te sein Erzeug­nis immer auf der Ein­mün­dung Stein­hö­he /​ Lin­den­stra­ße vor Schmied Fran­kes klei­ner Werkstatt.

Inhalts­über­sicht

Rübenmonster

Bereits sech­zig Jah­re bevor die heu­ti­ge Immer­schlaue Jour­nail­le nase­weis behaup­te­te, die Amis hät­ten Hal­lo­ween nach Deutsch­land gebracht, haben wir als Kin­der dies bereits gefei­ert – ohne aller­dings zu wis­sen, daß es ein­mal so so hei­ßen und ein gigan­ti­scher ein Wer­betrick sein wür­de.
Immer im Novem­ber, wenn die Rüben­kam­pa­gnen auf Hoch­tou­ren lief, höhl­ten wir gro­ße Fut­ter­rü­ben aus und schnit­ten Gesich­ter hin­ein, um abends bren­nen­de Ker­zen dar­in unter­zu­brin­gen. Der Kraut­schopf wur­de gera­de abge­schnit­ten und seit­lich mit einem Loch ver­se­hen, durch das die Hit­ze abzie­hen konn­te. Die­se Gru­sel­rü­ben stell­ten wir dann auf Fens­ter­bän­ke ‑vor­zugs­wei­se bei alten Men­schen- in der kind­li­chen Freu­de, daß die­se sich gehö­rig erschre­cken…
Nun muß man sagen, daß die Fut­ter­rü­ben nur eine Ersatz­lö­sung war – nor­ma­ler­wei­se hät­te es ein Kür­bis sein müs­sen. Kür­bis­se aber waren ein Lebens­mit­tel – und damit spielt man nicht.

Inhalts­über­sicht

Mein 17. Juni 1953

An den 17. Juni 1953 habe ich per­sön­lich lei­der nur noch eini­ge ‑wenig kon­trast und kon­tu­ren­ar­me- Erin­ne­run­gen.  Das, was eini­ger­ma­ßen deut­lich im Gedächt­nis blieb, ist, daß rus­si­sche Sol­da­ten mich dar­an hin­der­ten mei­nen Vater von sei­ner Arbeits­stel­le abzu­ho­len, wie ich es schon oft getan hat­te. Vater arbei­te­te auf dem Bro­sow­ski-Schacht, der erst seit etwa einem Jahr sei­nen neu­en Namen trug und vor­her über Jahr­zehn­te der Paul-Schacht war.
Ich war, wie immer, mit dem Fahr­rad dor­hin unter­wegs. Um Zwei Uhr nach­mit­tags war Schicht­schluß und gegen Drei Uhr war mein Vater nor­ma­ler­wei­se immer zu Hau­se. Also, mag es gegen 14:30 gewe­sen sein, als ich vol­ler Neu­gier lang­sam auf einen, mit­ten auf der Stra­ße zwi­schen Siers­le­ben und Schacht ste­hen­den, Mili­tär­last­wa­gen zufuhr, der die Stra­ße blo­ckier­te. Beid­seits der Stra­ße, in Höhe des Fahr­zeu­ges, lagen Rus­sen im Gras, qualm­ten ihre Papy­ros­sy und ‑ich schwö­re es- aßen urdeut­sche Bis­marck­he­rin­ge aus ihren schwar­zen Pfo­ten.
Einer der Russkis erhob sich bei mei­nem Näher­kom­men und stell­te sich mir breit­bei­nig in den Weg. Da ich mich nicht trau­te, ihn mit mei­nem Fahr­rad tot­zu­fah­ren brems­te ich 10 Meter vor ihm ab.
Was soll­te ich, knapp 9‑jährig, tun? – unbe­dingt den Sol­da­ten gnä­dig stim­men! Wie hieß doch gleich das Gedicht aus mei­nem Lese­buch über den gro­ßen Sta­lin? Im Kreml brennt noch Licht? Ja! – aber wie ging es?
Soll­te ich lie­ber “Freund­schaft” rufen oder “Frie­den”?- das Dum­me war nur – Rus­sisch-Unter­richt gab es erst ab der fünf­ten Klas­se und ich war in der Zwei­ten. So rief ich ver­zwei­felt das ein­zi­ge rus­si­sche Wort, das jeder im Land kann­te: “Iwan!“
Ein Rus­sen­bein stampf­te dro­hend auf und nach vorn. Gleich frisst er mich – doch ich hör­te so etwas wie nix far­ren chi­er und dawei zuchuck und sei­ne am aus­ge­streck­ten Arm hän­gen­de Hand wink­te rück­wärts, Rich­tung Siers­le­ben.
Ein­ge­schüch­tert fuhr ich viel­leicht hun­dert Meter zurück, setz­te mich ins Gras und war­te­te. An die­sem Tag bekam ich mei­nen Vater aber nicht mehr zu Gesicht. Erst am nächs­ten Tag saß er wie­der um Drei Uhr am Mittagstisch.

Mehr zum 17. Juni 1953 hier auf die­ser wei­te­ren Seite

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wird fort­ge­setzt

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