Bunte Karierte Republik Deutschland

Augen auf und durch

Fünf vor Zwölf?

Es gibt Tage im Leben, die prägen sich im Gedächtnis mehr ein als andere. Der erste Schultag gehört bei mir dazu und auch unser Hochzeitstag, sowie der Geburtstag unserer Tochter. Haften bleiben auch Todestage bzw. Trauerfeiern von Familienangehörigen, Bekannten, Freunden, Kollegen.

Eigene Geburtstage machen besonders bewußt, daß sich der Zeitpfeil unbeeinflußbar dehnt und Marken erreicht, die in der Vergangenheit wenig oder gar nicht, inzwischen aber doch mehr oder weniger als bedrohlich -zumindest aber als bedenklich- wahrgenommen wurden bzw. werden.
Der vierzigste Geburtstag war eine solche Marke, die signalisierte: Nur wenn Du viel Glück hast, steht die gleiche Spanne an Jahren noch einmal vor Dir. Spätestens am Fünfzigsten wird einem klar, daß der Zenit bereits passiert wurde, aber wann war das?
Wenn aber der 65. Geburtstag ins Haus steht ist es eindeutig klar: Es ist fünf vor zwölf. Langfristige Lebensplanungen, die fünf, zehn oder noch mehr Jahre in die Zukuft weisen sind töricht; es sei denn, man ist hoffnungsloser Optimist, oder beharrlicher Ignorant. Ständig wird einem bewußt: Dies könnte das Letzte Mal sein, daß man sich an einem bestimmten Ort aufhält - im Urlaub beispielsweise.
Es könnte das letzte Aufstellen eines Weihnachtsbaumes, der letzte Verwandtenbesuch sein.
Dies könnte das letzte Mal sein, daß man dieses verdammte Gerät repariert - beim nächsten Defekt wird es entsorgt werden.
Dies könnte das letzte Mal sein, daß eine bestimmte Arbeit im Haus, oder im Garten durchgeführt wird - das nächste Mal, nächstes Jahr, in einigen Jahren, macht es irgendjemand oder Niemand.
Über allen solchen Tätigkeiten und Dingen liegt zunehmend ein gewisser Hauch von Ungewissheit, einer eigenartigen, schlecht beschreibbaren Bewußtheit. Plötzlich beginnt man Unwichtiges aufzuräumen. Man entsorgt Krimskrams, den man seit Jahrzehnten kennt, der ohne je benutzt worden zu sein sich ansammelte und aufbewahrt wurde - in der Hoffnung vielleicht doch einmal benötigt zu werden, oder in der Absicht ihn ganz sicher einmal verwenden zu können. Es wird aber klar, daß niemand dieses Zeug braucht und es niemals -nie im Leben- einem vernüftigen Verwendungszweck zugeführt werden wird; auch nicht im Leben derer, die nach einem sind. Es krallen sich Gedanken fest, Ordnung schaffen zu müssen und doch ertappt man sich, das Herstellen und Schaffen dieser Ordnung immer wieder hinauszzuzögern. Und dabei ist einem klar -man hat ja schließlich diese Lebenserfahrung- es kann urplötzlich, innerhalb von Sekunden, passieren, daß Ordnung schaffen überflüssig geworden ist, daß ohne eigenes Zutun vollendete Tatsachen geschaffen worden sind.

Man beginnt aber auch das eigene Leben, daß ja immer mit dem Anderer verbunden ist, zu reflektieren. Man wägt ab und bewertet Mißerfolge und Erfolge, Handeln und Abwarten, Zuwenden und Abwenden, Helfen und Nichthelfen, Irrtum und Bestätigung, Toleranz und Intoleranz. Und man stellt fest, daß es unmöglich ist, sich selbst und das eigene Leben objektiv zu bewerten. Es geht nicht, zu viele Zweifel am richtigen oder falschen Handeln tauchen auf; es bedarf eines externen Spiegels. Nur Eines ist sicher, daß man nämlich immer das Gute wollte. Aber erst jenseits der Sechzig wird einem klar, daß der Satz “Ich will doch nur das Beste” eine der schlimmsten Absichtserklärungen ist, die man aussprechen kann; besonders gegenüber Kindern. Das Problem ist, vorher sagt einem das niemand -und wenn doch, wurde es weggewischt, weil man ja selbst keinen Rat annehmen wollte - und jeder, absolut jeder, auf dieser Welt stolpert in diese Das-Beste-Wollen-Falle. Jeder - Narren vielleicht ausgenommen.
Unglücklicherweise hat man im Leben aber keinen zweiten Wurf frei, um zu korrigieren. Man kann nicht probeweise leben und dann reklamieren, oder umtauschen. Niemand steht hinter der Ladentheke - nur aus dem Hinterzimmer wird man beobachtet. Jede Entscheidung für oder gegen etwas wird unverrückbarer Bestandteil, des eigenen Seins. Irgendwann wird man von jedem Für oder Wider eingeholt und Kinder, Partner, Andere -nicht man selbst- verbuchen dann die getroffenen Entscheidungen auf der eigenen Soll- oder Habenseite. Niemanden interessiert, daß viele Entscheidungen nicht frei gefällt wurden -und auch nicht konnten. Viele waren von außen beeinflußt, einige waren von außen gesteuert und andere erzwungen. Nur, das in der Bilanz mit dem Marker farbig zu unterlegen, ist sinnlos und impliziert Rechtfertigungsversuche; man hatte ja in den allermeisten Fällen die Möglichkeit alternativ zu handeln. Theoretisch.

Was man ebenfalls immer glaubt, nämlich daß man eigene Erfahrungen -sowohl gute, als auch schlechte- Anderen, besonders den eigenen Kindern, vermitteln kann, funktioniert auch nicht - einige wenige praktische Fähigkeiten vielleicht ausgenommen. Der Versuch dies zu tun, wird fast immer scheitern und unerwartete -nicht selten gegenteilige- Reaktionen hervorrufen. Im besten Fall sind diese zeitlich begrenzt und fordern lediglich die eigene Toleranz heraus und schlimmstenfalls reichen sie weit in die Zukunft hinein und erheischen die Toleranz anderer. Unfähig, dies zu erkennen, wird unnötig gedrängt, geredet, geärgert.
Steht der Zeiger, dann aber um die 60 herum, kann diese Erkenntnis wiederum nicht weitervermittelt werden - es hört niemand zu. Selbst also die Erkenntnis, daß Erfahrungen nicht vermittelbar sind, läßt sich nicht vermitteln.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>